Medien : Wie sich die Medienseiten veränderten

Ulrike Simon

Günther Kress mag der Meister unter den Medienjournalisten sein, wie Michael Jürgs es in der ersten Folge unserer Serie über das Für und Wider des Medienjournalismus schreibt. Bei aller Wertschätzung für den Gründer des „Kress-Report“ ist er jedoch nicht der Erfinder der so genannten „Mediendienste“ (Neben „Kress“ „text-intern“, „new business“, „medien aktuell“ und der „Kontakter“). Ursprünglich geht das Genre auf Waldemar Schweitzer zurück. Der „Spiegel“-Redakteur entwickelte das erste Fachblatt für die Medienbranche. Es hieß: „Aus unseren Kreisen“. Als Schweitzer das Projekt aufgab, machte sich sein Zögling Kress mit seinem „Kress-Report“ selbstständig. Die erste Ausgabe erschien am 30. Juni 1966. Kress tippte alle 14 Tage kenntnisreich und unterhaltsam seine „nur für den Empfänger bestimmten, vertraulichen Informationen“ mit Schreibmaschine auf gelbem Papier. Kress war gefürchtet und respektiert, wusste er doch oft vieles, bevor es die Betroffenen selbst erfuhren. Die Abonnenten saßen in den Chefetagen von Verlagen, Redaktionen, Werbeagenturen und Sendern.

Mitte der 80er kamen Leo Kirch & Co und mit ihnen das Privatfernsehen. Die „Frankfurter Rundschau“ und die „Süddeutsche Zeitung“ waren die ersten, die merkten, dass es mit Fernsehkritiken und Vorschauen nicht getan ist; dass es ein breiteres Publikum gibt, das wissen will, wie in Medienhäusern aus politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Interessen gehandelt wird. Die reinen Fernsehseiten wurden zu Medienseiten umgewandelt. Wieder gingen ein paar Jahre ins Land, die Branche boomte, Multimedia und New Economy lauteten die Schlagwörter. Auch der Personenkult um jene an der Spitze von Verlagen, Redaktionen und Sendern stieg, es wurde geheuert und gefeuert, gepokert und intrigiert. Die Zahl derer, die in der Medienbranche arbeiteten, stieg, und mit ihr das Interesse für Medienseiten.

Vor allem seriöse Qualitätszeitungen hatten erkannt, dass die Medien die Informationsgesellschaft zunehmend prägen, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Kritisch begleiteten sie die vierte Gewalt im Staat. Die letzten, die die täglichen Medienseiten einführten, waren Ende der 90er „Welt“ und „FAZ“. Medienjournalisten wurden abgeworben, Quereinsteiger kamen dazu. Jene, die über Jahrzehnte Kompetenz und Wissen angesammelt hatten, gingen in Rente.

Die Medienseiten ordneten den Wust an Neuigkeiten aus den schnelllebigen, immer erfolgreicheren Medienhäusern, sie schrieben, wie die Sender und Verlage arbeiten, wer ihre Macher sind, wie alles und alle miteinander verflochten sind. Die Medienseiten verfolgen ein integratives Konzept, an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft, Feuilleton und Klatsch. Sie informieren, analysieren, recherchieren, interpretieren und gehen Gerüchten nach. Mittlerweile schrumpfen die Gewinne in den Medienhäusern, große Zeitungen schreiben Verluste. Das mag nicht jeder Betroffene jeden Tag gern lesen. Manche wollen die Medienseiten daher abschaffen. Die „Zeit“ hat es vorgemacht, die „Frankfurter Rundschau“ degradiert ihre Medienseite gerade zum Anhängsel des Feuilletons. Gleichzeitig ist der Medienjournalismus in Verruf geraten. Auch wegen mancher Häme, Parteilichkeit und Unkenntnis, die dort herrschen. Letzteres wäre durch eine Rückbesinnung auf Seriosität zu verbessern. Wie soll die Selbstkontrolle der immer einflussreicheren Medien funktionieren, wenn nicht durch kompetenten Medienjournalismus? Wer sorgt für Transparenz? In dieser Serie auf der Medienseite des Tagesspiegel kommen Kritiker und Befürworter des Medienjournalismus zu Wort.

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