Werbung bei ARD & ZDF : "8,5 Milliarden reichen"

Der Chef der Verbandes privater Radios und Fernsehsender verlangt, dass die Öffentlich-Rechtlichen ab 2012 auf jegliche Werbung und Sponsoring verzichten. Jürgen Doetz argumentiert mit den großen Wettbewerbsnachteilen für die Privaten.

Herr Doetz, Ihr Verband fordert, dass bei ARD und ZDF spätestens bis 2012 Werbung und Sponsoring gestrichen werden. Glauben Sie wirklich, dass diese jährlich rund 560 Millionen Euro dann komplett an die privaten Sender fließen würden?

Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass jeder Werbecent, der nicht an die Anstalten geht, automatisch bei uns landen würde. Zumindest aber hat die werbetreibende Wirtschaft heute angesichts einer Vielzahl unterschiedlichster privater Angebote mehr Möglichkeiten, Kunden zu erreichen, als je zuvor. Sie gelangt inzwischen auch bei den privaten Anbietern zu allen Zielgruppen. Dafür bedarf es nicht der Werbeinseln im Vorabendprogramm von ARD und ZDF und vor allem nicht des Sponsoringteppichs, der das öffentlich-rechtliche Programm inzwischen flächendeckend überzieht, und von der klassischen Werbung nicht mehr zu unterscheiden ist.

Ihre Forderung zum Verzicht auf Werbung und Sponsoring bei den Öffentlich-Rechtlichen muss auf eine weitere Gebührenerhöhung zur Kompensation der Einnahmeverluste hinauslaufen. Können Sie das verantworten?

Angesichts der Gesamterträge von etwa 8,5 Milliarden Euro kommen einem bei Einsparungen von vielleicht maximal sechs Prozent, die für ein wenig mehr Glaubwürdigkeit und Legitimation notwendig wären, ja fast die Tränen. Viele Unternehmen würden sich freuen, wenn sich ihre Einsparvorgaben in diesem Bereich bewegen würden. Aber mal im Ernst: Der öffentlich-rechtliche Programmauftrag ist vor allem den Interessen der Allgemeinheit und Zielen wie Bildung, Information, Kultur etc. verpflichtet – nicht etwa dem Quotenerfolg von „Marienhof“, Bruce Darnell und Co. Die Anstalten also sollten weder vom Staat noch von der Werbewirtschaft abhängig sein. Außerdem muss der Wegfall von Werbung und Sponsoring keineswegs automatisch zu einer Gebührenerhöhung führen. Die KEF bescheinigt den Anstalten regelmäßig – auch im aktuellen Bericht wieder – noch großes Einsparpotenzial. Der Ausstieg aus dem Sponsoring sollte jedenfalls der Anfang vom Ende der Werbung bei ARD und ZDF sein.

Die Privatfunk-Lobby verlangt einen aufwendigen Public-Value-Test für jedes neue öffentlich-rechtliche Angebot wie den Digitalkanal EinsExtra, der ein Informationsprogramm werden soll. Die Privaten selber haben 60 neue Radio-Webchannels in den Markt gebracht. Definieren Sie Wettbewerb nach merkwürdigen Maßstäben?

Wenn man sich die Mühe macht, einmal genau zu zählen, wird man feststellen, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk inzwischen über rund 110 Radio- und Audiodienste verfügt. Ein Großteil dieser Angebote hat keine Rechtsgrundlage. Die Zahl der zulässigen öffentlich-rechtlichen Programme wurde auf dem Status von 2004 gedeckelt. Gegen diese Vorgaben setzen sich die Anstalten hinweg, indem sie neue Programme online als sogenannte Webchannels ausstrahlen. Hier definiert die ARD merkwürdige Maßstäbe, da die Privaten für die angesprochenen 60 neuen Radio-Webchannels jeweils eine Lizenz beantragt haben und damit – im Gegensatz zu den Anstalten – eine Rechtsgrundlage besitzen. Wer meint, dass ein fairer Wettbewerb im dualen Rundfunksystem darin besteht, dass die ARD alles und am besten noch vielmehr machen muss als der private Rundfunk, der hat nicht verstanden, was Grundversorgung, also „Public Value“, bedeutet.

Wie angesehen sind die Angebote des privaten Rundfunks? Wenn der Zeitungskonzern WAZ nach Bewegtbildern für seine Onlineportale sucht, dann geht er zum WDR – und der NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers spielt den Geburtspaten.

Wir hoffen, dass unsere Kollegen aus den Verlagen dem durchsichtigen Werben der Anstalten widerstehen – wir sehen die geplanten Kooperationen durchaus kritisch. Online-Kooperationen mit Verlagen sind Kommerzialisierung öffentlich finanzierter Medieninhalte, die faktisch in den Wettbewerb auf dem Markt für Online-Newsdienste eingreifen. Deswegen werden wir das nicht hinnehmen.

Das Interview führte Joachim Huber.

Jürgen Doetz ist Präsident des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) mit Sitz in Berlin.

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