Medien : „Wir sind bei Springer weiter als unsere Kritiker“

Claus Strunz, Chef der „Bild am Sonntag“, über Korpsgeist, sinkende Auflagen und seine Macke mit den Lippen

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Als sich der SpringerBetriebsrat in einem offenen Brief über die einseitige Irak-Berichterstattung beschwerte, hätten Sie doch den Antwortbrief ihrer Chefredakteurskollegen von „Bild“ und „Welt“/„Berliner Morgenpost“ mit unterschreiben können. Warum haben Sie es nicht getan?

Ich war der erste Chefredakteur, der schriftlich gegen die Vorwürfe des Betriebsrats protestiert hat. Gemeinsame Erklärungen sind nicht meine Sache, selbst wenn ich ihren Inhalt für richtig halte.

Auch jenen Brief haben Sie nicht unterschrieben, mit dem Springer-Chefredakteure gegen einen potenziellen Springer-Gesellschafter WAZ protestierten. Nie machen Sie mit, wenn Ihre Kollegen Korpsgeist demonstrieren.

Unterschriftenlisten mag ich noch weniger. Sie symbolisieren: Alle denken gleich. Das Wesen von Redaktionen ist es aber, dass sie sich aus verschiedenen Charakteren und Meinungen zusammensetzen. Natürlich gibt es eine Reihe gemeinsamer Überzeugungen. Auf deren Fundament hat sich ein heterogenes Meinungsspektrum entwickelt. Korpsgeist im Sinne blinder Treue oder falsch verstandener Solidarität kann doch für ein Kreativunternehmen nicht das Erfolgsrezept der Zukunft sein. Man muss eben gerade nicht immer einer Meinung sein, um gemeinsam stark zu sein.

Nachdem Sie nicht unterschrieben hatten, befürchteten einige Ihren Rausschmiss, andere feierten Sie als Robin Hood, für viele sind Sie einer der wenigen Sympathieträger von Springer. Fühlen Sie sich wohl in der Rolle des unabhängigen Geistes?

Ihre Robin-Hood-Theorie ist ebenso hübsch wie falsch – und sie ist meinen Chefredakteurskollegen gegenüber zutiefst ungerecht. Jeder kann in einem liberalen Haus wie Springer seine Meinung äußern und sich so verhalten, wie er es für richtig hält. Die Hypothese unserer Kritiker, es gebe bei Springer ein sinistres Regime, das vorgibt, wo es lang geht, und dann müssen alle marschieren, ist falsch. Jedenfalls habe ich es in knapp fünf Jahren nicht erlebt. Ich glaube vielmehr, wir sind weiter als unsere Kritiker.

Sie sind bei Springer nicht nur ein Chefredakteur. Ihr zweiter Titel lautet Koordinator des Vorstands für redaktionelle Entwicklungen, Synergien und für bereichsübergreifende und neue Produkte. Sind Ihre Neuentwicklungen „Tier Bild“ und „Reise Bild“ die publizistischen Konzepte, die Springer braucht?

Sie bereichern das Titelportfolio und besetzen neue Themenfelder.

Es sind Marketingprodukte, die kaum Redaktion kosten, aber Anzeigen bringen.

Einspruch! Beide Titel basieren auf einem neuen journalistischen Konzept. Dieses ist so überzeugend, dass es auch bei Anzeigenkunden ankommt. „Tier Bild“ verkauft deutlich mehr als 200 000 Exemplare und hat mehr als 20 Anzeigenseiten pro Heft. „Reise Bild“ hat die 200 000-er Hürde ebenfalls übersprungen – mit 56 Anzeigen in der ersten Ausgabe. Es gilt auch hier die alte Regel: Ohne guten Journalismus keine Anzeigen!

Wann kommt Ihr nächstes Produkt, „Gesundheits-Bild"?

Im Mai – wieder als Sonderheft von „BamS“.

Also zeitgleich mit dem Gesundheitsheft des „Stern“, der am 19. Mai kommt.

Ich denke nicht, dass man die beiden Konzepte vergleichen kann. Unser Motto lautet: „Gesundheit für alle!“ Ein starkes Konzept lässt sich immer auf einen starken Slogan reduzieren. Als es bei der „Welt“ zum ersten Mal hieß „Die Welt gehört denen, die neu denken“, wussten wir genau, wie das Blatt aussehen muss. Und seitdem „BamS“ „Deutschlands schnellstes Magazin“ ist, ist klar, was wir wollen.

Im Juni 2001 sagten Sie: „BamS“ müsse jede Woche zum Ziel haben, im Aktuellen besser als „Focus“ und „Spiegel“ zu sein. Geben Sie zu, dass Sie damals den Mund ein bisschen arg voll genommen haben?

