Medien : Wir reden hier vom Feind, Amigo

Wenn der Bayer mit dem Preußen ermittelt: Krimis nutzen regionale Rivalitäten

Alva Gehrmann

Die Konstellation Bayer gegen Preuße ist brisant, das weiß man spätestens seit diesem Wahlkampf: In Gestalt von Edmund Stoiber (aus Wolfratshausen) und Gerhard Schröder (aus Hannover) traten zwei Protagonisten aus Süd und Nord gegeneinander an.

Fernsehautoren wissen schon lange um die Dramatik, die von den Gegensätzen zwischen Bayern und Preußen ausgeht. Ihnen geht es aber nicht ums Siegen und Verlieren. Ihnen geht es um Spannung, die sich aus der landsmannschaftlichen Rivalität speist. Denn spannendes Fernsehen braucht Gegensätze: Zum Beispiel zwischen Jung und Alt, Mann und Frau oder eben zwischen Nord und Süd.

Ein Beispiel: Benno Berghammer in „Der Bulle von Tölz“. Sat-1-Dauer-Bayer Ottfried Fischer muss ausgerechnet mit einer Preußin gemeinsam Mordfälle lösen. Damit das nicht im Streit endet, muss Sabrina Lorenz (Katerina Jacob) ihre ganze weibliche Durchsetzungskraft einbringen. Doch Gegensätze können sich ja auch anziehen: Mit ihren diplomatischen Fähigkeiten ergänzt sie sich gut mit dem eigenwilligen Bayer Berghammer. Das stellt Lorenz heute um 21 Uhr 15 wieder unter Beweis.

Der dramaturgische Kniff, Menschen aus gegensätzlichen Gegenden Deutschlands in ein Boot zu setzen, ist so alt wie das Fernsehen selbst. Noch gut in Erinnerung ist die 70er-Jahre-Serie mit Ekel Alfred. Der aufbrausende Familienvater Alfred Tetzlaff (Heinz Schubert) aus „Ein Herz und eine Seele“ konnte sich besonders dann aufregen, wenn der Besuch aus der „Zone“ kam. Denn das ist die zweite brisante Konstellation: West gegen Ost. Wolfgang Menges Serie war Kult, und so versuchte der Autor auch nach der Wende an seine Erfolge anzuknüpfen. Doch „Motzki“ (ARD), der zum neuen Prototyp des deutschen Spießbürgers werden sollte, gefiel den Zuschauern längst nicht so gut wie Ekel Alfred.

Anfang der 90er Jahre präsentierte sich das Fernsehen lieber als Ort der Völkerverständigung. Zum Beispiel mit der ZDF-Serie „Zwei Münchner in Hamburg“. Zwei bei den Zuschauern beliebte Bayern, Elmar Wepper und Uschi Glas, zogen in den hohen Norden. Glas spielte in der Serie die Leiterin der Bayernbank, die Ansichten anderer gerne mal mit einem charmanten „Schmarrn“ kommentierte. Im wahren Leben engagiert sich Glas genauso patriotisch: Für Bayern und die CSU. Deshalb bekam die Schauspielerin 1992 den Bayrischen Verdienstorden: „Für ihre positive Vermittlung des bayrischen Wesens.“ Diesen Orden hätte auch Wolfgang Fierek verdient. Als Polizist Valentin Gruber löste er von 1993 bis 1995 als „Ein Bayer auf Rügen“ (Sat 1) Kriminalfälle auf der Ostsee-Insel, kehrte aber nach vier Staffeln wieder in seine Heimat zurück.

Nur zu besonderen Anlässen arbeiten im „Tatort“ West- und Ostteams zusammen. Wie zuletzt vor zwei Jahren zum 30-jährigen Jubiläum, da kam es zum „Quartett in Leipzig“ (WDR/MDR). Zwei Morde in Köln und Leipzig, die miteinander verbunden sind, führen die vier Kommissare zusammen. Nur widerwillig fährt der Ur-Kölner Kommissar Schenk (Dietmar Bär) in „den Nahen Osten“ zu den „alten Volkspolizisten“; auch der Sachse Ehrlicher (Peter Sodann) ist keineswegs begeistert vom Besuch der „Karnevalisten“. Nach den ersten Sticheleien nähern sich die Kommissare jedoch an. Mord verbindet – zumindest im „Tatort“. Und am 10. November wird es in der Folge „Das Rückspiel“ sogar zum Gegenbesuch kommen.

„Dass Rivalitäten bestehen, ist ganz wichtig“, sagt Hans Werner Honert, Mitautor der Jubiläumsfolge, „und die dürfen beim ,Tatort’ auch in Zukunft nicht schwächer werden.“ Schließlich würde das Spielen mit Klischees und die Provokationen „zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregen“.

Auch der Urbayer Ottfried Fischer findet den Nutzen lokaler Rivalitäten in Ordnung. Er spielte kürzlich in dem Sat-1-Film „Die Dickköpfe“: Darin ging es um zwei Dörfer in Bayern und Österreich, die miteinander im Dauerclinch liegen. Den Clinch leben sie auf dem Fußballplatz, beim Match gegeneinander, aus. Bezogen auf die Bajuwaren und Österreicher sagt Fischer: „Das Verhältnis ist ein bissl eine Hackerei, aber alles sehr freundschaftlich.“

„Bulle von Tölz“, „Die Dickköpfe“, „Ein Bayer auf Rügen“ – Sat 1 ist der absolute Meister der lokalen Rivalitäten. Aber auch aus örtlichen Rivalitäten können humorvolle Geschichten gestrickt werden. So auch in der Sat-1-Serie „SK Kölsch“, in der die Rivalen dicht beieinander wohnen: in Köln und Düsseldorf. In einer Folge wird ein Toter ausgerechnet an der Stadtgrenze gefunden – nun streiten die rivalisierenden Polizisten um die Zuständigkeit. „Nicht die große Liebe zwischen euch und den Düsseldorfern“, kommentiert der Kommissar Klaus Taube, ein Zugezogener, diese Begegnung. Darauf erwidert der Kölner: „Die große Liebe? Wir reden hier vom Feind, Amigo. Los contrahentos. Capito?“

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