Medien : „Wir sind die Megafone“

Die „Börse im Ersten“, das ist die Fernsehbühne für Frank Lehmann Ein Gespräch über die Moral auf dem Parkett, die Gier und den Kleinanleger

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Herr Lehmann, wie stehen die Aktien?

Sehr gut. Wer jetzt noch nicht auf den Zug aufgesprungen ist, der kommt zu spät. Der deutsche Privatanleger hält sich ja gerne zurück, weil er meint, das sei noch nicht teuer genug. Bei einem Dax von über 6400 Punkten ist der Zug aber schon fast im Bahnhof.

Vorsicht kann doch nicht schaden. Der Dax bricht ja auch gerne mal ein.

Klar, aber jetzt haben wir eine völlig andere Grundlage als vor dem großen Crash 2000/2001. Damals haben viele gedacht, die Börse sei eine automatische Gelddruckmaschine. Über Nacht Millionär werden, das war der Traum vieler. Gier fraß Hirn. Dann platzte die Blase. Heute ist die Börse fundamental nach unten abgesichert, wie der Fachmann sagt. Da herrscht nicht mehr nur Prinzip Hoffnung, da stimmen die Fakten.

Haben die Leute seit 2001 dazugelernt?

Ja und nein. Wenn sie früher zu unüberlegt und gierig waren, sind sie jetzt für meine Begriffe zu vorsichtig, sehen nur die Risiken und nicht die Chancen. Aber sie haben auch gelernt, Sprüche, wie sie vor dem Börsengang von Air Berlin geklopft wurden, als nur von „Siegeraktien“ die Rede war, nicht mehr ernst zu nehmen. Die böse Erfahrung mit der T-Aktie, die ja den Börsenboom damals auslöste und fast wie ein Waschmittel angepriesen wurde, das ist noch nicht verdaut und macht viele übermisstrauisch.

Und Sie? Haben Sie auch dazugelernt?

Wir von der „Börse im Ersten“ prüfen jetzt viel mehr, ob und wie viel Substanz eine Aktie hat. Das haben wir in den Neunzigern so nicht getan, einfach weil wir damals nicht glauben wollten und konnten, dass da oft mit Seifenblasen gehandelt wurde. Der sogenannte Neue Markt war auch für uns ganz neu. Jeder dachte doch, auch wir, dass eine Firma, wenn sie an die Börse kommt, eine Art TÜV-Stempel hat, auf Herz und überhaupt geprüft ist. Pfeifendeckel!

Wollen Sie uns einreden, das Parkett sei seriös geworden?

Ich will Ihnen gar nichts einreden. Und das Parkett als solches existiert ohnehin kaum noch. Wenn Sie Parkett wollen, dann müssen Sie zu Hornbach oder ins Bauhaus gehen. Und was die Moral betrifft: Die Börse an sich ist moralisch neutral. Wie ein Wochenmarkt mit Käufern und Verkäufern. Wie die handeln, warum sie diese oder jene Aktie kaufen oder verkaufen – da kann man Moral ins Spiel bringen und kritisch nachfragen. Aber viele Aktienbesitzer wollen nur Kurssteigerungen und dicke Dividenden. Vielen ist es doch wurscht, ob Leute rausgeschmissen werden, damit die Firma X höhere Gewinne macht und dadurch ihr Börsenkurs steigt.

Sind wenigstens Sie ein Moralist?

Bin ich nicht. Aber ich versuche, so zu informieren, dass die Leute wissen, worauf sie sich einlassen. Unser Publikum ist ja breit gestreut, vom acht Jahre alten Kiddi bis zum neunzigjährigen Opa. Da kann ich nicht abheben. Ich habe immer den Kleinanleger im Kopf. Für den berichten wir.

Was sagt das Volk?

Das freut sich und schimpft auch mal. Neulich hat mir ein Rentner geschrieben, bitte holen Sie nie wieder diesen Miesepeter von Chefvolkswirt ins Studio, der macht mir die ganze gute Laune kaputt. Es läuft doch grad wieder so schön. Nicht alle wollen hören, dass es auch mal wieder kritisch werden könnte.

Welche Rolle spielen Sie im großen Börsenspiel?

Wir vom Fernsehen sind die Megafone der Börse. Deswegen werden wir ja auch hofiert, zum Beispiel von den Herren der Frankfurter Börse, die ja gerade optisch mächtig aufgehübscht wird. Nicht etwa, weil das der Handel bräuchte, sondern weil erkannt wurde, wie wichtig die Medien und ihre Berichterstattung sind.

Es gibt den schönen Satz von André Kostolany, wer Aktien kaufe, solle eine Schlaftablette nehmen. Wenn er nach fünf oder sieben Jahren aufwacht, hat er ein schönes Vermögen. Was halten Sie davon?

