Medien : Wie Matjes mit Pellkartoffeln

300 Mal „Zimmer frei“ bei Christine Westermann und Götz Alsmann. Die Promis kommen immer noch

Hannah Pilarczyk

In einer Folge „Zimmer frei“ steckt so viel Kleinkunst, dass es eigentlich für ein eigenes Festival reicht. Laienschauspieler stellen pantomimisch Bilderrätsel dar. Ein Puppenspieler tritt mit einem Ensemble aus Klopapier und Rollmops auf und nennt das „Die anspruchsvollen Rollen“. Meistens wird am Ende noch Hausmusik gemacht und gesungen. Eigentlich eine verbotene Mischung. Dass das trotzdem lustig ist, dem WDR Top-Einschaltquoten bringt, 2000 mit dem Grimme Preis ausgezeichnet wurde und heute schon zum 300. Mal läuft, hat vor allem zwei Gründe: die Moderatoren Götz Alsmann und Christine Westermann.

„Wir sind wie Matjes mit Pellkartoffeln – eine Kombination, die man einfach nicht verbessern kann“, sagt Götz Alsmann über sein Doppel mit Westermann. Seit 1996 moderieren sie gemeinsam „Zimmer frei“. In der Show treten Prominente als Bewerber für ein WG-Zimmer auf. Sie müssen sich eine Stunde lang durch sehr alberne Spielchen wie Sprühsahne-Wettessen, aber auch durch konzentrierte Gespräche als humorvolle und verlässliche Mitbewohner empfehlen.

Die Rollenaufteilung zwischen Westermann und Alsmann scheint dabei klar zu sein: Sie ist für den einfühlsam-seriösen Talk mit dem Gast zuständig, er für den Irrsinn drum herum. Die 55-jährige Christine Westermann ist die betont lockere Tante, der man von der ersten Drogenerfahrung bis zum schwierigen Verhältnis mit den Eltern alles erzählen kann. Manche empfinden ihre Interviewtechnik („Wie war das denn, als dich dein Vater mit fünf Jahre auf die Bühne stellte?“) als zu aufdringlich. Meistens hat sie damit aber Erfolg, und der Gast zeigt sich von einer unbekannten Seite – und sei es auch nur, dass er ihre intimen Fragen barsch zurück weist. Götz Alsmann, 46, ist der überdrehte Neffe, dessen Ehrgeiz, jedes bescheuerte Spiel zu gewinnen, immer wieder verblüfft.

Am stärksten sind beide, wenn sie aus ihren Rollen ausbrechen. Wenn sich der studierte Musiker Alsmann ans Klavier setzt und ungehemmt und unironisch Schlager aus den 50ern schmettert. Oder sich die Westermann Gebäckstangen in Nasenlöcher steckt und sich diese von Benjamin von Stuckrad-Barre und Alsmann wegessen lässt. Das ist total daneben. Und erschreckend unterhaltsam.

Das letzte Wort hat aber das Publikum. Am Ende jeder Sendung stimmt es darüber ab, ob der Gast einziehen darf. Mitgemacht haben bisher Prominente von Verona Feldbusch über Gregor Gysi bis Roger Willemsen. „Der Wille mitzumachen ist größer denn je“, sagt Alsmann. Ein hart erarbeiteter Erfolg, denn „Zimmer frei“ ist eine der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen, in denen Stars auch richtig schlecht weg kommen können. Guido Westerwelle und Hera Lind schafften es zum Beispiel, sich so lang jedem Witz und jedem Spiel zu verweigern, bis es dem eigentlich sehr wohlwollenden Publikum reichte und es die beiden als WG-untauglich ablehnte. Dennoch dürfte es immer wieder genug Prominente geben, die sich bei einer der erfolgreichsten Shows in den Dritten Programmen um ein Zimmer bewerben.

Dass es überhaupt zum Duo Westermann/Alsmann gekommen ist, hat mehr mit Zufall als profesionellem Casting zu tun. Christine Westermann war nicht die erste Wahl für den weiblichen Part. Die Journalistin hatte beim WDR-Regionalmagazin „Aktuelle Stunde“ an der Seite von Frank Plasberg zwar auch Erfolg, aber halt mit Berichten von Karnevalssitzungen und Staunachrichten. Götz Alsmann hatte sich schon früh mit anarchischem Trash wie der „Gong-Show“ bei RTL für die Spielchen von „Zimmer frei“ empfohlen. Erst nachdem ein paar nicht genannte Wunschkandidatinnen abgesagten, kam es schließlich zum Duo Alsmann/Westermann – und das eigentlich auch nur für einen Sommer lang.

„Zimmer frei“ war ursprünglich als Füller fürs Fernseh-Sommerloch des Jahres 1996 gedacht. „Nach einer Woche wussten wir aber: Das ist es“, erzählt Alsmann von den Anfängen als Live-Sendung. „Danach musste uns keiner mehr überreden, unsere Verträge zu verlängern.“ Das gilt auch für das anstehende, gemeinsame und neunte Jahr „Zimmer frei“.

Zimmer frei, WDR 23 Uhr. Gast: Schauspieler Boris Aljinovic („Tatort“Kommissar des RBB)

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