Medien : „Wir waren einfach zu dumm“

Rudi Michel über WM-Euphorie und Bundesliga-Alltag, Kommentatoren und Pay-TV-Wahnsinn

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Herr Michel, sind Sie noch in WM-Stimmung?

Ja, und sie wird bei mir auch so schnell nicht abklingen. Die WM war ein Ereignis, über das noch in zwanzig Jahren gesprochen werden wird. Das war einmalig. Der äußere Rahmen war grandios. Und ganz wichtig: Der einst in der Intellektuellenwelt verpönte Fußball hat mit dazu beigetragen, ein neues Deutschlandbild zu schaffen. Das finde ich großartig.

Es gibt Leute, die sagen, wir hätten ein ganz neues Deutschland erlebt.

So weit würde ich nicht gehen. Aber wir haben ein neues Bild geschaffen, das ja. In der weiten Welt.

Vorher, nachher: Mit Rudi Völler haben wir noch Fußball gearbeitet, mit Jürgen Klinsmann haben wir Fußball gefeiert.

Bei Völler waren noch viele Freunde gewissermaßen unter sich. Man kannte sich – zu gut. Völler konnte seinen Freunden nicht so richtig sagen, hör mal, du spielst heute nicht. Klinsmann war da freier. Das war eines seiner Geheimnisse. Und er konnte überzeugen. Für die Taktik hatte er ja den Löw.

Heute ist Länderspiel Nummer eins nach Klinsmann. Was kann Löw erreichen?

Die Frage stellt sich so für mich nicht. Die offene Frage ist, was er erreichen muss. Und die Antwort ist klar: mindestens die Qualifikation für die EM. Allerdings: Fußball besteht zu 51 Prozent aus zufällig sich ergebenden Situationen. Man kann nicht alles planen. Wenn wir Glück haben, werden wir Europameister. Wenn wir Pech haben, schaffen wir nicht einmal die Qualifikation. Alles ist möglich. Jedenfalls im Fußball.

Neuerungen müssen sein, Traditionen können manchmal aber auch nicht schaden. Ist die ARD gut beraten, an ihrem Traditionsduo Delling-Netzer festzuhalten?

Ich bin ein großer Freund von Günter Netzer. Mit Gerhard Delling habe ich als ehemaligem Mitarbeiter von mir auch keine Probleme. Als Netzer das Angebot von der ARD bekam, hat er mich angerufen und gefragt, ob er das machen solle. Ich habe ihm gesagt, er solle seinen Einsatz gut dosieren. Das konnte er wohl so nicht einhalten. Im Radio hatten wir eine goldene Regel, die einiges für sich hat: Wenn aus einer Idee eine Reihe wird, muss man sich schon am Anfang Gedanken über das Ende machen. Man muss wissen, was man danach macht.

Sollte Netzer anfangen, darüber nachzudenken?

Netzer mag sich ein bisschen abgeschliffen haben. Aber für mich ist er, was die Substanz betrifft, immer noch der Alte. Netzer gibt dem Zuschauer Anregungen zur Diskussion wie kein Zweiter. Ich finde, er ist immer noch sehr diskutabel.

Das sagen viele Zuschauer auch von Jürgen Klopp. Sogar die meisten.

Jürgen Klopp ist, entschuldigen Sie bitte, nicht ganz mein Fall. Vielleicht hängt das mit meiner engen Beziehung zu Günter Netzer zusammen. Ich halte Klopp für einen sehr intelligenten Menschen, der das Medium Fernsehen sehr gut zu nutzen versteht. Aber wenn er auf seinen Bildschirm drückt und das Spiel anhält, um mir zu erklären, was da passiert ist, dann ist das für mich des Guten zu viel. Das wirkliche Spiel wird nie angehalten. Deshalb kann man es mit solchen Mitteln auch nie wirklich erklären oder diskutieren, geschweige denn verstehen.

Wird das Fernsehen, selbst gerade im Umbruch, den Fußball verändern?

Der Fußball lässt sich nur bis zu einer gewissen Grenze verändern, dann ist Schluss. Und was die WM und die Stimmung in Deutschland betrifft: Da wird sich nichts auf die Bundesliga übertragen lassen. Das sind zwei Paar Fußballstiefel. Der Ernst des Fußballlebens hat wieder begonnen: Wir spielen in der nationalen Klasse und nicht in der Weltliga.

