Medien : „Wir machen den Teams Druck“

Die ARD erwägt den Rückzug von der Tour. Ein Gespräch mit SR-Intendant Raff

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Herr Raff, Ende der Woche haben Sie gedroht, dass die ARD im kommenden Jahr ihre Berichterstattung von der Tour de France massiv einschränkt, wenn es bis dahin keine wirksamen Kontrollen gegen Doping gibt. Überlegen Sie wirklich, Ihre Tour-Nachmittage aufzugeben?

Wenn wir den Eindruck haben, dass die Ergebnisse überwiegend durch Doping manipuliert werden, macht eine umfassende Live-Berichterstattung kaum noch Sinn. Die Verbände, Veranstalter und Teamchefs müssen an einem Strang ziehen, um Doping zu unterbinden. Es muss Kontrollen geben, die alle Dopingarten erfassen.

Was Sie da sagen, wird schon seit Jahren gefordert. Wo ist denn für Sie genau der Punkt, an dem die Öffentlich-Rechtlichen ihre Live-Übertragungen zusammenstreichen? Das aus deutscher Sicht Schlimmstmögliche ist doch schon passiert: Jan Ullrich steht unter Dopingverdacht.

Wir Deutschen haben noch Andreas Klöden, Markus Fothen, Jens Voigt, und ich hoffe, dass sie Garanten für eine saubere Tour sind. Ich fühle mich denen gegenüber in der Pflicht, die für eine saubere Tour kämpfen. Meine Hand würde ich allerdings für niemanden ins Feuer legen.

Was wollen Sie als Tour-Sender konkret gegen das Doping unternehmen?

Nach dieser Tour müssen zunächst die Teamchefs untereinander abklären, welche Maßnahmen sie gegen das Doping ergreifen. Sie sind am Zug. Wir werden mit ihnen im Gespräch bleiben, damit sie uns beweisen können, dass sie entschieden gegen Doping vorgehen.

Glauben Sie wirklich, dass Sie solchen Einfluss auf die Teams haben?

Wenn der Profiradsport nicht mehr im Fernsehen übertragen wird, ziehen sich die Sponsoren zurück und dann fehlt das Geld.

Umgekehrt: Kann die ARD ohne die Tour? So quotenträchtig kriegt man Sommer- Nachmittage doch sonst nicht gefüllt.

Wir müssen in der ARD inzwischen um die Sendezeit für den Radsport kämpfen. Im Moment gibt es bei uns noch eine Mehrheit für Radsportübertragungen. Man kann Nachmittage aber auch mit anderen Inhalten erfolgreich gestalten.

Kleine Sender wie der Saarländische Rundfunk haben in der ARD geringe Programmanteile. Die Tour ist das größte Pfund, was Sie als SR-Intendant in der Hand halten.

Klar, Radsport ist für den Saarländischen Rundfunk wichtig. Aber wenn der Radsport dem öffentlichen-rechtlichen Anspruch nicht mehr genügen kann, wenn er nicht endlich sauber wird, sondern die Ergebnisse durch kriminelle Machenschaften zustande kommen, dann wird auch ein saarländischer Intendant nicht mehr sagen: Wir bleiben trotzdem dabei - auch wenn mein Herzblut an der Tour hängt.

Sie sprechen immer von „sauber“. Was meinen Sie damit?

Den Idealfall: eine Tour ohne Doping.

Eine solche Gewissheit dürfte schwierig sein. Letztlich wurde man oft eines Besseren belehrt.

Das ist so. Aber dann dürften wir auch keine olympischen Spiele mehr übertragen. Da wurden auch schon Goldmedaillen wegen Dopings nachträglich aberkannt. Ich finde, man darf eine Sportart nicht in ihrer Gesamtheit ächten. Allerdings muss der Radsport, angesichts des Privilegs, dass im Fernsehen sehr breit über ihn berichtet wird, alles tun, um den Verdacht gegen ihn auszuräumen. Wir unsererseits müssen alles tun, um durch Druck auf die Teams und durch journalistische Beiträge darauf hinzuwirken, dass die Tour dopingfrei wird.

Was kritischen Radsportjournalismus angeht, genießen die Öffentlich-Rechtlichen nicht den besten Ruf.

Wir haben in der Vergangenheit über Doping berichtet, aber es ist nicht so wahrgenommen worden. Zudem hatten wir jedes Jahr eine große Reportage zum Thema. Für alles weitere braucht man einen Anlass. Wir können nicht, wenn wir drei Wochen lang die Tour der France übertragen, jeden Tag eine halbe Stunde Doping bringen, wenn es nichts Neues gibt.

Ein ARD-Kommentator hat mal gesagt, sobald er das Thema Doping anspreche, kämen Beschwerde-E-Mails. Die Zuschauer wollten nichts darüber hören.

Ich war jetzt gerade bei der Tour in Frankreich: Ob uns das gefällt oder nicht – vielen Zuschauern ist das Thema relativ egal. Die Franzosen waren wie immer an der Strecke, sie waren wie immer begeistert. Und dass die Quoten schlechter sind als im Vorjahr, liegt vor allem an der WM. Bei der ersten großen Bergetappe am Donnerstag lagen wir bei der Quote nur noch fünf Punkte hinterm Vorjahr. Erst in dieser Woche, wenn der Fußball endgültig vergessen ist, wird man sehen, wie groß das Interesse der Zuschauer an der Tour diesmal wirklich ist.

Interview: Barbara Nolte

Fritz Raff ist

Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), der in der ARD die Tour-de-France-Berichterstattung verantwortet.

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