Medien : Wer weint, gewinnt

Was Neun Live plant, läuft in Argentinien mit großem Erfolg: eine Arbeitslosen-Show

Christian Bahr[Buenos Aires]

Von Christian Bahr,

Buenos Aires

Der Fernsehkanal Neun Live dürfte so ziemlich der Erste gewesen sein, der sich das Hartz-Papier wirklich zu Herzen genommen hat. Der Privatsender stellte Pläne für eine Arbeitslosen-Vermittlungsshow vor. Und was war der Dank? Kritik von allen Seiten: Sogar die „Bild“ sprach von „Verhöhnung“ von Menschen. Die Deutschen fühlen sich bei einer Arbeitslosen-Show offenbar an einen Sklaven-Markt erinnert.

Anders die Argentinier. Sie gehen mit der Vermittlung von Arbeitslosen vor laufender Kamera ganz unbefangen um. In ihrem Nachmittagsprogramm ist eine Arbeitslosen-Show das, was bei uns zurzeit die Gerichtsshows sind: der absolute Quotenrenner. „Recursos humanos“ heißt die Show („Menschliche Ressourcen“). Täglich bewerben sich Hunderte beim Canal 13, der die Show immer um 17 Uhr ausstrahlt. Aus der Bewerberpost werden für jede Sendung zwei Kandidaten rausgefiltert, die in der Sendung um jeweils eine Arbeitsstelle konkurrieren. Am Ende entscheiden die Zuschauer per Telefonvotum, wer den wertvollen Gewinn erhalten soll.

Zum Beispiel Natalia Conti. Sie ist 27 Jahre alt, hat studiert und möchte Lehrerin werden. Ein Vier-Minuten-Video schildert ihr Leben, es ist mit sentimentaler Klaviermusik untermalt. Wie die junge Frau hoffnungsvoll bangt, wenn sie wieder eine Bewerbung geschrieben hat. Und wie alles Warten am Ende aussichtslos ist. Natalia Contis Großmutter, ihre Mutter und ihre ehemaligen Lehrerinnen sind im Fernsehstudio erschienen, um ihre Vorzüge zu loben.

Erster Preis: ein Arbeitsvertrag

Doch ihre Konkurrentin um den Job der Lehrerin hat einen Vorzug, gegen den alles Lob von Natalias Clan nicht ankommt. Viviana Ardiles hat eine Tochter, die kleine Maria, die in der Show herzerweichend weint. Der grauhaarige, so seriös wirkende TV-Moderator Néstor Ibarra, der wie immer im feinen Anzug auf der Showbühne steht, ist kurz davor, sein professionelles Lächeln zu verlieren. Seine Show soll ans Herz gehen, aber ist ein weinendes Kind nicht des Guten zuviel? Die Zuschauer sehen das anders. Am Ende der einstündigen Sendung bekommt Viviana Ardiles den Job. Erlöst lächelnd, mit der weinenden Maria auf dem Arm, unterschreibt sie den Arbeitsvertrag.

Der eigentliche Gewinner der Show ist ihr Produzent Oscar Obregon. Ihm bescherte die Sendung schon viele Dollars – er ist sozusagen leuchtendes Vorbild, wie man mit Kreativität aus der argentinischen Wirtschaftskrise rauskommt. „Wir haben die erste Arbeitslosenshow der Welt erfunden, sie ist eine argentinische Idee“, sagt Obregon stolz.

Eine Idee, die aus der akuten Not geboren wurde: Anfang des Jahres war die krankende argentinische Wirtschaft endgültig zusammengebrochen. Der Fernseh-Mann reagierte sofort darauf: Wieso Autos als Hauptgewinn verschenken, wenn es Kostbareres auf Erden gibt? Zum Beispiel die Autos der anderen waschen zu dürfen. Für einen Lohn von umgerechnet 150 Euro im Monat. Gegen den drohenden Hunger. Denn erwerbslos heißt in Argentinien auch brotlos. Es gibt keinerlei Arbeitslosenunterstützung vom hoch verschuldeten Staat. Offiziell sind 23 Prozent in Argentinien arbeitslos. Ebenso viele schlagen sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch.

Mit Hilfe von „Recursos humanos“ kamen im halben Jahr, in dem es die Sendung jetzt schon gibt, 250 Bauarbeiter, Bäcker oder Klempner zu einer neuen Stelle. In Argentinien spricht keiner von Menschenhandel. Dort ist die Show so selbstverständlich wie die Sendung „Herzblatt“ in Deutschland, in der Singles an den Partner gebracht werden. Moderator Ibarra bekommt am Ende der Sendung immer tosenden Applaus.

Dass das Phänomen Arbeitslosigkeit nicht allein die Schwellenländer betrifft, hat auch der Unterhaltungsgigant Sony erkannt. Die Sony-Tochter Columbia Tristar Pictures kaufte daher im September von den Argentiniern die Rechte zur weltweiten Vermarktung des Sendeformates. In Hongkong läuft seit August ein Ableger – auch mit großem Erfolg.

Die deutsche Show – ein Plagiat?

Bald soll Deutschland folgen. Aber darauf ist Produzent Obregon nicht stolz, er ist wütend: „Es hat eher den Anschein, es handelt sich bei der Neun Live-Sendung um eine Kopie“, sagt er, „es ist doch seltsam, dass es eine gleiche Sendung in der Welt geben soll.“ Auf Wunsch der Argentinier sollen nun erst einmal die Anwälte von Columbia Tristar Pictures tätig werden. Geld für die Rechte zahlten die Macher in München nämlich nicht.

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