Im Kern stimmt das immer noch. Sie müssen allerdings in der sich immer schneller drehenden Zeit, auch an den Börsen, regelmäßig überprüfen, ob alle ihre Anlagen wie erhofft laufen. Und Sie müssen sich von ihnen trennen, wenn die Verluste nicht abreißen. Das ist psychologisch nicht einfach. Verluste werden gern verdrängt oder schöngeredet. Verluste begrenzen und Gewinne laufen lassen, das ist eine der Börsen-Grundregeln. Meiner Ansicht nach müssen Aktien oder Aktienfonds länger als zehn Jahre gehalten werden. Erst dann besteht die Chance auf eine anständige Wertsteigerung.

Sind zwei Minuten „Börse im Ersten“ genug Information für den durchschnittlichen Kleinanleger?

Ein Drittel unserer Zuschauer sind echte Freaks, die kennen jede Aktie, jeden Optionsschein. Die nehmen unsere rund zwei bis drei Minuten Sendezeit mit, um sich auch bei uns zu informieren. Sich breit informieren, alle Informationen in Ruhe abwägen und dann entscheiden, ohne das wird’s nicht klappen. Der Anleger selbst ist der beste Analyst, aber auch sein schlimmster Feind !

Sie sind für Ihre Sprüche berühmt. Müssen die sein?

Das Monheim-Institut hat in Befragungen von Zuschauern herausgefunden, dass die Leute kurz und knapp informiert werden wollen, was am Tag passiert ist. Und vor allem warum. Und das ganze bitte ein bisschen nett verpackt. Da macht halt der eine von uns – Lehmann moderiert ja nicht als Einziger – ein Goldschleifchen drum, der andere ein rotes.

Wäre es nicht Ihre Aufgabe, uns zu sagen, was am nächsten Tag passieren wird?

Ha, dann hätte man das Geheimnis der Börse geknackt. Den möchte ich sehen, der das kann. Wetter kann man heute toll voraussagen. Börsenwetter nie! Aber man kann gewisse Trends erkennen und darauf hinweisen. Wenn wie zurzeit der Kurs der Telekomaktien langsam, aber sicher – und das über Wochen – steigt, dann sagt sich der Kenner, hoppla, da kauft irgendeiner Aktien auf. Und fragt sich, wer könnte das sein und warum. Das greifen wir dann natürlich auf.

Hat die Berichterstattung über die Börse nicht ein viel zu großes Gewicht im Fernsehen, in den Medien bekommen?

Das glaube ich nicht. Dafür ist die Börse viel zu wichtig für die Volkswirtschaft. Der Faktor Kapital hat bei uns fast unbemerkt den Faktor Arbeit abgelöst und wird weiter zunehmen. Mit allen Konsequenzen. Ein Schweizer Bankier hat mal gesagt: Die einzige Ressource, mit der man momentan richtig Geld verdienen kann, ist Geld.

Haben Sie Aktien?

Ich halte vier, fünf breit aufgestellte Fonds mit Standardwerten, auch sicheren Anleihen, also Rentenfonds. Ein paar Einzelaktien auch, aber, wie gesagt, Kleinigkeiten. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, der Lehmann erwähnt heute deshalb die Aktie X oder Y, weil er die in seinem Depot hat. Unabhängigkeit, Neutralität, das ist des Journalisten Kapital. Ich hätte nichts gegen gläserne Depots, dass also jeder bei meinem Arbeitgeber, dem Hessischen Rundfunk, nachsehen kann, welche Aktien und Fonds ich habe. Transparenz schafft Vertrauen und beugt vor.

Es kommen bald bessere Zeiten für Sie: Als Pensionär können Sie ab Januar ungehindert Haus und Hof verzocken.

Als Rentner lautet die Formel 100 minus Alter. Ich könnte also 35 Prozent Aktien haben mit 65. Aber dann reicht es vielleicht nicht mehr für die Weltreise, die ich zusammen mit meiner Frau machen will. Und drei Mal dürfen Sie raten, was mir wichtiger ist, Geld oder Liebe.

Werden Sie als Pensionär durch die Lande reisen und den Aktien-Guru geben?

Der eine oder andere Vortrag wird’s schon werden. Die Nachfrage ist groß, auch bei einer Rentner-Union oder bei Berufsschulen. Und vielleicht wird man den Lehmann alle sechs Wochen im HR-Fernsehen erleben, wie er Tipps gibt. Aber: Alles noch nicht ausgegoren.

Keine Wehmut nach dreißig Jahren Fernsehen?

Nö. Weg ist weg. Wer sich da etwas vormacht, der wäre ein Narr.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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