Medien : Wilfried Scharnagl: Sein letzter Leitartikel

Mirko Weber

23 Jahre als Chefredakteur an der Spitze, insgesamt 37 Jahre beim CSU-Parteiblatt: Wilfried Scharnagl personifizierte den "Bayernkurier". Künftig macht er irgendetwas bei der Kirch-Gruppe. Am Donnerstag hat er seinen letzten Leitartikel geschrieben, metaphorisch umkränzt von stark angeheuchelten Abschiedsworten des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ("Lieber Wilfried ... , Abschied von der Kommandobrücke"). Tatsächlich haben sie in der CSU gemeinsam Scharnagls Schiff kielgeholt, allen voran der Generalsekretär Thomas Goppel, sagt Scharnagl. Goppel mochte nicht zusehen, wie Jahr für Jahr bis zu vier Millionen untergingen für ein Blatt, das dem Parteimitglied umsonst ins Haus kommt.

Das alles muss Scharnagl geschmerzt haben, denn er konnte als beinahe Einziger bei seiner Zeitung schreiben, sogar ganz schön, wenn es darauf ankam. Und schönschreiben konnte er die Dinge auch, wenn er musste und sollte, und er wollte dann ja auch, denn die CSU und Scharnagl sind eigentlich ein und dasselbe, das heißt, sie waren es. Seit Ende der achtziger Jahre hatte Scharnagl die wenig dankbare Aufgabe, eine innerparteiliche Harmonie zu preisen, die es wegen der nicht ganz versteckt ausgetragenen Zwistigkeiten zwischen Streibl und Waigel respektive Waigel und Stoiber nicht gab, jedenfalls nicht so. In solchen Zeiten ging Scharnagl vorzugsweise dazu über, die Konzepte der Konkurrenten zu "demaskieren", wie ihm das Edmund Stoiber zum Abschied noch einmal gepriesen hat. Auch das ist heute nicht mehr so einfach, wo doch alle mehr oder minder die gleichen Konzepte haben - und im Zweifelsfall eher keine, auch nicht die CSU.

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