Medien : Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?

Auch Kinder wollen wissen, was auf der Welt passiert. Nachrichtensendungen wie „logo!“ sagen es ihnen

Alva Gehrmann

Selbst das ist eine Frage des Alters. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage der Fernsehzeitschrift „TV Today“ gilt Ulrich Wickert zwar für 59 Prozent der Deutschen als bester, weil kompetentester und seriösester Nachrichtenmoderator. Schaut man sich die Umfrageergebnisse aber genauer an, fällt auf, dass „Mister Tagesthemen“ vor allem bei den über 50-Jährigen beliebt ist. Bei den jüngeren Fernsehzuschauern ist das anders. Unter den 14- bis 29-Jährigen sagen 46 Prozent, Kloeppel sei der Beste. In dieser Altersgruppe liegt Wickert mit 40 Prozent nur auf dem zweiten Platz im Beliebtheitsranking der Nachrichtenmoderatoren. Was die Studie nicht verrät, ist, wen die ganz jungen Fernsehzuschauer, die unter 14-Jährigen gut finden. Kein Wunder, Nachrichten werden schließlich für Erwachsene gemacht. Oder etwa doch nicht?

„Es bot sich ein Bild des Schreckens“, erzählt Käpt’n Blaubär seinen Enkeln. Und spricht dabei nicht vom Krieg, sondern vom Anblick der Marshmallow-Insel im kandierten Ozean. Obwohl deren Bewohner „die größten Schleckermäuler aller Zeiten“ waren, hatte ihr Herrscher, George Blödington, alles Süße von der Insel verbannt. Denn er litt an Zahnwahn. „Da wird man zum Tyrannen“, heißt es weiter in der Käpt’n-Blaubär- Geschichte, die in der WDR-Redaktion „Die Sendung mit der Maus“ auf dem Index steht. Sie wird derzeit nicht ausgestrahlt, weil sich die jungen Zuschauer ausruhen sollen – von den Kriegsbildern, aber auch von Begriffen wie „Tyrann“ oder „Bild des Schreckens“.

„Jede Anspielung wäre im Moment zu viel“, sagt Hilla Stadtbäumer, verantwortliche „Maus“-Redakteurin. „Deshalb wird auch ein Beitrag über die Herstellung von Schiefer nicht ausgestrahlt, weil darin eine Sprengung zu sehen ist.“ Ansonsten stellt sich die Redaktion aber aktuellen Themen. Schließlich sind ihre Zuschauer neugierig, wollen die Welt erklärt bekommen – und zwar so, dass sie sie verstehen. Die „Tagesschau“ kann das nicht leisten, die Nachrichten dort sind eben nicht kindgerecht aufbereitet. „Maus“-Reporter Armin Maiwald dagegen weiß, wie man es macht, Bundestagswahlen so zu erklären, dass auch die Kleinen kapieren, wie das funktioniert. Demnächst werden in Kinderporträts verschiedene Glaubensrichtungen vorgestellt. Auch mit der Frage „Wie entsteht eigentlich Krieg?“ wird sich die Redaktion befassen – aber erst später, noch sind die Bilder vom Irak zu nah.

Bereits für die Kleinen soll das Fernsehen nicht nur Ort der Unterhaltung sein, sie sollen auch informiert werden. Das gehört zum Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender, und so haben sie auf dem Kinderkanal (Kika) ihre eigenen Nachrichten: „logo!“ wird montags bis freitags ausgestrahlt. „Kinder müssen heute viel mehr Informationen verarbeiten. Da muss man ihnen auch helfen, sich damit auseinander zu setzen“, sagt Verena Egbringhoff, Redaktionsleiterin von „logo!“. Sie davon fern zu halten, bringe nichts, „denn sie bekommen es ohnehin mit.“ Der Unterschied zu anderen Nachrichten ist jedoch, dass ihnen bei Kika die Ereignisse behutsamer vermittelt werden. „Bei uns gibt es kein Blut, keine Leichen und keine brutalen Bilder. Dennoch reden wir darüber, wenn Menschen gestorben sind“, sagt Egbringhoff. Doch der Redaktion geht es nicht immer nur um aktuelle Nachrichten, sondern auch darum, Hintergründe und Zusammenhänge zu erklären. Sei es, was die Genfer Konventionen sind, was eine politische Partei macht oder sei es zu zeigen, was es für ein Kind bedeutet, wenn die Eltern arbeitslos sind. Hauptzielgruppe sind Acht- bis 13-Jährige.

