WIKILEAKS : Verräter! Verräter?

Der Feldjägerbericht zu Kundus und andere Geheimdokumente: wikileaks.org macht sie öffentlich

Tim Klimeš
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Schnörkellos. Der Feldjägerbericht zum Angriff auf den Tanklaster im Kundus-Fluss befindet sich als unkommentiertes PDF-Dokument...

Es ist ein Team von Namenlosen, das den Regierungen und Unternehmen dieser Welt seit drei Jahren das Lügen schwer macht. Ihre Identität ist unbekannt, ihre Adresse nicht: 88.80.13.160, die IP-Adresse von wikileaks.org. Auf der Webplattform werden seit Anfang 2007 vertrauliche Dokumente für die Allgemeinheit zugänglich gemacht – in einem Wiki der Wahrheit.

Der jüngste Coup: Am 13. Dezember 2009 veröffentlichte Wikileaks den Feldjägerbericht der Bundeswehr zum Tanklasterangriff in Kundus. Ein 40 Seiten starkes Dokument, geschrieben nur wenige Tage nach dem Vorfall, gekennzeichnet als „VS – nur für den Dienstgebrauch“ (VSnfD), abrufbar für jeden, der einen Internetzugang hat.

Wer hinter Wikileaks, das kein Projekt der Wikimedia Foundation (Wikipedia) ist, tatsächlich steht, ist nur teilweise bekannt. Gegründet wurde Wikileaks nach eigenen Angaben „von chinesischen Dissidenten, Mathematikern und Technologen junger Unternehmen aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika“. Wer die Aktiven sind, erfährt man nicht. Lediglich die neun Mitglieder des „advisory board“, einer Art Beratungsgremium, werden namentlich auf der Seite erwähnt, darunter der chinesische Dissident Wang Dan und Julian Assange, ein australischer Journalist und ehemaliger Hacker.

„Es ist nicht schwer, an geheime Dokumente zu gelangen“, sagte Assange kürzlich auf den New Media Days in Kopenhagen. „Die Schwierigkeit besteht darin, sie zu veröffentlichen, ohne enttarnt zu werden.“ Dafür wurde Wikileaks geschaffen.

Hochladen darf auf der Website jeder. Nicht ohne Grund haben sich die Macher der Geheimnisverräter-Plattform in Aussehen und Bedienbarkeit an der Internetenzyklopädie Wikipedia orientiert; die Schritte sind simpel, bis ein Dokument über eine gesicherte Verbindung vom eigenen Rechner auf die Server von Wikileaks geladen ist. Nach Auskunft der Betreiber arbeitet ein Team von rund 1200 Freiwilligen daran mit, die eingestellten Dokumente auf ihre Authentizität zu überprüfen – und zur Veröffentlichung freizugeben. Seit dem Start der Plattform sollen über eine Million vertraulicher Dokumente bei den Betreibern eingegangen sein. Hunderttausende, die bislang überprüft werden konnten, stellte das Team online: Steuerunterlagen des US-Schauspielers Wesley Snipes, Pagernachrichten vom 11. September 2001, den Untersuchungsbericht aus Kundus. Banales steht in dem Portal neben Hochbrisantem – so will es das Konzept, so wollen es die Betreiber.

„Eine Beurteilung der Relevanz ist aus unserer Sicht nicht möglich“, sagt Daniel Schmitt. Er ist einer, der für Wikileaks Deutschland spricht, wenn auch unter falschem Namen. Die Gewichtung der verschiedenen Dokumente könne nur die Öffentlichkeit leisten. Publiziert wird demnach alles, was echt ist; die Einordnung übernimmt die Community. Es klingt so sehr nach Youtube und Wikipedia, dass man leicht vergisst, dass es sich nicht selten um hochsensible Daten handelt, mitunter also um Geheimnisverrat – eine Straftat.

Im Grunde gehe es bei der Publikation von vertraulichen Dokumenten immer um die Abwägung, ob „aus Gründen des Informationsinteresses der Öffentlichkeit eine Veröffentlichung gerechtfertigt war“, sagt der Berliner Medienrechtler Tim Hoesmann. Was jedoch von öffentlichem Informationsinteresse sei, werde durch den Richter entschieden. Objektive Kriterien gibt es nicht. Nach Angaben von Wikileaks wurde in den vergangenen drei Jahren rund 100 Mal anwaltlich gegen das Projekt vorgegangen – schwerwiegende Folgen hatte es nie.

Der amerikanische Wissenschaftler Steven Aftergood hält Wikileaks trotzdem für ein „anarchisches Projekt und kein demokratisches“. Das Mitglied der „Federation of American Scientists“ und Autor des Blogs „Secrecy News“ berichtet selbst seit zwanzig Jahren über Verfehlungen von Regierungen und Geheimdiensten und wurde Ende 2006 in das „advisory board“ von Wikileaks eingeladen. Aftergood lehnte ab. Der Grund: „Die Macher von Wikileaks erkennen die Grenzen der Veröffentlichung in einer demokratischen Gesellschaft nicht an“, sagt der Wissenschaftler. Das Projekt würde bei den Veröffentlichungen keine Rücksicht auf die Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit Einzelner nehmen.

Publiziert wird alles, was echt ist. So auch im November 2008. Als den Mitarbeitern von Wikileaks eine unscheinbare Textdatei mit tausenden Namen zugespielt wurde, entpuppten sich die Daten als hochsensibel – und privat. Das Dokument listete die Mitglieder der „British National Party“ auf, einer rechtsextremen Partei Großbritanniens. Neben den Namen der Parteikader waren unter anderem auch deren Adressen, Telefonnummern und teilweise die Namen ihrer Kinder angegeben. Nachdem die Authentizität des Dokuments bestätigt war, veröffentlichte das Portal die Daten – und wurde zum digitalen Pranger.

Manfred Redelfs, kooptiertes Mitglied des Vorstands der Journalistenvereinigung „netzwerk recherche“ und Experte für Informationsfreiheit, ist davon überzeugt, dass es – bei allen Vorzügen der Transparenz – Fälle gibt, in denen eine Geheimhaltung gerechtfertigt sei. Nämlich dann, wenn „Privatpersonen in ihren Rechten beeinträchtigt werden, ohne dass dies durch ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Publikation gerechtfertigt werden kann.“ Eine (moralische) Gratwanderung.

Es gebe sicherlich Inhalte, die „auf den ersten und zweiten Blick schützenswert aussehen“, sagt Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Schmitt, „aber es gibt auch immer eine Perspektive, unter der die Veröffentlichung gerechtfertigt sein kann.“ Es gehe nicht um eine Einteilung in Gut und Böse, sondern um die „Sicherstellung der historischen Aufzeichnungen“.

Trotz aller Kritik ist Journalist Redelfs von der Vision des Wikileaks-Teams überzeugt: „Erst der Zugang zu Informationen versetzt die Menschen in die Lage, sich qualifiziert in eine öffentliche Debatte einzuschalten.“ In diesem Sinne sei Wikileaks ein Projekt, das die Demokratie stärke.

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