Medien : „Willy Brandt war ein Glück für unser Land“

Egon Bahr, der Freund und wichtigste Berater des Politikers, über Wahrheit und Wirklichkeit bei „Im Schatten der Macht“

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Wie gefällt Ihnen „Im Schatten der Macht“?

Ungeheuer. Ich war beeindruckt, wie es gelingen kann, eine sehr komplizierte, zeitgeschichtliche Entwicklung, die sich in nur 14 Tagen abgespielt hat, so zu fassen, dass es jeder verstehen kann.

Was hat Ihnen nicht gefallen?

Die Mädchengeschichten Brandts werden ein bisschen überzogen. Das ist wahrscheinlich dem Publikum geschuldet. Und dann ist die komplizierte Wirklichkeit von damals in ihrer Mischung aus Macht, persönlichen Interessen und Eifersüchteleien nicht wirklich erfasst. Aber insgesamt zeigt der Film, das ist seine große Stärke, die Wahrheit. Nicht die ganze Wirklichkeit – aber die Wahrheit.

Was ist denn die Wahrheit?

Die Wahrheit ist die Tragödie Brandts, die sich den unnachsichtigen Regeln der klassischen Tragödie gemäß einem voraussehbaren Ende entgegen entwickelt hat. Die Entscheidung zurückzutreten, fiel nach einem Gespräch zwischen Brandt und Herbert Wehner in Bad Münstereifel. Aber es gibt keine Zeugen. Die Filmemacher haben praktisch alle Argumente und Überlegungen, die damals im Schwange waren, den beiden Protagonisten in den Mund gelegt. Das ist ihnen dramaturgisch fabelhaft gelungen. Die Szene zeigt die Wahrheit, obwohl sie nicht die Wirklichkeit schildert.

Ihnen werden im Film die Worte in den Mund gelegt: „Willy ist im Grunde gar kein Politiker.“ Haben Sie das je gesagt oder auch nur gedacht?

Weder noch. Und was Brandt für ein Politiker gewesen ist! Glaubt jemand wirklich, es könne jemand 28 Jahre eine Partei leiten, ohne Politiker oder auch Taktiker zu sein und ohne mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen? Ich könnte Folgendes gedacht haben: Das ist kein gewöhnlicher Politiker, der hat viele Dimensionen. Zum Beispiel die, eine Vision entwickeln zu können und trotzdem den Boden der Tatsachen nicht zu verlassen. Gerade das hat Brandt ausgezeichnet. Außerdem, dass er ein Mensch geblieben ist, der keine Angst hatte, es auch zu zeigen. Es war diese Menschlichkeit, die die Menschen angezogen hat. Sie war auch seine große Schwäche. Unter dem Strich glaube ich, dass Brandt das relativ seltene Beispiel dafür ist, dass Politik nicht den Charakter verderben muss.

Im Film wird Brandt als ein von Anfang an gebrochener Mann dargestellt. Als Getriebener.

Das sehe ich ganz anders. Aber das liegt wohl daran, dass ich ihn länger kenne, als der Film ihn zeigt, der nur auf die letzten 14 Tage vor dem Rücktritt fokussiert ist. Zum Beispiel wird überhaupt nicht deutlich, dass Brandt voller Tatendrang und voller Energie von der Reise nach Ägypten zurückkam, als man ihm mitteilte, man habe Guillaume verhaftet. Beweis: Er hatte die Liste für die Kabinettsumbildung fertig in der Tasche. Darüber hatte ich mit ihm auf dem Rückflug gesprochen. Wir wollten die Ärmel aufkrempeln, es sollte wieder richtig losgehen.

Ein Mann voller Zuversicht – und lässt sich von einer Spionage-Affäre derart überwältigen?

Ist das ein Wunder? Brandt war doch nicht aus Holz. Er war empfindsam. Die Erkenntnis der Ungeheuerlichkeit, von den eigenen Diensten als Lockvogel zur Enttarnung eines Spions missbraucht worden zu sein, ist ihm erst im Lauf dieser 14 Tage gekommen. Das psychologisch Schwierigste war sicher, dass er sich fragen musste, gegen wen ermittelt wird: gegen den Kanzler oder den Spion?

Der Ex-Innenminister Genscher und Nollau, Chef des Verfassungsschutzes, werden als Karikatur gezeichnet und den Bösen zugerechnet – angeführt von Wehner. Stimmt der Eindruck?

