Medien : Wilder Westen

Bei WAZ-Zeitungen sind bis zu 300 Stellen gefährdet

Hannes Heine/Sonja Pohlmann

Dass mit ihrer Zeitung etwas nicht stimmte, werden viele Leser am Freitagmorgen gleich am Briefkasten gemerkt haben. Ihr Blatt war geschrumpft, nur 32 statt der üblichen 40 Seiten war die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) dick. Auf der Medienseite folgte eine knappe Erklärung: Der reduzierte Umfang sei Folge der wenigen Anzeigen, erklärte die WAZ-Mediengruppe. Ebenso dünne Zeitungen mit der gleichen Meldung bekamen auch die Leser der „Westfalenpost“, „Westfälischen Rundschau“ und der „Neuen Ruhr / Rhein Zeitung“.

Alle vier in Nordrhein-Westfalen erscheinenden Titel der WAZ-Gruppe stecken in der Krise. Die Redaktionen haben nicht nur mit Anzeigenverlusten, sondern auch mit sinkenden Auflagen zu kämpfen: Die vier Zeitungen sollen in den vergangenen fünf Jahren rund 17 Prozent Auflage verloren haben. Bis auf das Flaggschiff „WAZ“ machen alle deutliche Verluste. Jetzt sollen Kosten reduziert werden: Einsparungen von etwa 30 Millionen Euro seien geplant, 300 von 900 Stellen sollen gestrichen werden, heißt es aus Verlagskreisen. „Eine so heftige Streichorgie hat es in Deutschland wohl noch nicht gegeben“, sagt Horst Röper, Medienforscher am Dortmunder Formatt-Institut.

Häppchenweise hatten die beiden Geschäftsführer Bodo Hombach und Christian Nienhaus in den vergangenen Monaten durchsickern lassen, dass bei den Blättern betriebsbedingte Kündigungen anstehen. Am Mittwoch informierten sie die Betriebsräte der Zeitungen über die geplanten Sparmaßnahmen, am Donnerstag folgte eine Mitteilung an alle Mitarbeiter: „Drastische wirtschaftliche Verluste“, seien zu verzeichnen, „dramatisch“ der Anzeigenrückgang. Die nötigen Einsparungen könnten nur erreicht werden, wenn neben der Verringerung der Sachkosten auch ein größerer Personalabbau vorgenommen werde. Schnell solle über einen Sozialplan verhandelt werden.

Nienhaus, erst seit Juli im Amt und zuvor Geschäftsführer der „Bild“-Gruppe, gilt als jemand, der mit spitzer Feder rechnet. Die vier Titel hatten schon bisher wirtschaftlich untereinander kooperiert, jetzt sollen auch die Redaktionen enger zusammenarbeiten. Das heißt: Termine sollen nicht mehr von je einem Journalisten aus den vier Häusern besetzt werden. „Alle vier Titel bleiben aber eigenständig, keiner wird geschlossen“, sagte WAZ-Sprecher Paul Binder. Experte Röper fürchtet jedoch, dass „allen Lesern am Ende Einheitskost serviert werden könnte“. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Gewerkschaft Verdi sehen nicht nur die Jobs ihrer Mitglieder, sondern auch die Pressevielfalt der Region gefährdet. Gewerkschafter befürchten die Schließung ganzer Lokalredaktionen.

Gegen eine etwaige Konzentration scheint das Bundeskartellamt, das in den 70er Jahren die Übernahme der Zeitungen durch die WAZ-Gruppe genehmigt hatte, kaum Einwände zu haben. „Kooperieren Tochterunternehmen innerhalb eines Konzerns, besteht üblicherweise keine fusionsrechtliche Anmeldepflicht“, sagte ein Sprecher. Das Kartellamt sei aber nicht gewillt, den Weg für größere publizistische Einheiten zu ebnen. „Wenn bei einer Zusammenlegung von Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung entstehen kann, prüfen wir das.“

In den Redaktionen der vier Zeitungen ist die Stimmung schlecht. „Es herrscht große Angst und Unruhe“, sagte Ralph Lucht, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der WAZ-KG. Viele Mitarbeiter aus anderen Bereichen befürchten, dass bei einer neuen Einsparwelle ihre Jobs gefährdet sind. Noch beschäftigt sich das Unternehmen vorrangig mit den Zahlen der vier Titel in Nordrhein-Westfalen. Welche Sparmöglichkeiten die Geschäftsführung sehe, will sie am 21. November mit den Betriebsräten der Zeitungen diskutieren. Zwei Monate später, am 31. Januar 2009 soll eine endgültige Einigung über den Personalabbau erzielt worden sein. So sieht es zumindest der Zeitplan der Geschäftsführung vor. „Unser Plan sieht anders aus“, sagte ein Betriebsrat. Hannes Heine/Sonja Pohlmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar