Medien : Wer tötete die Rollstuhlfahrerin?

Stefan Krohmers neues Fernsehspiel erinnert an einen „Miss Marple“-Krimi alter Schule

Katrin Hillgruber

Was wäre das gegenwärtige deutsche Fernsehspiel ohne den omnipräsenten deutschen Mittelklassewagen? Ganz sicher ärmer an Hinweisen zur sozialen Einordnung der handelnden Personen, ärmer an Schleichwerbung und insgesamt weniger vorhersehbar. Auch das neue Gemeinschaftswerk des kreativen Trios Stefan Krohmer (Regie), Daniel Nocke (Buch) und Gunnar Fuß an der Kamera beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt, um dann in einer eigentümlichen Statik zu verharren – bis es unter völlig veränderten Umständen wieder nach Hause geht.

Es ist eine Fahrt vom A der Realität zum B der Wünsche, aus der existenziellen Unsicherheit hin zum vermeintlichen Wohlstand, die der arbeitslose Journalist Jakob (Thomas Dannemann) mit seiner Freundin, der Archivarin Annette (Marie Bäumer), unternimmt. Sein Studienfreund Arved hat die beiden zu einer Sommerparty auf sein zypressenumstandenes Anwesen eingeladen. Zehn Jahre nach dem gemeinsamen Examen ist Arved ein erfolgreicher Politiker (Michael Rotschopf oszilliert zwischen wendig und schmierig). Zynischerweise gründet sich sein positives Image nicht zuletzt darauf, dass er mit einer Frau im Rollstuhl verheiratet ist. Nun hat er völlig überraschend Jakob nach langer Funkstille eine Stelle in seinem Team angeboten.

Der schüchtern-verträumte Jakob und die einnehmende Annette, strahlend vor Mitfreude an seinem bevorstehenden Erfolg, sind von Anfang an Fremdkörper in dieser Festgesellschaft der scheinbar Arrivierten. Es wimmelt von hysterischen Umarmungen und überflüssigen Floskeln wie „Wenn du gute Antennen hast, hörst du ein bisschen mehr“ oder „Er liebt mich, und das tut mir gut“. Da erblickt Annette auf einmal Diana (Valerie Koch) aus der Ferne in ihrem Rollstuhl, und alles ändert sich. Denn die beiden Frauen verbindet als ehemalige Nachbarskinder ein Trauma: Diana saß mit Annettes kleinem Bruder in einer ausrangierten Ponykutsche, als sich die Bremsen lösten und die Kinder einen Abhang auf die Straße hinunterrasten. Annettes Bruder starb, Diana überlebte gelähmt und gibt seither Annette die Schuld an dem Unfall.

Wie Marie Bäumer diesen Moment des Entsetzens, ab dem sie nur noch fliehen will, mimisch umsetzt, ist sehenswert. Ohnehin lebt der ganze Film von ihrem intensiven Spiel. Im dünnen, weit ausgeschnittenen Sommerkleid wirkt sie besonders schutzlos. Panik flackert in ihrem Blick auf, als Arved, der die Vorgeschichte angeblich nicht kennt, sie auffordert, Diana draußen an der Steilküste zu besuchen: „Fühl dich nicht unter Druck gesetzt, aber sie mag interessante Menschen.“ Ähnlich dem tapferen Rotkäppchen zieht sich Annette daraufhin einen grünen Mantel an und stapft in die Nacht davon, sich der Aussprache mit Diana zu stellen. Die hat sie längst erwartet, um einen erregten Monolog über ihr Leben als „Vorzeigekrüppel für einen korrupten Politiker“ zu halten. Einige Zeit später – in der Nacht erscheint bekanntlich alles relativ – liegt Diana tot neben ihrem Rollstuhl am Strand.

Stefan Krohmer, Daniel Nocke und Gunnar Fuß haben das Genre Fernsehspiel schon öfters durch ihre sarkastische Kühle bereichert und an die Grenzen geführt – zuletzt in „Familienkreise“ (BR). In diesem im politisch stillgelegten Bonn angesiedelten Drama war mitzuerleben, wie die Welt eines heimgekehrten Auslandskorrespondenten in Scherben fiel, was von einem Erzähler aus dem Off kommentiert wurde, ganz wie im epischen Theater. Jetzt ist Krohmer noch einen Schritt weiter zurückgegangen, hin zur aristotelischen Einheit von Raum und Zeit. Das erinnert an „Miss Marple“-Krimis alter Schule, nur dass Marie Bäumer ungleich attraktiver ist.

„Ein toter Bruder“: ARD, 20 Uhr 15

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