Medien : Wilder Ritt auf des toten Manns Kiste

Durchgeschnittene Kehlen, erstochene und gequälte Menschen - Pro 7 hat sich an eine aufwendige Neuverfilmung der „Schatzinsel“ gewagt - mit Jürgen Vogel und Tobias Moretti

Simone Schellhammer

Schwere Stürme in England, gefährliche Schlangen, Rieseninsekten und Überschwemmungen am Set in Thailand, sechs Wochen Stunt-Training, Seekrankheit bei etlichen Schauspielern und ein Leistenbruch bei Tobias Moretti – die rund 140 Mitglieder der Filmcrew um Regisseur Hansjörg Thurn gaben für das 7,7 Millionen Euro teure Piratenspektakel „Die Schatzinsel“, das am Montag und am Dienstag gezeigt wird, tatsächlich alles. Ob sich die Mühen gelohnt haben, ist allerdings die Frage. Denn die eindrucksvollen Bilder und die ständige Action wirken bald erstaunlich ermüdend.

Ohne Unterlass werden Kehlen durchschnitten, Menschen erstochen oder gequält. Vor allem im zweiten Teil fließt Blut in Mengen. Das Kämpfen und Sterben wird so effektreich inszeniert, dass man sich manchmal eher in einem Kriegsfilm wähnt. Dabei herrscht eine nervtötende Daueraufregung mit dramatischer Musikuntermalung, ohne dass echte Spannung aufkommt. Und auch der Schuss Erotik hier und da wirkt eher hilflos und ähnlich aufgesetzt wie die humorigen Sprüche, die zwei tumbe englische Edelleute beisteuern dürfen.

"toal geflaht"
Man habe den Bestseller von Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1883 „für die junge Mediengeneration“ inszenieren wollen, heißt es bei Pro 7. Super, denn auch der 18-jährige Hauptdarsteller François Goeske war nach eigenem Bekunden „erst mal von der Geschichte total geflasht“. Diese wurde tatsächlich nur relativ wenig verändert: Der junge Jim Hawkins findet in der Kiste eines gerade erstochenen Seemanns die Schatzkarte des legendären Kapitäns Flint und macht sich zusammen mit dem adeligen John Trelawney (wie immer in lustiger Verkleidung: Christian Tramitz) und einer finsteren Schiffscrew an Bord der „Hispaniola“ auf den Weg zur Schatzinsel.

Unter dem einbeinigen Long John Silver (grandios: Tobias Moretti) kommt es zu einer Meuterei, bei der die Hardcore-Schurken Israel Hands (Jürgen Vogel) und Black Dog (Richy Müller) ihre Brutalität unter Beweis stellen. Auf der Insel angekommen stößt die Truppe auf den irrsinnigen Einsiedler Ben Gunn (André Hennicke). Ein erbitterter Kampf um den Schatz beginnt.

Anders als in der Romanvorlage, aber ähnlich wie bei Gore Verbinskis charmantem Piratenklamauk „Fluch der Karibik“ (der passenderweise heute ebenfalls auf Pro 7 läuft), dreht sich ein Teil der Handlung um ein junges dunkelhaariges Mädchen: Sheila (Diane Willems), die Tochter von Kapitän Flint, hat sich als Schiffsjunge verkleidet auf das Schiff geschmuggelt. Ihre Aufgabe ist, von Anfang bis Ende möglichst grimmig dreinzuschauen und ab und zu ihre hübschen Brüste ins Spiel zu bringen. Dennoch will es zwischen den beiden jugendlichen Hauptdarstellern nicht richtig knistern, dazu sind die Dialoge der beiden („Ich komm schon klar“) doch zu teeniehaft und ohne Tiefgang.

Aufwendiger Zweiteiler
Gut zwei Jahre lang arbeitete Produzent Ivo Alexander Beck mit seinem Team an dem aufwendigen Zweiteiler, der bereits in über 50 Länder verkauft wurde. Verfilmungen des berühmten Abenteuerromans gibt es schon seit 1912. Die Rolle des Long John Silver übernahmen dabei Schauspielgrößen wie Orson Welles, Charlton Heston und Jack Palance. In Deutschland schaffte es vor allem der ZDF-Vierteiler aus dem Jahr 1966 mit dem jungen Michael Ande als Jim Hawkins zu einiger Bekanntheit. Er wurde noch in Schwarz-Weiß ausgestrahlt, obwohl in Farbe gedreht. Diese „Schatzinsel“ wurde ein großer Erfolg, auch international (siehe Kasten).

Bei der neuen Version des Abenteuerklassikers auf Pro 7 kann man den Schauspielern zwar ansehen, wie viel Spaß ihnen das Piratenspielen macht, doch allein Tobias Moretti ist es zu verdanken, dass das Ganze nicht in einem Actionrausch untergeht. Nicht nur, dass sich der Schauspieler beim Drehen mit dem Holzbein auf abschüssigem Gelände einen Leistenbruch zuzog, er spielt die Figur des Long John Silver so vielschichtig, dass er das schlingernde Freibeutermärchen aus jeder Seenotlage befreit.

„Die Schatzinsel“, Montag und Dienstag, Pro 7, jeweils 20 Uhr 15

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