Wikipedia-Streit : Die Relevanz des Todessterns

Was gehört in die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, was nicht? Die Löschdebatte erhitzt die Gemüter.

Anna Sauerbrey
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Subjektiv und somit sehr menschlich. Während gedruckte Lexika mit dem verfügbaren Platz haushalten müssen, gelten für Wikipedia...Foto: imago/Schöning

Während der Podiumsdiskussion fallen die Worte „Volk“, „Willkür“ und „Blockwart“. Ein Mann, der mit seinem Bart und seinem Vliespullover eher wie ein Allgäuer Senner denn wie ein Wikipedianer aussieht, spricht sogar von „Schweinerei“. Es geht um den Todesstern aus den „Star Wars“-Filmen. Und die freiwillige Feuerwehr. Doch von vorn.

Im deutschen Ableger des wohl größten Mitmachprojekts des Web 2.0, der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die unter den zehn am häufigsten besuchten Webseiten überhaupt rangiert, schwelt ein Streit, der als „Relevanz-Debatte“ in die Geschichte des Web eingehen wird und möglicherweise das Prinzip der sich selbst organisierenden Community infrage stellt. Virulent wurde der Streit, der bislang in den Diskussionsforen zu Wiki-Artikeln ausgetragen wurde, vor einigen Wochen. In der Wikipedia gab es eine Löschdebatte um den Eintrag des Vereins „Mogis – Missbrauchsopfer gegen Internetsperren“. Dieser Verein sei nicht relevant genug, hatte ein Administrator befunden, der Artikel wurde gelöscht.

Mit der Frage der Relevanz um Mogis schwappte erstmals eine der alltäglichen Löschdebatten aus der Community heraus in die Blogosphäre. Netz-Autoren wie Pavel Mayer und Johnny Haeusler schalteten sich ein und machten das Problem einer größeren Internetgemeinschaft bekannt. Die Relevanzdebatte wurde philosophisch, die Wikipedianer spalteten sich in „Inklusionisten“ und „Exklusionisten“. Schließlich schritt der Verein ein und lud zu einer Podiumsdiskussion – in der realen Welt.

Für das Beibehalten bestimmter Artikel sprach sich bei der Debatte in den Räumen von Wikipedia Deutschland etwa der langjährige Wikipedianer Kurt Jansson aus. „Relevanzkritierien sind ein Mittel, uns in der Community nur so viel Arbeit zu machen, wie wir gerade noch stemmen können“, sagte er. Andere vertraten einen konstruktivistischen Ansatz. Relevanz sei schließlich immer subjektiv. „Wir haben ja keinen Platzmangel“, sagte eine Wikipedianerin, die Professorin für Informatik ist. Die Wikipedia sei ohnehin nicht objektiv. Sie werde schließlich von denen gemacht, die auch sonst das Netz dominieren: junge, technikaffine Männer, die in großen Städten leben. Und die finden den Todesstern wichtig, die Einträge freiwilliger Feuerwehren aus dem ländlichen Raum aber nicht.

Auf die Frage, was relevant ist im Netz, gibt es viele Antworten. Die meisten sind Algorithmen. Ohne Suchmaschinen, die für die Nutzer den unüberschaubar gewordenen Wust an Inhalten sortieren, wäre das Netz nicht viel wert. Die Suchmaschinen verfolgen verschiedene Ansätze. Die zuletzt von der Microsoft-Suchmaschine Bing etablierte Twitter-Suche orientiert sich an der Herde. Sie hält das für relevant, was viele verfolgen, weiterleiten und beantworten. Ganz anders etwa der Ansatz der Wissens-Datenbank „Twine“: An der semantischen Suche im Netz wird noch gearbeitet. Sie soll ordnen, was den Einzelnen am meisten interessiert, er kann Inhalte individuell ordnen und verknüpfen. Das erklärt übrigens auch die Wikipedia, allerdings wurde der Artikel „Twine“ gerade zur Löschung vorgeschlagen. Begründung: „noch nicht relevant genug“.

Anders als in den Suchmaschinen entscheiden bei Wikipedia die Wikipedianer darüber, was sie wichtig finden oder nicht. Dadurch wird die Wikipedia subjektiv und menschlich. Allzu menschlich, finden viele. Die aufgeheizten Debatten in den Foren werden deshalb auch „Löschhölle“ genannt.

Diszipliniert werden die 600 000 angemeldeten Nutzer von fast niemandem. Die Gemeinschaft organisiert sich selbst und realisiert damit einen großen Traum des Web 2.0: das Wissen der vielen zu bündeln und kostenfrei der Welt zur Verfügung zu stellen. Je mehr Leute sich beteiligen, desto erfolgreicher wird das Projekt. Doch wo so viele Menschen interagieren, braucht es Regeln, und davon gibt es in der Wikiwelt einerseits zu viele, andererseits zu wenige. Ein erster Regulierungsversuch war das Festlegen von Relevanzkriterien (siehe Kasten).

Andererseits sind Regeln rar. Gelöscht werden können Artikel nur von den rund 300 ehrenamtlichen Administratoren, bei denen es sich häufig um altgediente Wikipedianer handelt. Die Administratoren werden gewählt, von den anderen Wikipedianern, die eine bestimmte Zeit lang angemeldet sind und schon öfter Artikel bearbeitet haben. Abgewählt werden konnte man bislang nicht. Erst vor kurzem wurde ein Mechanismus eingeführt, der die Admins zwingt, sich unter bestimmten Bedingungen der Wiederwahl zu stellen. Vielen geht das nicht weit genug. Die Debatte ist auch ein Aufstand derer, die sich als Unterdrückte und Entrechtete empfinden: die Autoren der gelöschten Artikel.

Die Enzyklopädie ist eigentlich eine altmodische und vor allem analoge Idee. Sie geht davon aus, dass es einen relevanten Kernbestand von Wissen gibt. Das bedeutet in der Folge auch, dass selektiert werden muss. Ob diese Idee langfristig im Netz Bestand hat, dort, wo das praktische Argument des beschränkten Raumes nicht mehr zählt, wird irgendwer für Wikipedia entscheiden müssen. Der Verein, das betont der Geschäftsführer von Wikipedia Deutschland, Pavel Richter, wird es nicht tun. Die Community wird sich organisieren müssen.

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