Medien : „Wer nach oben will, muss Dreck fressen“

Als „Big Boss“ möchte Reiner Calmund die RTL-Sendung und den Standort Deutschland retten

Joachim Huber

Deutschlands Jugend wird ja leider im Container groß. Bei „Big Brother“ lümmelt sie auf dem Sofa, macht in Gruppendynamik und hat Sex aus Lust und Langeweile. Von Anstrengung keine Spur. Alles falsch, denn jetzt kommt „Big Boss“. Die Anleitung für das RTL-Format kommt – typisch! – aus Amerika. „Big Boss“ ist die deutsche Adaption des US-Erfolgsformates „The Apprentice“ (Der Lehrling), in dem die Kapitalismus-Ikone Donald Trump 16 Kandidaten so lange mit der schlichten Phrase „You’re fired“! schockt, bis einer übrig bleibt und künftig für Trump schuften darf. Ein Mega-Hype, drüben. Das erste Abziehbild fürs deutsche Fernsehen lieferte Pro 7 mit „Hire or Fire“. Das Format hat wirklich keinen interessiert und wurde nach nur einer Ausgabe eingestellt. Nun leben deutsche Fernsehmacher auch davon, dass sie nachher alles vorher gewusst haben. Für RTL und den Produzenten Grundy Light Entertainment war das klar, dass Konkurrent Pro 7 einen Flop der Sonderklasse abliefert: Wer kennt schon John de Mol, wer weiß, was ein Kreativdirektor ist? John de Mol sollte die deutsche Übersetzung von Donald Trump geben, der dem Gewinner den Job eines Kreativdirektors im John-de-Mol-Reich anbieten würde.

Alles falsch gemacht? Das RTL-Format ist in seiner Bauanleitung so fern von der Pro-7-Sendung nicht. Sechs junge Frauen und sechs junge Männer kämpfen um den Sieg, der entweder 250 000 Euro Startkapital für eine Existenzgründung oder einen Top-Job in der Industrie bedeutet. Die aus Tausenden von Kandidaten gecasteten zwölf Teilnehmer haben mit Hartz IV und Ein-Euro-Jobs nichts zu tun. Sie sind in der Business-Spur, ihre Lebensläufe lesen sich beachtlich. Zwei Beispiele: Sandra, 22, ist Studentin der European Business School, auf Marketing spezialisiert und hat Praktikums-Erfahrung bei einigen Konzernen gesammelt; Daniel, 28, der Unternehmersohn und BWL-Absolvent, ist selbst Unternehmer: Er vermarktet in Deutschland indische Lifestyle-Produkte. Und diese Menschen wollen jetzt am Dienstag um 20 Uhr bei RTL auftreten? In einem Sender, der um 22 Uhr 15 ins „Dschungelcamp“ schaltet, in dem sich neun C-Prominente für ein unwürdiges Karriereende zu Narren machen. Das Fernsehen, und wahrscheinlich nur das Fernsehen kann Menschen aus der Reserve locken. Die Motive sind vergleichbar: Eitelkeit, Suche nach Ruhm, sich vor einem Millionenpublikum beweisen wollen.

Die Mitspieler werden mit einem Dreigestirn konfrontiert: Reiner „Big Boss“ Calmund und seine Berater Bettina Steigenberger, eine Erbin aus dem Hoteliersclan, und Roland Tichy, Chefredakteur des Magazins „Euro“. Reiner Calmund, das ist der RTL-Gegenentwurf zum sehr smarten Pro-7-John-de-Mol. Vor 55 Jahren in Brühl geboren und Anfang 2004 nicht ganz freiwillig als Manager des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen ausgeschieden, verkörpert Calmund den rheinischen „Rau-aber-herzlich“-Kapitalismus. „Briefmarke auf den Arsch geklebt und ab durch die Mitte“, können seine Worte sein, wenn ein Teilnehmer sich verabschieden muss. Calmund ist, anders als de Mol, sehr populär, er ist beliebt, und er ist über die „Ochsentour“ in die Spitze bei Bayer Leverkusen gekommen. „Wer nach oben will, muss Dreck fressen.“ Als Chef, sagt er, ist er schwierig; Gott sei Dank für einen harten „Big Boss“ hat einer seiner Mitarbeiter mal über ihn gesagt: „Wenn du bei dem arbeitest, freust du dich aufs Sterben.“ Genau der richtige Spruch für einen, der eine gewaltige Masse Mensch in 1,74 Meter Körpergröße unterbringen will und eigentlich als Prototyp des gemütvollen Dicken gilt, der leidet,wenn er leiden lässt.

