Medien : „Wer schnappt sich die Kohle?“

Gewinnspiele in Hörfunk und Fernsehen werfen immer Geld ab – für die Veranstalter

Eckart Lottmann

Seien Sie mal ehrlich, Sie haben es auch schon gemacht. Sie haben auch schon beim Radio oder beim Fernsehen angerufen, um Geld zu gewinnen. Sie haben Wörter geraten, Geräusche bestimmt oder sowas, und jedes Mal 49 Cent bezahlt, stimmt’s? Lieber nicht ausrechnen, wie viel das inzwischen schon ausmacht.

Berlin hat zwei Radiosender, die größere Gewinnspiele veranstalten, 94.3 R.S.2 und 104.6 RTL. R.S.2 fragt stündlich einmal seine Hörer nach dem „Geheimnisvollen Geräusch“. Wer in die Sendung geschaltet wird, kriegt schon mal fünfzig Euro und darf raten. Höflich stellt der Moderator noch eine harmlose Nachfrage, und wir kleben am Lautsprecher: Isses das? Ach, es seufzt der Moderator: „Nein, LEIDER NICHT, aber bleib dran, versuchs nochmal, ja?“

Bei RTL darf man raten, was eine Person gesagt hat. Man hört einen Satz, in dem ein Wort durch ein Piepen ersetzt wurde. Neulich war ein Satz von Michael Schumacher dran: „Hier ist es sicherlich mehr der (Piep!) , der hier zum Tragen kommt.“ Wer sich auf der RTL-Website mit seinen persönlichen Daten anmeldet, wird dadurch zum „Web-VIP“ und kann sich den Satz nochmal anhören. RTL hat zum Mitspielen auch eine Festnetznummer angegeben, die nur die Ortsgebühr kostet. Aber die Festnetznummer war leider nicht in Betrieb, so oft ich es auch probierte. Da rief ich natürlich die 0137-Nummer an, die 49 Cent pro Minute kostet. Ich sage Ihnen lieber nicht, wie oft.

Bis zu 60 000 Anrufe bekommt RTL 104,6 pro Tag, je nach Höhe des aktuellen Jackpots. Rund 30 000 im Durchschnitt sind es beim „Geheimnisvollen Geräusch“ von r.s.2. Gewinn mache der Sender damit nicht, sagt Stefan Hampe, der Programmgeschäftsführer von r.s.2, aber er spare sich damit teure Eigenwerbung: „Die Einnahmen aus den Telefonanrufen sind ein Beitrag, um die Marketingkosten zu decken.“ Seit Juli habe man etwa 150 000 Euro durch die Anrufe eingenommen, und die gleiche Summe auch wieder an Gewinnen ausgeschüttet.

Die Anrufszahlen lassen sich noch erheblich steigern, weiß Goldmedia, ein Marktforschungsunternehmen im Medienbereich. Goldmedia erforscht derzeit die Nutzung der TV- und Hörfunkangebote, die zur telefonischen Teilnahme auffordern. Gewinnspiele sind solche typischen „Call-Media“-Angebote. Noch experimentiere man im Hörfunk mit Call Media, doch der Boom sei unverkennbar, sagte ein Goldmedia-Mitarbeiter auf den Medientagen in München ins interessierte Publikum.

Nimmt man die Umsätze von Call Media bei Hörfunk und Fernsehen zusammen, wird klar, dass hier richtig gutes Geld verdient wird. Im letzten Jahr sei der Umsatz auf insgesamt 320 Millionen Euro gestiegen. Hervorzuheben ist dabei der Fernsehsender 9 Live, der knapp 79 Millionen Euro Umsatz machte. Hervorgegangen aus dem einstigen „Frauensender“ TM3erreichte 9 Live durch die Umstrukturierung zum „Quizsender“ die Gewinnzone: 2003 wurden 29,3 Millionen Euro verdient. Eine Million Euro zahlt der Sender nach eigenen Angaben jeden Monat an Gewinnen aus.

