Westmedien : Umsturzhelfer?

Journalisten aus Ost und West diskutieren über ihren Anteil am Ende der DDR. Den Westmedien wird zudem eine Verharmlosung des DDR-Regimes vorgeworfen.

Torben Waleczek

Siegbert Schefke steigt aus dem Fenster seiner Etagenwohnung im Prenzlauer Berg, klettert über die Dächer, gelangt schließlich zu dem Trabbi eines Freundes und rast Richtung Leipzig. Die Stasiagenten vor seinem Haus haben nichts gemerkt. In Leipzig angekommen, nimmt Siegbert Schefke seine Kamera, verschanzt sich in einem Kirchturm und dreht die ersten Filmaufnahmen der legendären Montagsdemonstrationen. Wenige Stunden später streift Schefke im Foyer eines Hotels den Ost-Korrespondenten des „Spiegel“ Ulrich Schwarz und steckt ihm ein Videoband zu. Der Reporter schmuggelt die Kassette – in seiner Unterwäsche versteckt – über die Grenze. Am nächsten Tag kann jeder Fernsehzuschauer den Anfang vom Ende des SED-Regimes in der „Tagesschau“ sehen. Die Szene spielt am 9. Oktober 1989. Einen Monat später fällt die Mauer.

Welchen Anteil die Medien daran hatten, darüber diskutierten am Mittwochabend in der Freien Universität (FU) Journalisten und Bürgerrechtler, die damals dabei waren. Unter dem Titel „Umsturzhelfer Westmedien?“ ging es um die Frage, ob und wie westdeutsche Korrespondenten und ostdeutsche Oppositionelle wie Siegbert Schefke mit ihren Berichten die friedliche Revolution beschleunigen konnten. Wie elend es um die DDR bestellt war, wurde vielen Deutschen in Ost wie West erst klar, als sie heimlich gedrehte Beiträge von Schefke und seinen Mitstreitern in den westdeutschen Politmagazinen zu sehen bekamen: Brachlandwüsten im Kohlerevier rund um Bitterfeld, wild entsorgte Chemieabfälle, verfallene Straßenzüge in Leipzig. Dass solche „provokatorischen Elemente“, wie die Stasi die Oppositionellen bezeichnete, ihre Aufnahmen im Westfernsehen platzieren konnten, das jagte den Machthabern im Osten einen gewaltigen Schrecken ein.

„Totalitäre Diktaturen scheuen nichts mehr als Öffentlichkeit. Insofern waren Teile der Westmedien tatsächlich Umsturzhelfer, weil sie das Öffentlichkeitsmonopol der Partei gebrochen haben“, sagte Klaus Schroeder, Professor an der FU mit Schwerpunkt DDR-Geschichte. Nicht alle Journalisten gingen mit dem SED-Regime allerdings derart hart ins Gericht. Schon Mitte der sechziger Jahre habe in den Westmedien eine Weichzeichnung der DDR eingesetzt, um die deutsch-deutsche Entspannungspolitik nicht zu gefährden, sagte Klaus Schroeder. „Viele Westjournalisten haben eine regelrechte Schleimspur gezogen und die DDR als einen stabilen Staat mit einer berechtigten Existenz dargestellt.“

Wer sich trotzdem um kritische Perspektiven bemühte, hatte mit den Repressalien der DDR-Behörden zu kämpfen. „Wir durften Ost-Berlin nicht verlassen, ohne uns mindestens 24 Stunden vorher beim Außenministerium abzumelden“, sagte „Spiegel“-Journalist Ulrich Schwarz. Faktisch habe jeder engagierte Reporter täglich gegen zahllose DDR-Gesetze verstoßen. Diese Erfahrung musste auch Hans-Jürgen Börner machen, damals ARD-Korrespondent in Ost-Berlin. Mit seinem Team durfte er zwar relativ frei filmen, Interviews mit DDR-Bürgern waren ohne Genehmigung der Behörden aber tabu. Schwierig war auch die Beschaffung von Hintergrundinformationen. „Da die Stasi alle Telefone abhören konnte, begann die eigentliche Recherche erst nach 22 Uhr in den Kneipen“, sagte Börner. Für die Reporter standen bei investigativen Recherchen neben ihrer Aufenthaltserlaubnis auch finanzielle Privilegien auf dem Spiel. Die Korrespondenten mussten ihre Gehälter nicht versteuern. Wer wegen kritischer Berichterstattung des Landes verwiesen wurde, für den war dieser Steuervorteil dahin. Torben Waleczek

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben