Medien : Wir sind das Kulturvolk!

Warum die „Kulturzeit“ bei 3sat reüssiert – und warum „aspekte“ im ZDF bleiben muss

Barbara Sichtermann

„Da kann ich nicht – um 19 Uhr 20 hab’ ich immer was vor“, sagt die junge Dozentin der Philosophie. Die „Kulturzeit“ auf 3sat versäumt sie nur ungern. Den festen Termin an jedem Werktag schätzt sie sehr. „Den muss man sich nur einmal merken.“ Ein großer Vorteil. In der Programmzeitung nach Kulturmagazinen Ausschau zu halten oder im Kopf zu speichern, wann es mal wieder „aspekte“ im ZDF gibt, das ist ihr nicht gegeben. Im Übrigen verehrt sie Gert Scobel, den preisgekrönten Moderator der „Kulturzeit“.

Die Sender plagen sich seit je damit ab, ihre Programmpläne so zu gestalten, dass ihnen möglichst viele Zuschauer zufallen. Mittlerweile ist aus dieser Timetable-Taktik die reinste Wissenschaft geworden. Wer guckt wann was, wo kann man welche Nutzer von einer vorher laufenden Sendung „erben“, welche Zielgruppe schaltet wann weshalb aus? Die „Kulturzeit“ schwebt sozusagen elitär über solchen Kalkülen; einmal in der prime time nach „heute“ und der „Tagesschau“ etabliert, hat sie sich dort gehalten und ihren Zuschauerstamm ebenso, und das seit gerade zehn Jahren. Der Tagesrhythmus war eine gute Idee, der Europa-Touch (die „Kulturzeit“ sendet in und aus Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik) ebenfalls, und ganz nebenbei hat sich herausgestellt, dass Kultur und Fernsehen doch zusammenpassen.

Das wurde nicht immer so gesehen. Es gab eine Zeit – vor der „Kulturzeit“ –, als die Attacke der neuen Kommerzkanäle auf das Publikum und den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender den real existierenden Kulturmagazinen Zeit und Platz raubte. Aber die Kultur als ein Gegenstand, der ins Medium gehört, ging gestärkt aus der Krise hervor. Man erweiterte den Kulturbegriff, ließ Pop, Politik und Straße hinein, sorgte für Sexappeal im Visuellen und heuerte Moderatoren an, denen jeder belehrende Gestus fern lag. So aufgefrischt und umgedeutet konnte sich die Kultur im dualen System behaupten, und als die „Kulturzeit“ startete, erhielt sie eine Art Heimathafen.

Derzeit steuern Gert Scobel (ARD), Tina Mendelsohn (ZDF), Ernst A. Grandits (ORF) und Andrea E. Meyer (SF/ DRS) das Flaggschiff durch die Wellen des Zeitgeistes. Thematisch kreuzt das TV-Feuilleton kühn zwischen „Rockmusik als Symbol für die Freiheit“ und Stardirigent Daniel Barenboim, zwischen street-credibility in der Literatur und echter Dichtung, wobei auch Klon-Schaf Dolly vorkommen darf oder die eine oder andere gelungene Flucht aus der DDR.

Mit einem Wort: Alles ist Kultur, mithin droht Beliebigkeit – und so eine neue Gefahr. Das Magazin muss es bewerkstelligen, die Kultur aus den Phänomenen zu filtern, die nach Öffnung des Begriffs jetzt massenhaft auf die Agenda drängen, muss trennen und aufzeigen, wo bei den Themen Flugsicherheit, Sterbehilfe oder 11. September das Kulturelle versteckt ist. Dass der „Kulturzeit“ dieser Kraftakt meistens gelingt, ist einer der wichtigsten Aktivposten der Sendung. Scobel und Co. bestärken ihr Publikum in seinem Stolz, ein kultiviertes Völkchen zu sein, indem sie es subkutan dazu veranlassen, seinen Begriff von Kultiviertheit zu überdenken.

Auch „aspekte“ feiert noch in diesem November Geburtstag – den 40.! Das Magazin kann die Würde des Altvorderen beanspruchen – und die strahlt es auch aus, allerdings nicht immer zu seinem Vorteil. Zunächst ist die Krise auch an den „aspekten“ nicht vorbeigegangen. Wo die „Kulturzeit“ profitierte, war dieses Magazin ein klassisches Opfer: Es musste Minuten abgeben und einen späten Sendeplatz hinnehmen. Aber es behauptete sich, zog Kraft aus dem Relaunch und rang erfolgreich mit den Schwierigkeiten, die aus der Öffnung des Kulturbegriffs erwachsen. Wo allerdings die „Kulturzeit“ eher grenzverletzend und spielerisch agiert, hat sich bei den „aspekten“ eine gewisse Strenge erhalten, die man mit Kultur assoziieren darf, die aber schlecht in die Zeit passt.

Wenn Moderator Wolfgang Herles den Zuschauer ernst fixiert und ein resolutes „Danke für Ihr Interesse“ hervorstößt, hört die Sofakartoffel Ironie heraus und fragt sich besorgt, ob sie – rein kulturell gesehen – ihre Hausaufgaben auch gemacht hat. Moderatorin Luzia Braun ist schon lockerer, allerdings so schön und zerbrechlich, dass man geneigt ist, sie selbst für ein Kunstwerk zu halten, über dessen rezeptionsästhetischen Hintergrund man nichts weiß, weswegen man sich erneut ein bisschen schämt. Auch bei der Abgrenzung von Kultur gegen den Rest der Menschenwelt tut sich „aspekte“ mitunter schwerer als die Konkurrenz auf 3sat. Vielleicht weil sich dieses Magazin seiner Kernzielgruppe insgeheim doch zu eng verpflichtet fühlt, um nicht hin und wieder geradezu gewaltsam gegen die damit verbundenen Vorgaben zu verstoßen. Jedenfalls: Warum man – um ein krasses Beispiel zu nennen – Herles begleiten sollte, während er orientierungslos durch das auf Olympia sich vorbereitende Athen stapfte, war nicht nachzuvollziehen, dann guckt man lieber gleich Sport. Aber immer da, wo „aspekte" sich zu Hause fühlt, ob das Magazin nun „Lebende Legenden“ präsentiert wie Karl Lagerfeld, ob es eine tibetanische Sängerin porträtiert oder den amerikanischen Romancier Tom Wolfe, da leistet es gute Arbeit. Man will „aspekte“ nicht missen. Dass die Popularität der „Kulturzeit“ nicht erreicht wurde, hat wahrscheinlich mit dem Seltenheitswert des Magazins im ZDF zu tun.

Wie wird es weitergehen? Kulturmagazine wie „aspekte“ mussten sich nicht nur öffnen in Richtung Boulevard, sie standen auch immer wieder ganz zur Disposition. Klar, wenn sie über illegale Immigranten, Olympia und Oskar Lafontaine berichten, fällt es leicht, eine Streichung zu begründen, denn all das haben wir schon woanders im Programm. Je besser es den Magazinen gelingt, die seltenen Bäume und Bauten auf dem Boulevard auszumachen, die erkennen lassen, was Kultur ist oder sein könnte, desto eher finden sie ihr Publikum. Und die Programmchefs im öffentlich-rechtlichen Sektor sind dann gezwungen, sie zu halten. Die Tilgung der Kulturmagazine trüge ihnen die Höchststrafe ein: eine gepfefferte Gebührendebatte, ausgelöst vom Volkszorn. Da würde sich zeigen, dass das Volk die Künste liebt, ins Museum, ins Theater, zu Grönemeyer geht, dass es Tom Wolfe liest – und dass die Leute, die so ticken, zahlreich genug sind, um zum Volk zu gehören. Und das kann auch anders.

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