Sagen wir es so: Wir nähern uns dem Ziel!

Wollen Sie sagen, als Leser ist man über politische Ereignisse besser informiert, wenn man „BamS“ liest statt den „Spiegel“?

Wenn Sie „Bild am Sonntag“ lesen, sind Sie seit eh und je gut über Politik informiert. Deshalb hieß unser wichtigstes Ziel vor zwei Jahren: Politisch wichtig bleiben! Außerdem wollten wir moderner werden, das heißt jüngere Leser und mehr Frauen erreichen.

Weiblicher und jünger ist das Blatt geworden.

… und politisch wichtig ist es geblieben, auch wenn viele dachten, unter meiner Chefredaktion würde die Zeitung leichtgewichtiger – nach der Ära von Michael Spreng eine nachvollziehbare Sorge. Aber angesichts des ersten Kanzler-Duells in der Geschichte der Bundesrepublik, das 2002 in „BamS“ stattfand, und angesichts der Tatsache, dass „BamS“ meistzitiertes Sonntagsmedium geworden ist, stellen wir selbstbewusst fest: Die Zeitung ist nicht unpolitischer, sie ist aber anders. Mir ist es lieber, wir machen auf Seite 1 weniger politische Geschichten, die sich dann aber bewahrheiten.

Was früher wie heute der Fall ist: Bei Regen, Schnee und Kälte wird am Sonntag weniger „BamS“ gekauft. Zurzeit redet Ihr Vorstandschef viel von rentabler Auflage. Lohnt sich da noch, die „BamS“ bis zur Haustür zu liefern?

Natürlich kostet das viel Geld und Mühe, aber das ist die Arbeit unserer 30 000 Sonntagshändler auch wert. Das ist Service pur! Derzeit unternehmen die Kollegen des Vertriebs große Anstrengungen, um aus den Minuszahlen herauszukommen. Unser Auflagenminus von 1,3 Prozent im ersten Quartal resultiert ausschließlich aus dem Bereich unseres Haustürservices. Dort, wo die Käufer Sonntag für Sonntag neu entscheiden, ob sie „BamS“ kaufen – am Kiosk, beim Bäcker, an der Tankstelle – haben wir erstmals seit vielen Monaten wieder ein deutliches Plus. Das ist eine Trendumkehr!

Früher wurden Chefredakteure an der Auflage Ihrer Blätter gemessen. Mittlerweile richten sich die zusätzlichen Honorierungen der Chefredakteure bei Springer nach den Erlösen, die ihre Blätter erwirtschaften. Ist es richtig, wenn Chefredakteure mehr auf das Kaufmännische achten denn auf den publizistischen Erfolg?

Es war notwendig, sich von der alleinigen Orientierung an der Auflage um jeden Preis zu lösen. Natürlich bleibt es das Ziel, die Auflage zu steigern. Mehr Auflage bedeutet schließlich auch mehr Erlös. Der Zusammenhang ist sinnvoll: journalistisch erfolgreiche Medien sind meistens auch wirtschaftlich erfolgreich und umgekehrt.

Glauben Sie nicht mehr daran, dass eine Auflagensteigerung möglich ist?

Auch wenn die Auflagen von Boulevardzeitungen in den letzten Jahren stetig gefallen sind, habe ich nicht aufgehört, daran zu glauben, dass der Abwärtstrend umzukehren ist.

Um die Rentabilität zu steigern, investieren Sie als Chefredakteur sehr viel Zeit, um sich mit Anzeigenkunden und Werbeagenturen zusammenzusetzen.

Unser Erfolg kommt vor allem daher, dass immer mehr Menschen empfinden: „BamS“ ist sympathischer geworden. Das ist eine Folge unseres neuen Konzeptes, aber es hat auch damit zu tun, dass wir oft und viel über die Veränderungen reden und sie so bei Lesern und Anzeigenkunden bekannt machen. Deshalb können die Kollegen der Anzeigenabteilung zurzeit einen Erfolg nach dem anderen melden – gegen den Trend. „BamS“ hatte im ersten Quartal 8,2 Prozent mehr Anzeigenseiten als im Vorjahr.

Schreiben Ihnen mittlerweile Leser auch Briefe, die sich nicht an Strunz, den „BamS“- Chefredakteur, sondern an Strunz, den Moderator vom „Grünen Salon“ richten?

Ja. Kürzlich hat sich eine Zuschauerin per Mail beschwert, so könne das mit meiner Frisur nicht weitergehen.

Jeder, der sich zum ersten Mal im Fernsehen sieht, stellt fest, dass er irgendwelche seltsamen Angewohnheiten hat. Welche haben Sie?

Einer Kollegin ist aufgefallen: Wenn ich längere Fragen stelle, presse ich hinterher immer meine Lippen aufeinander…

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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