Medien : Wer wird Milliardär?

Über Sinn und Unsinn der Einschaltquote, Unterschichten-TV und bessere Programme. Gedanken zum Film „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“

Markus Ehrenberg

Das Herz der deutschen Einschaltquote schlägt im Norden Nürnbergs. Hinter dicken Metalltüren, im Erdgeschoss der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), in einem videoüberwachten „IT-Sicherheitsbereich“, zugänglich nur mit Chipkarte. Von hier, aus dem Rechenzentrum der GfK, verdichtet und erschlossen aus hunderten von Kabeln, blinkenden Displays und Modems, die mit tausenden von Wohnungen in der Republik verbunden sind, gehen jeden Morgen die wichtigsten Zahlen der Medienrepublik ins Land. Zahlen, die über Wohl und Wehe von Programmen und Personen entscheiden: die Einschaltquote vom Vorabend. Sie beziffert den Marktanteil von Sendungen, also den Prozentsatz der Zuschauer, die einen „Tatort“, eine Pilcher-Romanze, ein Blockbuster-Movie oder einen Fassbinder-Themenabend verfolgt haben. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit der Einschaltquote oft die absolute Zuschaueranzahl einer Sendung bezeichnet. So wurde 2006 das Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Italien mit 29,66 Millionen Zuschauern der Quotenrekord in Deutschland.

„Ohne Quote wäre ich ein Nichts“, sagt Günther Jauch – mit gutem Grund. Die Einschaltquoten sichern den Preis, zu dem Werbeplätze im Fernsehen verkauft werden können, und damit den Wert der Moderatoren, Schauspieler, Programmformate, die um die Werbung herum zu sehen sind. Ob Quiz-, Sperma- oder Nierenshow, ob Trash- oder Polittalk, Boulevardmagazin oder Late-Night-Programm – allein die nackten Zahlen, die aus dem GfK-Zentrum morgens auf die Tische der Senderchefs und Produzenten kommen, bestimmen über die Verwendung von acht Milliarden Euro. So viel Werbe- und Gebührengelder werden jährlich für TV-Programme aufgebracht. Die Quote entscheidet über Tops und Flops und damit letztendlich über die Art von Fernsehen, die wir täglich sehen.

Eine große Verantwortung. Eine teure dazu. 20 Millionen Euro kostet die Quotenermittlung die Auftraggeber, die AGF, einen Zusammenschluss der großen Sender. In Anbetracht dieser Summe erscheint es dem Besucher im GfK-Rechenzentrum als reizvolle Vorstellung, ein paar Kabel rauszuziehen und abzuwarten, ob Quoten, Marktanteile, Budgets und Sender stürzen. Dazu müsste er aber erst mal Zutritt erhalten zum Hochsicherheitstrakt der Fernsehforschung, eine für Unangemeldete aussichtslose Mission. Die Systeme seien doppelt gesichert, versichert ein Mitarbeiter, bei Stromausfall läuft ein Notstromaggregat.

Vielleicht wirkt Michael Darkow, der Leiter der GfK-Fernsehforschung, deswegen so ruhig, als er über Stärken und Schwächen der deutschen Zuschauerforschung spricht, während draußen ein heftiges Gewitter tobt und in der Nähe ein Blitz einschlägt. In den Medien wird Darkow öfter als „Quotenmacher“ oder „Schicksalsmacher“ bezeichnet. Manche behaupten, es gebe keinen, der mehr über Fernsehzuschauerforschung in Deutschland weiß als Michael Darkow. Dann muss er auch an den 17. Januar 1993 denken. An diesem Tag weist die GfK-Fernsehforschung für Arte um 15 Uhr 90 000 Zuschauer aus. Arte-Programmstart war um 17 Uhr. Wochen später sendet Vox aufgrund einer technischen Panne zwischen 19 Uhr 59 und 20 Uhr 08 ein schwarzes Bild. Laut GfK-Messung sahen 50 000 Personen zu. Es habe 1993 und 1994 eine Situation gegeben, in der die GfK über einen gewissen Zeitraum falsche Daten ausgeliefert habe. Grund sei ein Softwarefehler nach einer Umstellung gewesen, räumt Darkow ein. „Mir ist bewusst, welche dramatische Verantwortung man in so einer Funktion trägt, dass ein Markt, dass Personen durch die Quoten wirtschaftlich ruiniert werden können.“

Dabei gilt das Quotenpanel der GfK als eine der weltweit aufwendigsten Methoden der Zuschauerforschung. Das Panel soll ein verkleinertes Abbild der in Deutschland lebenden Deutschen und der EU-ausländischen Wohnbevölkerung in Privathaushalten mit mindestens einem Fernsehgerät darstellen. Die nach Alter, Einkommen, Bildung, Kinderzahl und Beruf ausgewählten TV-Haushalte wurden seit 1985 nach und nach auf 5640 aufgestockt. Macht rund 13 000 Testseher, die für die „Grundgesamtheit“ der Bundesrepublik Deutschland stehen. Laut GfK habe bei einer „Zufallsauswahl von Orten und Straßen theoretisch jeder Haushalt die Möglichkeit“, in die Stichprobe zu gelangen.

