Willkür-Justiz : Ausgeliefert in China

Ohne Anklage oder Urteil monatelang in einem chinesischen Gefängnis: Eine WDR-Doku über einen deutschen Spediteur und sein an Ai Weiwei verschenktes Fahrrad.

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Nils Jennrich saß in China Monate in Haft – ohne Urteil oder Anklage. Foto: WDR
Nils Jennrich saß in China Monate in Haft – ohne Urteil oder Anklage. Foto: WDRFoto: WDR

Ein Fahrrad lehnt an einem Baum in Peking, in dem Korb am Lenkrad wird an jedem Tag ein frischer Strauß Blumen deponiert. Es ist ein Projekt des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, dessen Ausstellung „Evidence“ zurzeit in Berlin zu sehen ist. Das Fahrrad vor dem Studio von Ai Weiwei, der sein Heimatland nicht verlassen darf, ist tatsächlich eine Art Beweisstück. Es ist das Geschenk eines Deutschen, des Kunst-Spediteurs Nils Jennrich, der im März 2012 in China verhaftet wurde, mehr als vier Monate in Haft saß und erst weitere zehn Monate später nach Deutschland ausreisen durfte. Der Vorwurf: Er habe den Wert von Kunstwerken zu niedrig angegeben, um Einfuhrzoll zu unterschlagen. Eine Anklage, geschweige denn ein Gerichtsverfahren, gab es nie. China-Kenner Frank Sieren erzählt in der „Menschen hautnah“-Reihe des WDR Jennrichs Geschichte und kann dabei Filmmaterial aus der gesamten Zeitspanne präsentieren.

Der Mittdreißiger Jennrich ist ein sportlicher Typ, den man häufig durch Peking joggen sieht. Seine hübsche Freundin Jenny, eine Schwedin chinesischer Abstammung, will er bald heiraten. Ein Bilderbuchpaar der Globalisierung, wenn man so will. Doch wie aus heiterem Himmel wird Jennrich verhaftet, obwohl er nach eigenen Angaben nur für den sicheren Transport der Kunstwerke zuständig gewesen sei, nicht aber für die Wertangaben. Es beginnt eine lange Zeit völliger Ungewissheit für das Paar, für Jennrichs Mutter und seinen besten Freund Timo in Deutschland, die alle zu Wort kommen. In nachgestellten Szenen wird das Leben in der engen, bettenlosen Zelle mit einem Dutzend Mitgefangener, einer einzigen Toilette und ständiger Beleuchtung geschildert.

Nachdem Nils Jennrich ebenso unverhofft wieder freikommt, wird Jenny schwanger. Doch nun beginnt die zermürbende Zeit des Wartens auf Pass und Visum, auf die Erlaubnis, nach Hause zurückzukehren. „Für mich ist das Auffallendste in einer Gesellschaft wie China: Du weißt gar nichts“, sagt Ai Weiwei im Film. Man wisse nicht, was den Nachbarn und den Freunden passiere. „Und du weißt nicht, was dir passieren wird.“

Der Film ist nicht nur eine Anklage der chinesischen Zustände, sondern auch ein Lehrstück über den Wert des Rechtsstaats. Beweise gegen Jennrich werden keine präsentiert, die Anwälte bekommen keinen vollständigen Einblick in die Akten, U-Haft und Passentzug werden immer wieder verlängert. Jennrich kommt wohl nur aufgrund mehrfacher Interventionen des deutschen Botschafters Michael Schaefer und der damaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) frei. Der Hintergrund: Offenbar wollte eine chinesische Konkurrenzfirma Jennrichs Arbeitgeber vom Markt verdrängen. Und weil man an die großen Kunsthändler nicht so leicht herankomme, „hat man halt das schwächste Glied in der Mitte genommen, und das war ein junger Spediteur“, sagt Diplomat Schaefer. Bitter: Jennrich verlor seinen Arbeitsplatz, und dessen alter Arbeitgeber zog sich aus China zurück. Immerhin hält Ai Weiwei am Ende Jennrichs Geschenk, das Fahrrad, in die Luft. Es sieht aus wie eine Geste des Triumphs. Thomas Gehringer

„Menschen hautnah: Ausreise verboten – Eingesperrt in China“; WDR, Donnerstag, 22 Uhr 30

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