Medien : „Wer profund recherchiert, wird überleben“

Time Inc.-Chefredakteur Norman Pearlstine über die Zukunft der Zeitschrift und Bush als Mann des Jahres

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Herr Pearlstine, Sie sind Chefredakteur der 138 Magazine von Time Inc. Wie ist das zu schaffen?

Die Hefte haben eigene Chefredakteure, die ich aussuche. Nur bei unseren wichtigsten Zeitschriften, dem Nachrichtenmagazin „Time“ oder dem Wirtschaftsmagazin „Fortune“, lese ich die Druckfahnen. Ich hänge mich aber nicht an Details von einzelnen Artikeln auf, das würde die Chefredakteure verrückt machen.

Sind Sie geschäftlich in Berlin?

Ich bin auf der Durchreise, ich war beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und Deutschland ist ein sehr wichtiger Medienmarkt, den ich besser verstehen möchte.

Schauen Sie sich deutsche Zeitungen an?

Ich habe am College nur ein Jahr Deutsch gelernt. Am Ende des Jahres sagte mein Professor, er würde mich durchkommen lassen, wenn ich ihm verspräche, keinen weiteren Kurs zu belegen. Ich war wirklich schlecht. Mein Deutsch reicht für einen groben Eindruck. Mich interessieren aber besonders die internationalen Strategien der deutschen Verlage. Springer geht jetzt mit „Forbes“ und „Newsweek“ nach Russland. Burda ist lange dort.

Die deutschen Verlage verdienen ihr Geld in Osteuropa. Hierzulande stagnieren die Auflagen oder schrumpfen sogar.

Man muss heute überall neue Leser suchen. Im vergangenen Jahr haben wir bei Time Inc. fünf neue Hefte gegründet, so viele wie noch nie in unserer Geschichte. Im Oktober haben wir das Traditionsblatt „Life“ als kostenlose Beilage von 70 Tageszeitungen wiederbelebt. Wir hoffen, dass „Life“ dem Fernsehen Werbekunden abjagt. Im Fernsehen verbreitet sich eine neue Technologie, die das Programm zeitversetzt ausstrahlt. Werbeblöcke können dann einfach herausgeschnitten werden. Das ist die Chance für die Zeitschrift.

Aber Fernsehen ist so viel bequemer als Lesen. Wer liest noch auf lange Sicht?

Wenn Magazine interessante Geschichten bieten, wenn sie profund recherchieren, werden sie überleben. Um das leisten zu können, müssen Verlage international kooperieren. Was wissen wir schon, was genau in Hongkong los ist?

Das geht auf Kosten der Meinungsvielfalt.

Dass Verlage zusammenarbeiten, heißt noch lange nicht, dass sie gleichgeschaltet sind. Ich kontrolliere bei Time Inc. die Berichterstattung über unser Unternehmen. Ich sage Ihnen: Keiner hat die Fusion von unserer Mutter Time Warner und dem Internet-Dienstleister AOL so skeptisch beurteilt wie unsere eigene Zeitschrift „Fortune“. Dort hieß es, bevor dieser Merger klappe, schiebe eine Ameise einen Felsbrocken über die Alpen.

Das Problem der Fusion war, dass die Internet-Blase geplatzt ist.

Als in New York selbst die Taxifahrer als Daytrader mit Aktien handelten, war klar, dass das Ganze überhitzt war.

Wie sehr setzt das Internet längerfristig Zeitungen und Zeitschriften zu?

Die Stärke des Internets ist seine Aktualität. Doch es liefert nur Informationsbrocken. Die Aufgabe der Printmedien bleibt es, sie zur Synthese zusammenführen, Sinn zu produzieren. Die Printtitel müssen sich zu Marken machen, denen die Menschen vertrauen. Bislang waren in Amerika die profitabelsten Objekte die Objektivsten: die „New York Times“, die „Washington Post“. Das Phänomen von Rupert Murdoch ist, dass sein Nachrichtensender Fox News alles andere als objektiv ist und trotzdem eine große Zuschauergemeinde hat.

Nicht nur Fox News, die meisten Medien haben George W. Bushs Krieg gegen den Terror lange unterstützt. Hat der US-Journalismus versagt?

Die Anschläge haben die Journalisten, die ja zum großen Teil in New York leben, traumatisiert. Das Brillante an der Wahl des World Trade Centers als Ziel war, dass die Finanz- und die Medienwelt gleichermaßen getroffen wurde. Außerdem waren unsere besten Reporter der Meinung, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gebe. Die Stimmung hat sich schnell gedreht …

… im Wahlkampf sprach sich ein Großteil der US-Zeitungen in ihren Leitartikeln für Kerry aus. Trotzdem wurde Bush gewählt. Hat die US-Presse so wenig Einfluss?

Leitartikel haben Einfluss auf Menschen, die Leitartikel lesen. Und sehr viele Leute tun das eben nicht.

Der „New Yorker“ hat erstmals ein so genanntes Endorsement geschrieben, für Kerry. Hat sich eines Ihrer 138 Hefte für einen Kandidaten ausgesprochen?

Nein. Wenn, wäre nur „Time“ in Frage gekommen. „Entertainment Weekly“ kann sich meinetwegen dafür aussprechen, wer einen Oscar gewinnen soll. Ich lehne für unsere Zeitschriften parteipolitisch gefärbte Berichterstattung ab. Die Redakteure sollen umfangreich recherchieren und dann einen Artikel schreiben, der zu einem Standpunkt führt.

Trotzdem glaubt man eine Nähe von „Time“ zu George W. Bush zu erkennen, er wurde 2004 schon zum zweiten Mal zum Mann des Jahres gewählt.

Wir haben uns den Kopf zerbrochen, wen wir sonst nehmen könnten. Aber da ist uns nur Karl Rove eingefallen, Bushs Wahlkampfmanager. Der Mann des Jahres muss ja die Person sein, die die Nachrichten im Guten wie im Schlechten am meisten beeinflusst hat.

Dann hätte 2001 bin Laden den Titel bekommen müssen und nicht Giuliani.

Giuliani hat die Nation zusammengebracht, als der Präsident von seinen Sicherheitsbeamten irgendwo in Nebraska und in Louisiana geparkt war. Jim, warum haben wir nicht bin Laden gewählt?

(Norman Pearlstine wendet sich an Jim Kelly, den Chefredakteur von „Time“, der hinzugekommen ist.)

KELLY: Wir trafen die Entscheidung im November, als die US-Armee ihn in Tora Bora zu finden glaubte. Bin Laden galt zu dem Zeitpunkt als sinkender Stern.

Das Gespräch führte Barbara Nolte.

Norman Pearlstine, 62, ist Chefredakteur von Time Inc., dem weltgrößten

Magazin-Verlag mit Sitz in New York.

Zuvor war er über 20 Jahre beim „Wall Street Journal“.

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