Das stimmt insofern nicht, als Wehner in dem Gespräch in Bad Münstereifel Argumente findet, die relevant waren und ein eigenes Konzept Wehners deutlich werden lassen, für das man sein konnte. Bei Genscher sehe ich die Notwendigkeit, eine Position einzunehmen, die ihn nur bedingt festnageln konnte, aber trotzdem seine Loyalität gegenüber dem Regierungschef und der eigenen Partei deutlich machte. Genscher ist auch Slalom gefahren. Bei Günther Nollau sehe ich keinen Widerspruch zu meiner eigenen Empfindung. Allerdings war er nie so rank und schlank wie im Film. In Wahrheit ist er eher klein und nicht sehr angenehm gewesen.

Wie hat Ihnen Brandt im Film gefallen?

An Michael Mendl als Brandt musste ich mich erst gewöhnen. Dann aber fand ich ihn sehr interessant. Matthias Brandt als Guillaume hat mich geradezu überwältigt. Ein oder zwei Mal habe ich mich sogar gefragt: Ist das Guillaume oder Matthias Brandt? Das ist schon toll. Zumal Matthias Brandt so zurückgenommen spielt, wie der Guillaume tatsächlich war.

Trifft der Film die Stimmung der Zeit? Es regnet ununterbrochen. War es tatsächlich so düster?

So weit ich mich erinnere, schien in diesen Tagen die Sonne. Es waren herrliche Tage. Und wenn mich nicht alles täuscht, hat es in diesen 14 Tagen nicht ein Mal geregnet. Aber das macht nichts. Die Stimmung ist trotzdem sehr gut getroffen.

Im Film sagen Sie zu Brandt: „Du kannst erhobenen Hauptes gehen.“ Sie waren sein engster Freund. Haben Sie ihm geraten zu gehen?

Ich bin überzeugt, Brandt hat seine Entscheidung ganz für sich allein getroffen. Die Unzweideutigkeit – Willy, das stehen wir durch – , ist von Wehner nicht gekommen. So hat es mir Brandt später erzählt. Als Brandt daraufhin gesagt hat, mir bleibt nichts anderes als der Rücktritt, haben viele, darunter auch Scheel, ihn gedrängt zu bleiben. In dieser Phase war ich der Auffassung, ich sollte ihm zum Rücktritt raten, weil ich glaubte, er wäre sonst aus dem Amt gejagt worden. Ich hatte Angst um den Freund. Ich war der Ansicht, dass er nur dann eine Chance hat, sich zu erholen, wenn er freiwillig geht. Ein Machtverlust dieser Dimension kann ein Abgrund sein, in den man leicht stürzen kann. Eines noch: Ich habe Brandt nie auf die Schulter gegriffen, wie es der Film glauben macht. Kameraderie des Körperkontakts gab es unter uns nicht.

Haben Sie geweint, wie im Film zu sehen?

Nein. Aber ich habe tatsächlich einmal geweint. Und zwar in der Fraktionssitzung, in der Wehner mit Rosen im Arm in den Saal gebrüllt hat: „Wir alle lieben ihn.“ Das Wort Liebe aus diesem Anlass und aus diesem Mund war so, dass ich nicht mehr konnte. Hätte ich gemerkt, dass Kameras auf mich gerichtet waren, hätte ich die Tränen vielleicht unterdrücken können. Sonst habe ich nie geweint. Die Filmtränen sind insofern die Wahrheit, aber sie zeigen nicht die Wirklichkeit.

War Brandt ein Held?

Ich weiß nicht, welches Bild von Willy Brandt Sie haben. Ich habe meins. Andere werden andere haben. Insgesamt muss es doch wohl so sein, dass die Facetten dieses Mannes und sein Lebensweg die Leute so anrührten, dass sie sagten: ein großer Mann. Schade um ihn. Hätte man länger erleben wollen. Das macht die Faszination dieser Ausnahmepersönlichkeit aus.

Braucht die Politik Kerle wie Brandt?

Wenn man viel Glück hat, findet man sie. Leider kann man sie nicht beschließen. Daran ändern auch einstimmige Parteibeschlüsse nichts. Aber eines steht fest: Willy Brandt war sicher ein Glück für unser Land. Er hat gewagt, Tabus zu brechen. Das hat Leidenschaften geweckt.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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