Medien : Wettlauf der Erinnerungen

Was braucht ein erfolgreicher Jahresrückblick? Tränen, Promis und einen frühen Sendetermin

Alice Bota

Sie sind tückisch, die Erinnerungen. Sie verdrehen, was gewesen ist. Sie klammern sich an bunte Szenen und Geschichten. Fußball-WM. Entführungsopfer Natascha Kampusch. Der abgeschossene Bär Bruno. Der Dacheinsturz in Bad Reichenhall. Gammelfleisch. Weniger Dramatisches kann dabei schnell verloren gehen. Kein Wunder, dass auch die Fernsehsender vor allem an das erinnern, was laut und grell war. Wenn der diesjährige Reigen der Rückblicke beginnt, kommt um zwei Dinge keiner herum: prominente Gesichter – und ein möglichst frühes Sendedatum. Beim ZDF geht das Jahr schon zum ersten Advent zu Ende, genauer mit Johannes B. Kerner und seinen „Menschen 2006“ am 3. Dezember. Man wolle bei dem Gerangel um die besten Sendeplätze im späten Dezember nicht mitmachen, sagt ZDF-Sprecher Peter Gruhne.

Dabei gibt es gar kein Gerangel. RTL folgt eine Woche später, am 10. Dezember. Die ARD präsentiert ihren Jahresrückblick wiederum acht Tage später, am 18. Dezember. Und das war’s auch schon. Die anderen machen bei dem traditionellen Wettlauf um Erinnerungen nicht mit. Pro 7 macht mit Bravo-TV einen Rückblick nur für Jugendliche und Sat 1 lässt am 30. Dezember das Jahr 2006 von Comedians humoristisch verwursten. Die Frühstarter hoffen vor allem auf hohe Quoten, wie der RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer erklärt: „Ein Termin bis Mitte Dezember ist schon deshalb sinnvoll, weil viele Gäste danach in den Urlaub fahren und sich die Menschen kurz vor Weihnachten auf die Festtage besinnen wollen.“

Worum indes gerangelt wird, sind prominente Gäste. Im Kampf: RTL und ZDF. Bei beiden menschelt es sehr. Bestes Beispiel ist Bald-ARD-Mitarbeiter Günter Jauch, der dieses Jahr aller Voraussicht nach zum letzten Mal den RTL-Rückblick „Menschen, Bilder, Emotionen“ moderiert. Zu ihm kommen mehr als ein Dutzend Gäste. Dafür hat er aber auch mehr Zeit als die anderen Sender: von 20 Uhr 15 bis 23 Uhr 30. Zu den größten Ereignissen zählt bei RTL erwartungsgemäß die Fußball-WM: Jens Lehmann, Philipp Lahm, Lukas Podolski und Miroslav Klose werden an die Niederlage im Halbfinale gegen Italien erinnern. Gast wird auch Xavier Naidoo sein, dessen Lied „Dieser Weg“ die deutsche Nationalmannschaft in der Umkleidekabine gehört hat. Außerdem bei RTL: die Brüder Bill und Tom Kaulitz von „Tokio Hotel“, Bully Herbig, Hape Kerkeling, der seine Pilgerfahrt in diesem Jahr zum Bestseller machte, Britta Steffen, die mit einem neuen Rekord Gold bei der Schwimm-Europameisterschaft geholt hat oder der TV-Koch Tim Mälzer, vor kurzem noch vom Burn-Out-Syndrom geplagt.

Zwischen all den Promis blicken aber auch weniger bekannte Menschen zurück. Über ihre Schicksale nähert sich Jauch Themen wie der Außen- und Innenpolitik. Karnit Goldwasser, Ehefrau eines der entführten israelischen Soldaten, wird über die Entführung ihres Mannes sprechen, die ein Auslöser für den Krieg zwischen Israel und Libanon war. Ermyas M., im April von Rechtsradikalen in Potsdam schwer verletzt, ist ebenfalls eingeladen.

Bleibt die große Frage: Zu wem kommt das Entführungsopfer Natascha Kampusch in die Sendung? Die 18-Jährige Österreicherin war acht Jahre lang von ihrem Entführer in einem Keller festgehalten worden. Aus der RTL-Redaktion heißt es zu der Frage: weder ja noch nein. Überraschung also.

Dem ZDF – so viel ist bekannt – hat Familie Kampusch eine Abfuhr erteilt. Die Mainzer konzentrieren sich deshalb auf das Schicksal eines anderen prominenten Entführungsopfers – der misshandelten Stephanie aus Dresden. Ihre Eltern und ihr Rechtsanwalt werden mit dem Moderator Johannes B. Kerner sprechen. Sie waren bereits zweimal in diesem Jahr zu Gast in der Kerner-Show.

Macht nichts. „Menschen 2006“ ist im Prinzip die Johannes B. Kerner-Show als pompöse Jahresrevue: Ereignisse sind wichtig, wichtiger aber die Menschen, die sie erlebt haben. Interessant sind Schicksale, Liebesgesschichten und Promis. Bei Kerner auf dem Sofa: Ein Paar, das seine Kinder bei dem Transrapid-Unglück im September verloren hat. Bruno-Liebhaber. Bärenbesitzer Dieter Kraml erinnert an den „Problembären“ Bruno. Kraml bringt die Bärendame Nora mit und Volksmusiker Stefan Mross seine Stefanie. Wolfgang Fischer, Schöpfer des WM-Mottos „Die Welt zu Gast bei Freunden“ erinnert an das Ereignis des Jahres: die Fußball-WM, gemeinsam mit Sebastian Schweinsteiger, Franz Beckenbauer und Oliver Bierhoff. Es kommen auch Rennrodler Georg „Schorsch“ Hackl und die Snowboarderin Amelie Kober. Naher Osten, Wahlerfolge der NPD – Politik wird beim ZDF-Rückblick ausgespart. Man verstehe sich als Unterhaltungssendung, sagt Redaktionsleiterin Birgit Göller. In 120 Minuten könne man nur einen subjektiven Blick auf das Geschehene haben.

Betont seriös gibt sich dagegen die ARD: Nur drei bis vier Gäste werden am 18. Dezember im Berliner Hauptbahnhof erwartet: Angela Merkel, Deutsche- Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, vielleicht Fußballnationaltrainer Joachim Löw. Politik steht im Vordergrund. Gerhard Delling und Tom Buhrow werden 90 Minuten lang vor allem auf die Arbeit der großen Koalition, die Bundeswehreinsätze, die Islamismus-Debatte und die Diskussion um die Unterschicht zurückblicken.

Wer macht also den besseren Rückblick? Die Quoten sprechen für ZDF und RTL. Beim ZDF schalteten vergangenes Jahr 5,28 Millionen Zuschauer ein – ein Marktanteil von 24,9 Prozent. RTL stand noch besser da, die Quote lag letztes Jahr bei 6,84 Millionen Zuschauern, vorletzes gar bei 7,6 Millionen. Da bleibt die ARD, die ihren Jahresrückblick vergangenes Jahr zwei Tage vor Silvester gezeigt hat, mit 1,26 Millionen weit dahinter. Nur, die Quote allein macht es nicht.

„Menschen 2006“ mit Johannes B. Kerner, ZDF, Sonntag, 21 Uhr 45

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