„Big Boss“: Das ist ein Fernseh-Spiel mit eingebauter Propaganda für Deutschland mit Sieger-Mentalität. Calmund: „Wir wollen Aufbruchstimmung erzeugen. Hier geht es ums Anpacken, um Leistungswillen, um Visionen – nicht immer nur das Gemecker und Genörgel über die schlechte wirtschaftliche Lage, über Arbeitslosigkeit.“ Wehe, wer sich ihm in den Weg stellt, der wird mit Optimismus überrollt. Tichy meint es wohl erst einmal ernst, wenn er sagt: „Das ist eine Riesenchance zur Förderung der Unternehmerkultur in Deutschland.“ Bettina Steigenbergers Botschaft lautet: „Wenn wir alles schlecht reden, ist alles schlecht.“ Ganz besonders die Belegungsquote in den Steigenberger-Hotels.

Eine Job-Show soll zum Beschleuniger des Aufschwungs werden, „Big Boss“ rettet ein Fernsehformat und den Standort Deutschland. In der ersten Runde bekommt jedes der beiden sechsköpfigen Teams 200 Euro in die Hand gedrückt. Aufgabe: Mit dem Startkapital, mit Herz und Hirn so viele Frankfurter Würstchen wie nur eben möglich zu verkaufen. Das Frauenteam verfällt auf einen schlimmen Trick: Jeder Käufer bekommt ein Küsschen dazu. Am Abend sind über 300 Euro verdient und die Männertruppe klar ausgestochen. Wie sich die Teams geschlagen haben, darüber berichten Bettina Steigenberger und Roland Tichy direkt an den „Big Boss“, und der fällt im Konferenzraum mit scharfer Zunge sein scharfes Urteil über einen Kandidaten/eine Kandidatin aus dem jeweiligen Verliererteam: Raus! „Big Boss“ regiert mit Imperativ und Ausrufezeichen.

In den nächsten Runden werden die Aufgaben für die Kandidaten, die wie die „Big Brother-Leute“ gemeinsam unter einem Dach leben, komplexer, kopflastiger. So muss zum Beispiel eine Werbekampagne für eine Billigfluglinie entwickelt werden. Was die wenigen Ausschnitte, die RTL beim Pressegespräch in Berlin zeigte, offenlegen: Bei „Big Boss“ ist der Höhepunkt sehr stark auf die Momente geschürzt, in denen Calmund im Jargon der Fußball-Kabine den Kandidaten fehlende Leidenschaft, Traumtänzerei, Arroganz und unterentwickelten Teamgeist um die Ohren haut. Was Calmund mag: den „jungen Calmund“, den „Malocher“, der sich zum „Macher“ verfeinert hat. Mit dem Spruch „Es kommt eben nicht drauf an, was du kannst, sondern was du tust“ ist klar, dass acht Sprachen fließend für „Big Boss“ keinen Anspruch auf Nadelstreifen und Kostümchen formulieren. Könnte sein, dass das RTL-Format aus Wirtschafts- und Unterhaltungsfernsehen Akademiker-Bashing betreibt.

Womit der Zuschauer ins Blickfeld gerät: Er soll Schadenfreude, Sympathie und Antipathie spüren, Partei nehmen. Wie bei „Big Brother“, wie beim „Dschungelcamp“.

„Big Boss“, RTL, 20 Uhr 15

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