Die vom ZDF produzierte Sendung wird jeweils um 16 Uhr 50 auf dem Kika ausgestrahlt (via Satellit auch montags bis donnerstags um 19 Uhr 50). Das „logo!“-Studio ist bunter als das der „Tagesschau“ oder des „heute-journals“, die Moderatoren jugendlicher. „Finger weg von der Fernbedienung. Hier wartet deine spannende Portion News“, begrüßt Kim Adler, 24, seine Zuschauer. Dann berichtet er über neue Sars- Fälle, die EU-Osterweiterung und „Superstar“ Daniel.

Um die Interessen und Bedürfnisse der Zielgruppe zu treffen, stellen sich die Redakteure stets die „Kinderfrage“. Jedes Thema, das Kinder bewegt, ist grundsätzlich ein „logo!“-Thema und wird aus ihrem Blickwinkel erzählt: Die Schulzeugnisse ebenso wie der Amoklauf von Erfurt oder der Irak-Krieg. Gerade in Krisenzeiten bestehe eine noch engere Verbindung zwischen der Redaktion und den Zuschauern, sagt Verena Egbringhoff. „Was wir in der Sendung realisieren, hängt auch damit zusammen, was die Kinder fragen.“ Reportagen aus der „kindlichen Sichtweise“ produziert auch der SFB. Vergangenes Jahr etwa wurden in einem 30-minütigen Dokumentarfilm zwei Kinder begleitet, deren Familien vom Elb- Hochwasser betroffen waren. „Mit solchen Reportagen versuchen wir, sie an das Format heranzuführen“, sagt Steffen Kottkamp, zuständig für das SFB-Familienprogramm. Denn: „Dass Kinder süchtig nach realen Ereignissen sind, hat man bei den ,Superstars’ und bei ,Big Brother’ gesehen.“ Kottkamp betreute unter anderem das Info- Magazin „Null-Acht-13“ (ARD), in dem Oli P. über Trends und aktuelle Ereignisse berichtet hat. Die Sendung wurde inzwischen eingestellt, da bei der Gemeinschaftsproduktion eine Sendeanstalt abgesprungen sei, so der SFB-Redakteur. Dennoch ist für ihn eine kind- und jugendgerechte Berichterstattung weiterhin interessant: „Derzeit überlegen wir, am Wochenende eine Nachrichtensendung für Kinder zu machen, die in der ARD ausgestrahlt werden soll“, sagt Kottkamp.

Dann hätten Kinder jeden Tag ihre eigenen Nachrichten. Altersadäquat zu informieren, ist nach Ansicht von Rainer Schütz ein wichtiger Beitrag zur politischen Bildung. Der Sozialwissenschaftler arbeitet beim Kinder- und Jugendtelefon e.V. Bei der kostenlosen „Nummer gegen Kummer“ rufen täglich Kinder an und erzählen von ihren Ängsten – auch vor Terror oder Krieg. „Sie können die politischen Ereignisse noch nicht so abstrahieren, deshalb fühlen sie sich von Fernsehbildern emotionaler angesprochen als Erwachsene“, sagt Schütz. Gerade in einer Mediengesellschaft sei es daher wichtig, dass etwa im Unterricht „richtiges Fernsehen“ gelehrt werde. „Der richtige Umgang mit Medien ist aber nicht nur Aufgabe der Lehrer und Eltern; es ist vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Nicht zu unterschätzen ist übrigens der Anteil der Erwachsenen, die sich die eigentlich für Kinder gedachten Sendungen anschauen – und damit sind nicht unbedingt jene Erwachsene gemeint, die gemeinsam mit ihren Sprösslingen vor dem Fernsehgerät sitzen. Vielleicht liegt es auch an der Verständlichkeit der Informationen: Kürzlich schockierte eine repräsentative Umfrage des Gewis-Instituts, das herausfand, dass nur jeder zehnte Deutsche die „Tagesschau“ versteht. Schuld seien das Agenturdeutsch und Fachbegriffe wie „Scud-Rakete“ oder „UN-Resolution“.

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