Aber in einer anderen Arena.

Ich habe mir am vergangenen Sonnabend zum ersten Mal eine Fußballkonferenz angesehen. Gewöhnungsbedürftig – muss ich sagen. Pausenlos wird gerufen, wir haben immer wieder zwei Bildebenen, wenn umgeschaltet wird. Aber leider sehen wir nicht, warum zum Beispiel „Elfmeter“ gerufen wurde. Weil für Ursachenforschung keine Zeit bleibt. Dafür werden wir dann auf die „schnellste Zusammenfassung der Welt“ zu einem späteren Zeitpunkt verwiesen. Nein, ich danke.

Geld regiert die Fußballwelt. Sind die Deutschen für diese Pay-Welt überhaupt gemacht?

Ich glaube, nein. Im Gegensatz zum Beispiel in Großbritannien und Italien, wo das Bezahlfernsehen viel erfolgreicher ist. Bei uns ist das anders. Premiere ist ja nicht ganz grundlos fast pleitegegangen. Und wenn ich nicht mal weiß, wie viele Decoder ich denn noch kaufen soll, dann wird es noch enger. Wer weiß denn zurzeit schon genau, wie und woher er seinen Fußball bekommt? Da herrscht doch einige Verwirrung.

Auch in den Köpfen der DFL? Die Herren werden doch gewusst haben, was sie tun.

Wenn man glaubt, immer noch mehr Geld und noch mehr Geld haben zu müssen, dann wird man auch mit den Folgen leben müssen. Aber ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob die Philosophie aufgeht, die sich Herr Seifert und seine Berater von der DFL ausgedacht haben. Und wenn ich höre, dass im nächsten Jahr aus der Bundesliga die T-Com-Liga werden soll, dann fasse ich mir an den Kopf. Wenn es so kommen sollte, dann ist die Bundesliga nicht mehr meine Liga. Was erlauben T-Com? Die Muttergesellschaft ist fast pleite und die Tochter kauft sich für Millionen Namensrechte.

Steht der Fernseh-Fußball am Scheideweg? Ist der Fußball insgesamt in Gefahr?

Der Fußball muss aufpassen, dass er sich nicht selbst ausverkauft. Wenn er sich schon verkauft. Wenn es so weitergeht, dann wird es nicht gut enden. Das mag ein bisschen altertümlich klingen. Aber ist es denn wirklich zukunftsweisend, wenn man glaubt, wie es offenbar die DFL tut, Wachstum sei unendlich? Ich finde, die Planung der DFL ist viel zu theoretisch. Das betrifft nicht nur den Verkauf der Senderechte, sondern auch die Ansetzung der Spiele. Was habe ich davon, wenn ich die beiden Sonntagsspiele erst ab 22 Uhr im Free-TV sehen kann? Das ist kein Dienst am Kunden. Da wird es eine Menge Proteste geben.

Sie haben fünf WM-Endspiele kommentiert. Mussten Sie auch so viel einstecken wie die Kommentatoren heute?

Wir wurden auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Aber gegen das, was heute passiert, war das gar nichts. Aber wir hatten auch ein anderes Selbstverständnis. Wir waren einfach zu dumm. Ich habe geglaubt, ich wäre ein Informant. Ein Sozius des Bildes. Nicht wir waren die Nummer eins. Die Nummer eins war das Bild, das wir nicht zu überlagern hatten. So haben wir uns jedenfalls gesehen. Heute sind Entertainer an den Mikrophonen, die gern in Archiven stöbern und dabei allzu oft die Hauptsache, das Spiel in seinem Ablauf zu bewerten, vergessen.

Sie haben sich auf Ihren Job beim Fernsehen beschränkt. Heute sind Kommentatoren auch sonst anderweitig unterwegs.

Sie meinen die sogenannten Nebentätigkeiten. Wenn ein Veranstalter eines Events einen Moderator braucht, dann nimmt er entweder Harald Schmidt oder einen Sportkommentator. Warum? Weil beide viel von Unterhaltung verstehen. Und wenn es dabei für den Sportkommentator mehr Kritik gibt als an Harald Schmidt, muss er damit leben. Das ist der Preis für Geld und Popularität.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Fußball-Länderspiel Deutschland – Schweden, ARD, 20 Uhr 15

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