Medien : „Who the fuck is Franz Müntefering?“

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Von Alva Gehrmann

„Mein ist Cem Özdemir. Ich bin bei den Grünen im Bundestag und jetzt bei Viva Plus“, sagt der 36-jährige Politiker und strahlt in die Kamera. Über eine Stunde stellt sich der Schwabe türkischer Abstammung beim Musiksender den Fragen von Moderator Jan Hendrik Becker. Politiker im Musikfernsehen? Im Wahljahr 2002 keine Seltenheit. Denn sie entdecken das Potenzial der Erstwähler: Und die gucken Musikfernsehen.

Die Sender wiederum haben es sich neuerdings zur Aufgabe gemacht, der Jugend die Politik näher zu bringen. Damit wollen sie gegen die Politikverdrossenheit angehen. Die relevanten Themen sollen so aufbereitet werden, dass sie auch für jeden normalen Jugendlichen verständlich sind. Bei Viva Plus ist dafür Jan, Moderator der Sendung , zuständig. Der 25-jährige „Korrespondent“ trifft sich mit Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse oder Berlins Wirtschaftssenator Gregor Gysi. In Kürze wird es ein Interview mit Kanzler Gerhard Schröder geben. Jetzt ist Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen dran. Ein leichter Gesprächspartner, gibt sich der Grüne doch gerne offen und modern.

VJ Jan stellt klare und verständliche Fragen. „Was macht eigentlich ein innenpolitischer Sprecher?“ Özdemir antwortet brav – auch verständlich. Und gesteht, was ihn manchmal nervt: „Die Sitzungswochen sind schon sehr heftig, das sieht man, glaube ich, an den Augenringen.“ Doch trotz der ersten Alterserscheinungen fühlt sich Özdemir jugendlich. Zwischen den Musikvideos wird dann das Thema Zuwanderung behandelt, außerdem werden ein paar Zuschauerfragen beantwortet: Man erfährt, dass der Politiker gerne ausgeht, manchmal „Weltmusik“ auflegt und Vegetarier ist. Besonders stolz ist er auf sein Engagement im Bundestag: Dank Cem Özdemir kann man jetzt nämlich auch dort alle Musikkanäle sehen. Das gibt Bonuspunkte bei den jungen Zuschauern. Ganz bestimmt.

Am 7. Januar 2002, also genau vor sechs Monaten, ist Viva Plus – der Nachfolgesender von Viva Zwei – mit dem Anspruch angetreten, das „CNN des Musikfernsehens“ zu werden. Doch bisher wirkte der neue Musikkanal wie ein Kommerzsender mit Laufbändern, auf denen SMS-Liebesgrüße der Zuschauer, Tourdaten und CD-Veröffentlichungen zu lesen sind, oder in dessen Sendung „NewsPlus“ Klatsch und Tratsch präsentiert werden. Doch im Wahljahr sieht der sozialdemokratische Dieter Gorny, Vorstandschef der Viva Media AG, zu dem die Musiksender Viva Plus und Viva gehören, noch mehr in seinen Kanälen: „Hier steckt das kreative Zukunfts- und eventuell wahlentscheidende Potenzial unserer Gesellschaft.“ Das Musikfernsehen als Sprachrohr der Zuschauer, so sieht man sich gerne. Zum Beispiel durch so genannte „Votings“, Abstimmungen via Internet, SMS oder Telefon, die den Zuschauer fragen: „Wen würdest du als Kanzler wählen?“ Kanzler Schröder hat dabei übrigens mit 44,9 Prozent der Stimmen Edmund Stoiber weit abgehängt (22,6 Prozent).

Viva Plus glaubt fest an die Relevanz der Abstimmungen: „Die Voting-Ergebnisse zeigen ein Stimmungsbild der pop-affinen Jugend – und das könnte für manche Politiker aufschlussreicher sein als die Umfragen der etablierten Institute.“ Pop und Politik – zwei Welten nähern sich einander an. Dabei waren schon früher manche Politiker so berühmt wie Popstars: John F. Kennedy zum Beispiel. Guido Westerwelle wäre es gern. Bekannt ist er zumindest, seitdem er vor zwei Jahren zu „Big Brother“ (RTL 2) in den Container gegangen ist.

Auf solche „substanzlosen Auftritte“ legt SPD-Generalsekretär Franz Müntefering keinen Wert. Dafür hat er sich Anfang Juni auf einen Besuch bei „Interaktiv“, der täglichen Live-Sendung auf Viva, eingelassen. Dort trifft der 62-jährige Politiker auf die 23-jährige Moderatorin Sarah Kuttner, die nach der Ankündigung des Gastes frech in die Kamera sagt: „Der eine oder andere hat sich vielleicht gefragt: Who the fuck is Franz Müntefering?“ Ganz flippig versucht VJ Sarah den Zuschauern die Politik näher zu bringen: „Wir werden versuchen, das auf einem okayen, verständlichen Niveau zu halten“, sagt sie. Nach anfänglichen Unsicherheiten kommt ein durchaus interessantes Gespräch zustande. Müntefering sitzt etwas versteinert in der knallbunten Kulisse, gibt sich aber forsch. So fordert er die Jugend auf, nicht nur zu jammern, sondern auch selbst etwas zu tun: „Ihr habt noch eine lange Strecke vor euch. Sorgt dafür, dass die Welt so wird, wie ihr wollt.“

Noch ist nicht klar, welcher Politiker als nächstes auf der roten „Interaktiv“-Couch Platz nimmt, doch weitere Auftritte sind geplant. Schließlich sollen alle Parteien gehört werden.

Da will der Konkurrenzsender MTV nicht zurückstehen und hat in seine Sendung „Unter Ulmen“ alle Jugendvertreter der fünf großen Parteien eingeladen. Moderator Christian Ulmen sprach mit den Jungpolitikern über Bildungspolitik, Drogenpolitik und Sex. Etwas ironisch, aber durchaus ernst gemeint. Die Reaktionen der Zuschauer waren so positiv, dass es demnächst „definitiv“ weitere Polit-Specials geben wird, etwa bei „MTV Select“.

Für PDS-Bundestagskandidatin Sandra Brunner hat sich der Auftritt bei „Unter Ulmen“ gelohnt; sie wird seitdem öfters auf der Straße angesprochen: „Ey, dich habe ich auf MTV gesehen. Das, was du dort über Drogenlegalisierung gesagt hast, finde ich cool. Dich wähle ich.“ Mit 26 Jahren zählt Brunner zu den Jüngsten in der Politik. Meist treffen jedoch verschiedene Generationen aufeinander.

So ein Treffen kann tatsächlich ein Austausch sein, bei dem alle etwas lernen, hat der 62-jährige Müntefering festgestellt. Moderatorin Sarah Kuttner gab ihm zum Beispiel einen Crash-Kurs in Sachen Shakira: „Die war ewig auf Platz eins und ist eine Frau mit einem Mordshintern. Hier für euch und Franz Müntefering: Shakira.“ Nach dem Video hat VJ Sarah gleich noch einen Tipp für den SPD-Generalsekretär, wie man bei der Jugend ankommt: „Manchmal ist es nun mal auch Fakt, man muss die Jugendlichen auch mit irgendetwas catchen.“

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