Die Quizshows von 9 Live kommen in der Tat recht ungewöhnlich daher. Gerne werden Bilder gezeigt, auf denen irgendetwas nicht stimmt, was dann zu erraten ist. Beispielsweise wurden zwei Bilder von Paris Hilton mit einem Fehler im Oberteil gezeigt. Tausend Euro waren als Gewinn ausgesetzt, daneben war als möglicher Jackpot die Zahl von 15 000 Euro eingeblendet. Moderator Robin Bade zeigte sich als variantenreicher Dauerredner: Er bat herzerweichend um Anrufe, forderte und flehte, war erschüttert, begeistert und dann wieder fast resigniert. „Wer nimmt sich jetzt sofort die Kohle mit?“

Eine Sirene heulte, eine Uhr tickte überlaut, nun hielt Robin sein Gesicht in die Kamera, immer neben den beiden Hilton-Fotos. „Ich will, dass Sie es jetzt probieren!“, flüsterte Robin und schaute hypnotisierend in die Kamera. Jetzt erhöhte er den Gewinn sogar auf 1500 Euro. „Hallo?“ brüllte Robin. „Sie müssen jetzt anrufen!“ Ich tat es. Eine freundliche Frauenstimme sagte: „Wir hätten Sie gern in der Sendung gehabt, aber leider hat es nicht geklappt.“

So und ähnlich läuft es bei 9 Live. Der Sender spricht vom „Fernsehen der Zukunft“, das er schon jetzt umsetze – „publikumsnah und live“. Rechnet man die offiziellen Zahlen aus dem vierten Quartal 2002 hoch, kommt man auf eine Größenordnung der täglich bei 9 Live eingehenden Anrufe von 750 000 bis eine Million. Jeder Anruf kostet 49 Cent, mindestens. Die Österreicher zahlen sogar 70 Cent. Die Telefongesellschaften kassieren von diesen Beträgen nur einen geringen Bruchteil.

Der Call-Media-Markt ist noch nicht ausgeschöpft. Goldmedia hat ermittelt, dass es noch weit verbreitete Vorbehalte gegen die teuren 0137-Nummern gibt. Fast drei Viertel derjenigen, die diese Nummern nicht nutzen, halten sie für „unseriös“. Goldmedia rät den Anbietern deshalb, den „Akzeptanzproblemen“ aktiv entgegenzutreten: „Transparenz der Angebote muss oberste Priorität genießen.“ Wenn das geschehe, seien mit Call-Media-Angeboten Gesamtumsätze von einer Milliarde Euro pro Jahr erzielbar.

Wieder schalte ich 9 Live ein. Diesmal sollen aus einem Haufen Buchstaben die Namen von fünf europäischen Hauptstädten erraten werden. Der junge Moderator ist schon wieder völlig fertig mit den Nerven wegen der Leute, die das nicht rauskriegen. „Was soll ich denn da noch sagen?“, fragt er verzweifelt. „Was hat Desirée Nick über Dolly Buster gesagt? Sie hat gesagt: ‚Ich beiß den Männern wenigstens nicht in die Eier.’“ Dann kommt der Moderator wieder auf sein eigentliches Thema: „Meine Fresse!! Kann sich jemand mal so einen Scheiß-Atlas schnappen und die Hauptstädte nachgucken??“

9 Live nennt so etwas „interaktive Live-Fernsehunterhaltung“ und sieht sich als „Vorreiter der neuen Sendergeneration des Transaktionsfernsehens“. Der Weg führe „hin zum Kundenfernsehen. Aus Zuschauern werden Kunden.“ 9 Live-Pressesprecherin Sylke Zeidler möchte es lieber etwas persönlicher sagen: „Wir machen ein Programm auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, wir sind wie eine Familie, wo es auch mal lustig zugeht.“

So gesehen bekommt der Zuschauer das Programm, das er verdient. Und legal ist das alles, natürlich. Im Frühjahr hat die Staatsanwaltschaft München Anzeigen gegen den Fernsehsender 9 Live wegen des Vorwurfes der Manipulation, des Betruges, der Veranstaltung unerlaubten Glücksspiels und der Täuschung von Zuschauern abgewiesen, teilt 9 Live mit. Es darf weiter angerufen werden.

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