• Wildwest bei den Zeitungen Der tägliche Terror im Irak – und wie sich die Menschen dort informieren

Medien : Wildwest bei den Zeitungen Der tägliche Terror im Irak – und wie sich die Menschen dort informieren

Erwin Decker

Wochenlang lief die Show im irakischen Staats-Fernsehen zur Hauptsendezeit. Jeden Abend zeigte das Fernsehprogramm live, wie die Polizei zusammen mit Journalisten festgenommene Terroristen im Studio verhörte. Es erinnerte mehr an eine Talkshow als an das Verhören von Bombenlegern. Sie beichteten in blumiger Sprache ihre Missetaten vor laufender Kamera. Es war Balsam für die Ohren der vom täglichen Terror gegeißelten irakischen Zuschauer. Sie hatten die Hoffnung, dass, wenn die vorgeführten Terroristen die Taten öffentlich zugaben, die Morde endlich aufhörten. Von Staatswegen wollte man damit auch die Dschihadis (so nennt man die Widerständler) abschrecken. Misstrauen gab es bei den Zuschauern, als nach zwei Wochen ein „Terrorist“ das zweite Mal vor der Kamera verhört wurde und einen anderen Namen hatte. Seitdem zweifeln die Iraker an der Wahrheit der Polizeierfolge bei der Festnahme von Widerständlern. Keiner prüft im Irak die Quoten, aber die Terroristen-Show wurde nach einem Monat ohne Kommentar eingestellt. Irakische Journalisten sind überzeugt, dass die Zuschauer die vorgeführten Horrorgeschichten nicht mehr glaubten und sich nur noch darüber lustig machten.

„Wenn ich zuverlässige Informationen über mein Land haben möchte, sehe ich ausländische TV-Programme oder gehe in ein Internetcafé“, sagt der Englischprofessor Dr. Salim Khalaf in Bagdad. Er wertet seit Kriegsende für ausländische Medien irakische Zeitungen aus. An der Pressevielfalt im Irak liegt das nicht. Es gibt über 170 Zeitungen. Aber keine berichtet unabhängig. Jede Zeitung, jeder Radio- und TV-Kanal hängt am Tropf eines Interessenpools. Jede Partei hat eine eigene Zeitung. Die Auflage ist abhängig von den Mitgliederzahlen. Da wird es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Die Leser wissen das und betrachten die Zeitungen mehr als Unterhaltungslektüre denn als Informationsquelle.

Die größte und die am professionellste gemachte Zeitung im Irak ist „Sabah“. Von den US-Amerikanern nach Kriegsende gegründet und von ihnen finanziert. Der erste Chefredakteur, der Exiliraker Ismael Zayer aus Belgien, schmiss nach einem Jahr seinen Job hin und wollte mit der „New Sabah“ eine unabhängige Zeitung machen. Fünf seiner Mitarbeiter wurden erschossen. Seit er bei der Wahl im Januar erfolgreich für das Parlament kandidierte, gilt seine Zeitung auch nicht mehr als unparteiisch.

Alle Zeitungen im Irak haben eines gemeinsam: Sie kritisieren so gut wie nie die Besatzungsmacht USA. Sei es, weil sie Geld aus einem US-Hilfsprogramm bekommen, oder sei es, weil sie Angst haben, dass ihre Redaktion von der gewählten Übergangsregierung – im Auftrag der US-Besatzer – geschlossen wird. So geschehen vergangenes Jahr, als die dem Aufrührer Muktata Al Sadr nahe stehende Zeitung „Al Hausa“ von US-Soldaten geschlossen wurde. Das Blatt kritisierte in jeder Ausgabe die USA, forderte sie auf, den Irak sofort zu verlassen. Ein ähnliches Schicksal musste der arabische News-Kanal „Al Dschasira“ aus Katar erfahren. Weil die islamistischen Entführer der Ausländer im Irak ihre Videobotschaften an den populären Sender gaben und die Reporter das Verhalten und die Aktionen der US-Besatzer kritisierten, wurde ihr Studio in Bagdad geschlossen.

Als die zwei Söhne von Saddam Hussein bei ihrer Festnahme in Mossul von den US-Amerikanern getötet wurden, glaubten viele Iraker nicht, dass die gezeigten präparierten Leichen wirklich die Söhne des Diktators sind. Erst als im Ausland darüber berichtet wurde, verstummten die Zweifel im Irak. Wenn Bagdad durch eine Explosion erschüttert wird, schalten die Menschen nicht den lokalen TV-Kanal ein. Offizielle Pressemitteilungen der Regierung werden wieder zurückgenommen, weil ausländische Medien andere Fakten berichten. „Al Dschasira“ und „Al Arabija“ sind die glaubhafteren Sender. Keinen Zweifel haben die Hörer auch am Wahrheitsgehalt des örtlichen BBC-Radiosenders, der in Bagdad auf einer UKW Frequenz 24 Stunden Nachrichten in Arabisch bringt. Es ist Teil des weltweiten BBC-Programms.

Am meisten regen sich die Menschen auf, wenn sie aus den Medien erfahren, dass es im Irak aufwärts ginge. Bei täglich zwei Stunden Strom, bürgerkriegsähnlichen Zuständen und einer Arbeitslosigkeit von über 80% schütteln die Leser nur noch den Kopf. Viele Beiträge sind schlichtweg falsch, weil wenige Journalisten im Irak ihr Handwerk gelernt haben. Oft haben sie den Job durch Mitgliedschaft in einer Partei bekommen. „Jedes Mal, wenn ich eine Zeitung lese, rege ich mich auf. Unter Saddam wussten wir, dass wir angelogen wurden, aber bei den Medien herrschen heute im Irak genau solche Wildwest-Zustände wie auf den Straßen in Bagdad. Es wird immer schwieriger, die Wahrheit zu erfahren“, sagt Rechtsanwalt Dr. Jallal Abbas.

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