Medien : Wilder Ehrgeiz

Ein WDR-Dokumentarfilm zeichnet den Karriereanfang von Hildegard Knef im Dritten Reich nach

Christian Schröder

Der Ruhm kam über Nacht. Mit dem ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“, 1946 in den Ruinen Berlins inszeniert, stieg Hildegard Knef zum Star auf. Sie spielte eine KZ-Heimkehrerin, die sich in einem neuen Alltag einrichtet. „Arbeiten, leben, endlich einmal leben“, sagt sie in einer Szene, ein Seufzer, mit dem sich die Deutschen der Stunde null identifizieren konnten. Einem Ufa- Star hätte man die Rolle nicht abgenommen. Knef hatte ein neues, unverbrauchtes Gesicht, sie verkörperte den Epochenwechsel. Fünf Millionen Zuschauer sahen das Melodram, die Kritiker lobten die „zupackende, unsentimentale Sachlichkeit“ der Hauptdarstellerin. Sie drehte noch zwei weitere Trümmerfilme und ging dann nach Hollywood. „Sie war ungemein modern“, sagt Volker Schlöndorff. „Gleichzeitig stand sie für alle Klischees von der schönen Blondine.“

Schlöndorff hätte vor zwanzig Jahren beinahe Knefs Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ verfilmt und bedauert es noch immer, dass die Produktion damals platzte. In der Dokumentation „Knef – Die frühen Jahre“ schwärmt er von der Schauspielerin. Eigentlich scheint alles gesagt zu sein über diese letzte deutsche Diva – vor allem von ihr selbst. Knef war eine begnadete Selbstdarstellerin, in ihren Büchern und Liedern, in Talkshows und Interviews hat sie immer wieder Auskunft gegeben über ihr Leben. Wo die Wirklichkeit endete und die Dichtung begann, war dabei nicht immer klar zu erkennen. Drei Jahre nach ihrem Tod ist Knef längst ein Mythos. Der 60-Minuten-Film über „Die frühen Jahre“, ausgestrahlt aus Anlass ihres bevorstehenden 80. Geburtstages, beschäftigt sich mit einem weitgehend unbekannten Thema: den Karriereanfängen der Schauspielerin im Dritten Reich.

„Die ist nett. Jedoch muss die Nase operiert werden“, befand Joseph Goebbels, nachdem er Probeaufnahmen von Hildegard Knef gesehen hatte. Sie hatte 1943, gerade einmal 17-jährig, eine Ausbildung an der Ufa-Schauspielschule begonnen. Ein Jahr später verliebte sie sich in einen der mächtigsten Männer des deutschen Films: Ewald von Demandowsky, „Reichsfilmdramaturg“, Produktionschef des Tobis-Studios und Vertrauter von Goebbels. Dass er ein Nazi war, will sie nicht gewusst haben. Ihren „wilden Ehrgeiz“ hat Knef später selbst beschrieben, ihr Freund Axel Andree sagt: „Die Knef war nicht nett. Sie ging zielstrebig auf die Dinge zu, was rechts und links geschah, interessierte sie nicht.“ Erste Filmauftritte zeigen die Schauspielerin noch etwas pummelig als Intrigantin (im Kurzfilm „Schauspielschule“) und Schiffersbraut (in Helmut Käutners Meisterwerk „Unter den Brücken“), eine Vorwegnahme ihres späteren „Sünderin“-Images.

Als Demandowsky im April 1945 zum Volkssturm eingezogen wurde, schloss sich Knef ihrem Geliebten an. Im „Geschenkten Gaul“ hat sie ausführlich geschildert, wie sie in den Endkampf um Berlin geriet, dass sie geschossen hat und sogar einen Rotarmisten getötet haben will, bevor sie gefangen genommen worden sei. Zumindest die Gefangenschaft ist wohl eine Legende. Thomas Harlan, damals ein Kind, erinnert sich, dass Knef „in Volkssturmuniform“ bei seiner Familie auftauchte, „in einem Augenblick, als draußen die Stalinorgeln heulten“. Der Sohn des Propagandafilmers Veit Harlan („Jud Süß“) bekundet der Schauspielerin seinen Respekt: „Dass sie sich mit einem Verlierer eingelassen hat in den Ruinen von Berlin, das gehört zum Hohelied dieser Frau.“

Ewald von Demandowsky, das erfuhr Regisseur Felix Moeller vom russischen Geheimdienst, wurde im Oktober 1946 von den Sowjets in Berlin hingerichtet. Moeller hat für seine eindrucksvolle und höchst spannende Knef-Recherche nicht nur die Kinder Demandowskys interviewt, ihm ist es auch gelungen, zum ersten Mal alle drei Ehemänner der Schauspielerin vor die Kamera zu bekommen. Kurt Hirsch, jüdischer Emigrant aus Böhmen und später US-Offizier, verlor seine halbe Familie im Holocaust. Als er Hildegard Knef als „War Bride“ mit nach New York brachte, verstießen ihn seine Eltern. Jetzt sitzt er, ein weißhaariger Mann mit verschmitztem Lächeln, in Kalifornien und scheint noch immer verliebt in das „bildhübsche Mädchen“.

„Knef – Die frühen Jahre“: Freitag um 23 Uhr 30 im WDR und Montag darauf um 22 Uhr 15 im RBB. Der Film wird aus Anlass der Knef-Ausstellung bereits am Donnerstag um 17 Uhr im Filmmuseum Berlin gezeigt.

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