Wikipedia : Fehlersuchmensch

Berliner, Abiturient, 19 – Jaan-Cornelius Kibelka ist Wikipedia-Administrator. Er kämpft gegen Vandalismus im Netz.

Verena Friederike Hasel
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Drei Stunden täglich arbeitet Kibelka für die deutschsprachige Wikipedia-Seite.Foto: HeerdeDavid Heerde

Als Jaan-Cornelius Kibelka erfuhr, dass er zum Wächter über das Wissen der Deutschen gewählt worden war, kam er gerade aus der Schule nach Hause. Er fuhr den Rechner hoch und eine Nachricht beglückwünschte ihn zu seinem Posten als Administrator für die deutschsprachige Wikipedia-Seite. Jünger als der Berliner war bis dahin keiner.

Vier Jahre ist das nun her, seither kontrolliert, verbessert und löscht Kibelka von Amts wegen Einträge bei Wikipedia. Es ist eine Arbeit, die kein Ende nimmt in Zeiten, in denen das Wissen schneller wuchert als Unkraut, und es ist eine Arbeit voller Verantwortung: Die deutschsprachige Version von Wikipedia hat fast eine Million Einträge und wird von bis zu drei Millionen Deutschen täglich genutzt. Vor Fehlern schützt sie Jaan-Cornelius Kibelka, Abiturient, braun gebrannt, in Jeans und rotem T-Shirt und gerade von einer Interrail-Reise zurück.

Es scheint, als sei Wikipedia die bessere der Welten. Während man im „real life“, wie Wikipedianer das Leben außerhalb des Netzes nennen, über Gier und Egoismus der menschlichen Art klagt und das Berliner Bildungssystem unverändert den letzten Platz im bundesweiten Ranking hält, gibt es in der Welt von Wikipedia Menschen, die ihr Wissen bereitwillig teilen, und Berliner Schüler, die so viel Ahnung haben wie Kibelka. Geld bekommt er dafür nicht, alle 332 Administratoren in Deutschland arbeiten ehrenamtlich, überhaupt steuert jeder sein Scherflein Wissen auf der 2001 vom Amerikaner Jimmy Wales gegründeten Plattform ohne Gegenleistung bei.

Als Kibelka die Seite das erste Mal besuchte, war er 14 Jahre alt und auf der Suche nach „irgendwas zum Thema öffentlicher Nahverkehr“. Das ist Kibelka oft, während andere in seinem Alter kleinteilig ihre musikalischen Vorlieben – „House, aber eigentlich nur Minimal, am besten mit Vocals“ – beschreiben, definiert Kibelka seine Interessenlage so: „Mehr U-Bahn als S-Bahn und eher der Bahnhof als die Züge selbst.“ Und da er damals nicht fand, was er suchte, schrieb er selbst, unter anderem einen Text zur Geschichte der Berliner U-Bahn, Umfang an die 60 DIN-A-4-Seiten, Arbeitszeit sechs Monate. „Damit habe ich mir Renommee erschrieben“, sagt er, die Wikipedia-Gemeinschaft nahm den Text in die Liste der exzellenten Artikel auf. Bald darauf wurde Kibelka, damals 15, zum Administrator gewählt. 150 Texte hat er inzwischen selbst verfasst, 1676 Beiträge stehen in seiner Beobachtungsliste, vor allem Texte rund um Berlin und Nahverkehr, alle Änderungen, die dort vorgenommen werden, liest und korrigiert er. Selbst im Urlaub loggt er sich ab und zu ein, um nach dem Rechten zu sehen, und als er, der U-Bahn-Experte, bei der Einweihung der U 55 Anfang August nicht in Berlin, sondern auf Interrail-Tour war, erreichten ihn in Frankreich Nachrichten von Wikipedianern: „Was, da schreibst du gar nicht drüber?“

Doch auch in diesem Paralleluniversum gibt es Häßlichkeiten, die an das echte Leben erinnern. Zum Beispiel „Edit Wars“: Einer schreibt etwas, ein anderer ändert es um, der erste ändert es zurück, und das setzt sich fort, bis der Administrator eingreift, so geschehen beim Beitrag über den indischen Guru Osho. Oder Sabotage. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ steht dann plötzlich mitten in einem Text, „Vandalismus“ heißt das Wikipedia-intern, und „Vandalismusbekämpfung“ ist eine Aufgabe des Administrators. Und so sitzt Kibelka bis zu drei Stunden am Tag am Computer und drückt immer wieder F5, jene Taste, welche die Welt des Wissens in Ordnung hält.

An der Schule war Kibelkas Engagement selten Thema, seine Lehrer hätten Wikipedia als „unheimliches Etwas“ gesehen, sagt Kibelka. Dabei hat der Berliner, der später gern im Auswärtigen Amt arbeiten würde, im Netz mitunter mehr gelernt als in der Schule. Zum Beispiel bei seinem Eintrag über den U-Bahnhof Spittelmarkt. Ein schöner Bahnhof, schrieb er. Geht nicht, antworteten andere Wikipedianer, er müsse beschreiben und nicht werten. Daraufhin las Kibelka fünf Bücher über den Spittelmarkt, und inzwischen ist im Text architektonisch versiert von den „trichterförmigen Erweiterungen der Fenstergalerien“ die Rede.

In den nächsten Monaten wird sich Jaan-Cornelius Kibelka eher auf Themen rund um Buenos Aires konzentrieren. Ab heute versorgt er dort im Rahmen seines Wehrersatzdienstes Bedürftige mit Lebensmitteln. Und als wolle man ihm die Eingewöhnung erleichtern, wird das alljährliche Treffen der Wikipedianer diese Woche ebenfalls in Buenos Aires veranstaltet. Hingehen wird Kibelka nicht. Er muss sich im echten Leben einarbeiten.

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