Medien : Wilde Wetten

Amerikas Medien mühen sich, mit der Krise an den Finanzmärkten Schritt zu halten

Matthias B. Krause[New York]

Der Moment geht fraglos als einer der skurrilsten Ereignisse in die jüngere Fernsehgeschichte ein. Da blickte Donald Trump, der New Yorker Immobilienmogul mit der markanten Frisur, treuherzig in die Kamera und proklamierte: „Geht raus und macht ein Geschäft! Die Banken wollen ihren Bestand loswerden. Da draußen sind Tausende, Millionen von Häusern.“ Das war nicht unbedingt die Antwort, die CNN-Talker Larry King erwartet hatte, als er von seinem Freund wissen wollte, was er der amerikanischen Durchschnittsfamilie in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten rate. Trump blieb jedoch auch auf Nachfrage dabei: „Dies ist eine unglaublich gute Zeit, Geld zu machen.“ Es ist eben alles relativ.

Die in einer schnellen Folge von Hiobsbotschaften über die amerikanischen Medien hereingebrochene Wirtschaftskrise überfordert so manche Redaktion. Kaum hatten sie einen Experten gefunden, der ihnen erklärt, warum der Versicherungsriese American International Group mit 85 Milliarden Dollar Staatsgeldern gestützt werden muss, da präsentierte US-Finanzminister Henry Paulson seinen 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan. Da sich das alles in der heißen Phase des Wahlkampfes abspielt, stoßen kleinere Medien an ihre Grenzen. Am Donnerstag etwa brauchten die Kabelsender Stunden, um die Stellungnahme des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama nach dem Platzen der Verhandlungen im Weißen Haus zu senden. Obama war kurzfristig vom Regierungssitz in ein nahe gelegenes Hotel umgezogen, und die Kameracrews kamen nicht schnell genug hinterher.

Große Sender wie CNN verfügen über genügend Kapazitäten, um Reporter vor Ort zu haben. Kleinere müssen sich mit sogenannten Experten begnügen. In ihrer Not fungieren dabei Reporter bisweilen als Moderatoren und Experten in Personalunion. Extremstes Beispiel ist wohl Andrea Mitchell, die eigentlich bei NBC als außenpolitische Chefreporterin angestellt ist. Mittlerweile moderiert sie jedoch bei der Kabeltochter MSNBC ihre eigene Mittagsshow, tritt in den anderen Sendungen als Wahlkampfreporterin auf und wird abends als Expertin ins Studio geladen, um die Lage zu analysieren.

Als wäre das für die Zuschauer nicht schon schwer genug, das auseinanderzuhalten, existiert in Mitchells Fall auch noch ein Interessenkonflikt: Sie ist mit Alan Greenspan verheiratet, dem ehemaligen US-Notenbankchef. Der gilt als einer der Architekten der Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Nicht nur die „Columbia Journalism Review“, die renommierte Branchenzeitschrift der Columbia-Universität in New York, fragt sich nun, wie Mitchell unvoreingenommen über die Wirtschaftskrise und den Zusammenbruch des Häusermarktes berichten kann. NBC sieht da keine Probleme: „Wir sind 100-prozentig mit ihrer Arbeit zufrieden.“

Die Zeitungen haben derweil Schwierigkeiten, mit den elektronischen Medien Schritt zu halten. Sie setzen deshalb verstärkt auf das Internet. Die Korrespondenten von „New York Times“, „Washington Post“ und „Wall Street Journal“ setzen ihre Geschichten mittlerweile fast so schnell ab wie die Agenturkollegen der Associated Press. Zudem forcieren sie das Bloggen. Als etwa die Bank of America den Kauf der angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch verkündete und deren CEO die Finanzpresse per Telefonkonferenz informierte, bloggte der Experte des „Wall Street Journal“ live die Geschehnisse ins Internet.

Andernorts wird über Verantwortung gestritten. Auch die Medien tragen ihren Teil an der Schuld, meint Jane Kim von der „Columbia Journalism Review“. Sie hätten darstellen müssen, wie die wilden Wetten an der Wall Street langfristig die Main Street betreffen: „Es hat an Berichten gefehlt, die sich wirklich mit den Auswirkungen auf die kleinen Leute beschäftigen.“ Trumps Auftritt war dazu nicht geeignet. Matthias B. Krause, New York

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