Medien : „Wir lieben die Amerikaner“

„Militainment“ für den Frieden: Eine US-Serie zeigt Soldaten im globalen Fronteinsatz

Malte Lehming

Zur „Sendung mit der Maus" gehört die berühmte Sach- und Lachgeschichte. Darin wird den Kindern die Welt erklärt. Wie kommt der Tee in den Teebeutel? Wer macht die Löcher in den Käse? Nun könnte das Kind ja auch fragen: Was machen eigentlich die amerikanischen Soldaten in Afghanistan? Und dann könnten die Produzenten von der „Sendung mit der Maus" auf die Idee kommen, diese Frage durch ein Team von „Spiegel TV" beantworten zu lassen. Nach dem Motto: ganz dicht dran, personalisiert und leicht verständlich. Nur auf den ideologischen Unterton müssten die „Spiegel-TV"-Macher verzichten. Schließlich ist es ein Kinderprogramm.

Das Ergebnis lief am Donnerstagabend, also zur besten Erwachsenenzeit, auf dem amerikanischen Disney-Fernsehsender ABC. Die Serie heißt „Profiles from the Frontline" und ist auf sechs Folgen angelegt. Produziert wurde sie von Jerry Bruckheimer, der auch Kriegsfilme wie „Black Hawk Down" und „Pearl Harbor" gedreht hat. Das Genre lässt sich schwer beschreiben. Am griffigsten klingt vielleicht der Begriff „Militainment". Bei der Entstehung von „Profiles" war das Pentagon behilflich. Das ist pikant. Gedreht nämlich wurden die Szenen im vergangenen Sommer, als kaum ein unabhängiger Journalist Zugang hatte zu den US-Einheiten in Afghanistan. Bruckheimer hatte Zugang. Er schätzt das Militär. Ihn faszinieren die Soldaten. Das spürt der Zuschauer in jeder Einblendung.

Nehmen wir Peter Sarvis, den früheren Broker. Seine Geschichte soll ans Herz gehen. Drei Tage vor dem 11. September 2001 hatte Sarvis geheiratet. Ein Hochzeitsvideo wird eingeblendet. Dann fallen die Türme des World Trade Centers in sich zusammen, 3000 Menschen sterben. Auch das wird eingeblendet. Als nächstes ist Sarvis in einem Zelt in der afghanischen Wüste zu sehen. Seine Aufgabe ist es, Kampfhubschrauber zu betanken. Warum sitzt er hier? Der Broker, der auch Reservist war, wollte nach den Terroranschlägen unbedingt wieder zur Armee, „Osama bin Laden jagen und dessen Helfershelfer". Per Satellitentelefon darf Sarvis alle zwei Tage für zwei Minuten mit seiner Frau sprechen. Auch das wurde gefilmt. Anschließend sagt er traurig: „Diese zwei Minuten sind die zwei härtesten Minuten des ganzen Tages."

So ähnlich sind alle Szenen aufgebaut. Der Krieg selbst wird nicht gezeigt, keine Kampfhandlungen, keine Toten. Es geht um die einfachen Soldaten und deren Biografien. Da ist die junge, schwarze Frau, die auf einem Kriegsschiff arbeitet, das das Embargo gegen den Irak überwacht. Da sind die Spezialkräfte, die sich einen Bart haben wachsen lassen, um zwischen all den Moslems nicht so aufzufallen. Als ihr Jeep in einer afghanischen Wüstenstadt unvermittelt in einen Stau gerät, werden die Männer nervös. Sind sie unter Freunden oder Feinden? „Hier sieht doch jeder aus wie ein Taliban. Wenn einer jetzt eine Handgranate schmeißt, ist Schluss."

Zum Glück schmiss niemand eine Handgranate.

Bewusst wurde in „Profiles" auf kritische Distanz verzichtet. Ein älterer Mann wird verhaftet, von dem behauptet wird, er sei „ein wichtiger Taliban-Chef". Beweise dafür werden nicht erbracht. Später heißt es, der Mann sei „hinter Schloss und Riegel" und werde „verhört". Was der angebliche Taliban-Chef sagt, erfährt der Zuschauer nicht. Insofern ist „Profiles" von einer Naivität, die erschreckt. Auch den Vorwurf, eine Pentagon-Propaganda-Serie gedreht zu haben, muss sich der Produzent gefallen lassen. In der kommenden Woche wird gezeigt, wie US-Soldaten ein Baseball-Spiel für afghanische Kinder organisieren. Die rufen in die Kamera: „Wir lieben die Amerikaner."

Doch wer weiß? Womöglich gibt es demnächst Tausende solcher „Profiles". Auf seine traditionell strikte Zensurpolitik hat das US-Verteidigungsministerium im Falle eines Irak-Kriegs verzichtet. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sollen diesmal Hunderte von Reportern die US-Truppen begleiten dürfen. Das Programm, zentral von Washington aus koordiniert, heißt „embedded correspondents", wörtlich übersetzt: „eingebettete Journalisten". Mindestens 500 Korrespondenten, Fotografen und Filmcrews werden bestimmten Einheiten zugeordnet. Etwa hundert Plätze sind für ausländische Medien reserviert, unter anderem für den arabischen Newssender Al Dschashira.

Unterkunft und Verpflegung sind frei. Waffen und Uniform dürfen die Reporter nicht tragen. Allerdings sollten sie möglichst an einem Vorbereitungskurs teilgenommen haben. Sie müssen körperlich fit sein, sich relativ rasch eine Gasmaske aufsetzen können, gegen Anthrax und Pocken geimpft sein und die allgemeinen Regeln der Kriegsberichterstattung kennen. Dazu zählt: Über künftige oder verschobene Operationen darf nicht berichtet werden. Durch die Berichterstattung dürfen die eigenen Soldaten nicht in Gefahr geraten. Konkrete Informationen müssen dem Gegner daher vorenthalten werden. Die Namen von Gefallenen dürfen erst veröffentlicht werden, nachdem die Angehörigen verständigt wurden. „Das wird ein Glasnost-Krieg", heißt es bei den großen US-Sendern, die die neue Offenheit ihrer Regierung begrüßen. Andere Stimmen warnen: Nähe korrumpiert. Wer wochenlang sein Leben mit den Soldaten teilt, verliert die Distanz.

Doch in Amerika sind die Warner in der Minderheit. Zwei führende Zeitungen des Landes, die liberale „New York Times" und die bürgerliche „Washington Post", haben sich jetzt deutlich für den Krieg ausgesprochen. Ebenso wie die Empfehlung für einen Präsidentschaftskandidaten wurde die Zeitungslinie in großen, anonymen Editorials den Lesern mitgeteilt. Selbstverständlich kommt auch weiterhin das Friedenslager zu Wort. Dennoch sind solche Positionierungen ein wichtiges politisches Signal. Wer den Krieg verhindern will, sollte nicht allein auf die amerikanische Opposition setzen.

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