Theoretisch hört sich das plausibel an, praktisch wirft es weitere Fragen auf. Was ist, wenn die per Zufallsgenerator ausgewählten Haushalte keine Lust auf Testgucken haben? Nicht jeder Angesprochene mache mit, sagt die GfK. Bei zwei Gruppen falle die Anwerbung besonders schwer: bei jungen, großstädtischen Singles und älteren Witwen auf dem Lande. Seit 1985, so Darkow, seien rund 20 000 Haushalte aktiv durch dieses System gegangen. Warum aber, fragt man sich, ist einem noch kein einziger Angehöriger eines solchen Testhaushalts begegnet? Dabei hat doch angeblich jeder mit jedem auf der Welt über sieben Ecken zu tun?

Die GfK-Teilnehmer scheinen diesem Reigen zu widerstehen. Die Suche nach Testsehern gleicht der Jagd nach einem Phantom. Manche wollen jemanden kennen, der einen Panelhaushalt kennt, dieser wolle aber Journalisten partout nichts sagen. Die Zeitschrift „TV Movie“ zitierte mal einenTeilnehmer: „Wir hatten das Gefühl, das Programm mitbestimmen zu können.“ Es soll Leute geben, die versuchen, die Quote ihrer Lieblingsserie in die Höhe zu treiben, indem sie mehrere Anmeldeknöpfe auf der GfK-Fernbedienung drücken. Oder sich an ihrer Macht berauschen, wie jener 27-jährige Stefan S., der „TV neu“ erzählt haben soll: „Wenn ich Harald Schmidt einschalte, hat der gleich 6000 Zuschauer mehr.“ Herr S. hätte eigentlich schweigen müssen. Es existiert eine schriftliche Vereinbarung, in der sich die Haushalte und die GfK zur Verschwiegenheit bereit erklären. Die Adressen werden gehütet wie die Goldbarren der Bundesbank.

Wenn man schon nicht genau weiß, wer da stellvertretend für die gesamte Republik fernsieht, steht zumindest fest, wer quotentechnisch außen vorbleibt: Nicht-EU-Ausländer, darunter die 1,8 Millionen in Deutschland lebenden Türken ohne deutschen Pass. Dabei erreichen nach einer Studie vom Juni 2007 die deutschen Medien mit ihrem Angebot den Großteil der Migranten und Ausländer in Deutschland. Ebenso wenig erfasst werden Millionen Zuschauer beim Public Viewing – in Kneipen, Studentenwohnheimen und Kliniken. Auch nicht in Büros oder Hotels, Orte, wo gerade Sender wie N-TV oder N 24 einen gewichtigen Teil ihrer Zielgruppe vermuten. Ganz abgesehen von Testpersonen, die nur einschalten, aber nicht unmittelbar zusehen, sondern eingeschlafen sind. An dieser Unsicherheit dürfte 2009 auch die Einführung eines Messgeräts nicht viel ändern, welches neben der Nutzung neuartiger Aufzeichnungsgeräte wie DVD-Recorder und zeitversetztem Fernsehen mit digitalen Festplattenrecordern Gäste in beliebiger Zahl in den Panelhaushalten berücksichtigt.

Wie gesagt: Das, was da höchst akribisch gemessen zu werden scheint, entscheidet letztendlich über die Art von Fernsehen, die wir täglich sehen. Das Herz der Quote, das technische Maß aller Fernsehdinge, mag so auch mit dem neuen Messgerät Telecontrol Score im Nürnberger Rechenzentrum der GfK schlagen. Die Frage bleibt, welches Hirn hinter alldem steckt, welche Logik. Selbst Michael Darkow räumt am Ende ein: „Wir befinden uns mit unserer Fernsehzuschauerforschung in einem schwierigen Feld. Wir liefern hochrechenbare Informationen, die Beschränkungen haben, die aber nicht unbekannt sind.“ Man kann den Aufwand, den die GfK-Zuschauerforschung betreibt, durchaus anerkennen, am Ende hat er, systemisch betrachtet, wohl immer recht, der Fernsehmann in Weingartners Mediensatire „Free Rainer“: „Die Zuschauer wollen Titten sehen und wissen, wie man Steuern spart.“

Der Text ist eine gekürzte Fassung aus „Free Rainer. Dein Fernseher lügt. Ein Filmbuch von Hans Weingartner.“ Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, 197 Seiten. Der Film, der die Missstände des quotendiktierten Fernsehens zum Thema hat, läuft seit Donnerstag in den Kinos.

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