Medien : „Wir reden viel zu wenig miteinander“

„Super Nanny“ Katharina Saalfrank über falsche Erziehung, Krippenplätze und ihre Hilfe im Fernsehen

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Frau Saalfrank, Sie haben selbst vier Söhne. Waren die in einer Krippe?

Meine Söhne sind ja schon aus dem Krippenalter raus. Der Älteste ist erst mit dreieinhalb Jahren in den Kindergarten gekommen, der Jüngste war zu Hause so unglücklich und wollte mit seinen Brüdern mitgehen, so dass er mit knapp zwei Jahren in der Kinderkrippe war.

Bischof Mixa und Eva Herman behaupten, Kinderkrippen schaden. Die Meinung teilen Sie also nicht?

Ich tue mich allgemein ein bisschen schwer mit Pauschalaussagen. Grundsätzlich ist es nicht unbedingt schädlich, wenn Kinder, auch wenn sie klein sind, außer Haus betreut werden. Die Frage ist nur: Wie lange sind sie in einer Krippe, wie sieht die Betreuung aus, was macht die Mutter in der Zeit, wie geht’s der Mutter, leidet die Beziehung zu den Kindern darunter? Es sollten individuelle Entscheidungen für Familien möglich sein. Wichtig ist auch der Aspekt, dass Kinder unter Kinder kommen. Gerade weil es immer mehr Einzelkinder gibt, ist es wichtig, dass kleine Menschen Erfahrungen machen können: Es gibt auch noch andere kleine Menschen. Das ist ganz wichtig für die emotionale Entwicklung.

Sie finden es also richtig, dass Ursula von der Leyen 500 000 neue Krippenplätze schaffen will?

Auf jeden Fall. Wir brauchen mehr Betreuungsangebote.

Nervt Sie die Debatte nicht?

Überhaupt nicht. Als ich Studentin war und vier Kinder hatte, war ich froh, als wir nach Berlin zogen. Da ist das Betreuungsangebot breit gefächert, und man hat eine Wahlmöglichkeit. Das ist in Hessen so gar nicht möglich gewesen. Da musste ich um Viertel nach eins meine Kinder abholen, habe in einer Elterninitiative für viele Kinder gekocht, damit die Kinder gut essen können, und habe noch hohe Beiträge bezahlt. Also ich bin froh, dass das jetzt diskutiert wird.

Im Moment liest man überall von vernachlässigten Kindern und Jugendlichen, die sich ins Koma saufen. Verwahrlost Deutschland?

„Verwahrlosen“ ist vielleicht zu viel gesagt. Aber die Probleme sind einem viel bewusster geworden. Formate wie „Die Super Nanny“ oder „Teenager außer Kontrolle“ geben einen Einblick in das, was in den Familien von nebenan passiert. Wir schauen genauer hin und erkennen: Da scheinen einige Dinge nicht so gut zu laufen. Zum Beispiel das Schulsystem, was nicht mehr den Bedürfnissen von Kindern und Eltern entspricht.

Ist Ihr Bild von der deutschen Jugend auch so schlecht, wie die Medien es momentan zeichnen?

Ich weiß nicht genau, wen Sie mit „deutscher Jugend“ meinen? In den Medien geht es zum einen viel um Statistiken, zum anderen um Einzelfälle. Das wird dann leicht verallgemeinert. Aber für mich ist das nicht „die deutsche Jugend“. Wenn ich mit Jugendlichen arbeite, erlebe ich immer sehr bedürftige Kinder. Von ihnen wird verlangt, dass sie sich anpassen, dass sie ihre Ausbildung machen, ihre Schule abschließen, sich zu Hause anpassen, auch an Situationen, die nicht einfach sind für sie. Aber dass manche Kinder nicht zur Schule gehen können, in falsche Kreise geraten oder Alkoholprobleme haben, ist auch Symptom für etwas: für zu wenig Zuwendung der Erwachsenen, zu wenig Stabilität oder Ähnliches. Das muss man eben im Einzelfall genauer und individuell betrachten.

Warum scheitern so viele Eltern an der Erziehung? Liegt es auch daran, dass deutsche Eltern nicht genug mit ihren Kindern reden, wie Unicef in einer Studie herausgefunden hat?

Ich sehe das zunächst erst mal nicht als Scheitern. Scheitern hieße ja aufgeben und „nicht mehr Eltern sein“. Dennoch kann ich das Ergebnis der Studie sehr gut nachvollziehen. Das ist eigentlich das, woran ich seit Jahren in den Familien arbeite. Nicht nur Eltern mit ihren Kindern: Wir alle reden viel zu wenig miteinander. Wir reden aneinander vorbei, und es entstehen Missverständnisse. Auch die Art, wie gesprochen wird: Man hört einander nicht zu. Die ganzen emotionalen Aspekte zählen nicht mehr. Ein häufiges Problem ist auch, dass die Eltern den Wunsch haben, dass ein Kind „funktionieren“ soll. Die Eltern erleben den Druck von der Gesellschaft: Sie müssen Geld verdienen und ihr Leben in den Griff bekommen. Das geben sie dann an ihre Kinder weiter, da darf nicht nach links oder rechts abgewichen werden – sonst wird es zu anstrengend.

Klingt alles sehr hoffnungslos. Haben Sie eine Lösung?

Wenn ich Ihnen die sagen könnte …

Aber ein paar Schritte in die richtige Richtun g können Sie doch sicher empfehlen.

Wir brauchen ein breites Betreuungsangebot, um den Eltern den Druck zu nehmen und Wahlmöglichkeiten zu bieten. Sie sollen nicht denken müssen: Wo kann ich mit meinem Kind hin? Dann müssten die Schulen reformiert und die Lehrer entlastet werden. Es ist mehr als ungünstig für alle Beteiligten, wenn 35 Schüler auf einen Lehrer kommen. Die Hilfen für Familien müssten auch noch mal erweitert werden, aber ohne eine Kontrolle einzuführen. Bei allem, was mit Kontrolle und Pflicht zu tun hat, fühlen Eltern sich angegriffen. Sie müssen stattdessen begleitet und beraten werden.

In der ersten Folge der neuen Staffel der „Super Nanny“ besuchen Sie eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern, bei der so gut wie alles schiefläuft. Ein Sohn rutscht in die rechtsextreme Szene ab und verweigert die Schule, der Jüngste schlägt und spuckt. Werden die Fälle in der neuen Staffel noch drastischer?

Ich habe nicht den Eindruck, dass es heftiger als in den anderen Folgen wird. Es tauchen aber viele gesellschaftsrelevante Themen auf, zum Beispiel Schulverweigerung, es geht um Alkohol und um Waffenbesitz. Wenn man das hört, erschreckt man sich. Aber wenn man guckt, was dahintersteckt und wie es dazu gekommen ist, dann wird das alles auch wieder ein bisschen kleiner, denn dann kann es Veränderung geben.

Die „Super Nanny“ gibt es bald drei Jahre. Wie lange braucht Deutschland Sie noch?

Deutschland braucht mich wahrscheinlich überhaupt nicht. Aber ich mache das, solange es gesehen wird. Und ich mache es gerne.

Das Gespräch führte Carolin Jenkner.

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