Medien : Wir wollen da rein!

24 Stunden nonstop: Grüne im Fernseh-Selbstversuch

Barbara Nolte

Mittwoch, neun Uhr morgens. Fritz Kuhn sitzt in der „Galerie Wohnmaschine“ in Berlin Mitte und doziert über das Fernsehen. Frisch sieht er aus, nur sein gestreiftes Hemd ein wenig knittrig. Ihm gehe es gut, sagt er, was erstaunt, denn er hat 30 Stunden nicht mehr geschlafen, 24 Stunden davon nonstop ferngesehen. Es war ein Selbstversuch: „Richterin Barbara Salesch“, „Brisant“, „zibb“, „Maischberger“ und ein Agentenfilm tief in der Nacht. Das volle Programm. Bis heute morgen um halb sieben. Ein Versuch, der als Erstes die Erkenntnis liefert, wie hartgesotten Spitzenpolitiker körperlich wie geistig sind. Eigentlich müsste Kuhn an einer Überdosis laborieren. Doch er ist kurz spazieren gegangen und erklärt jetzt den Journalisten gut gelaunt seine Programmbeobachtungen, die sich im Nachrichtenagentur-Deutsch später so lesen werden: „Grüne fordern mehr Vielfalt im Fernsehen.“

Zu den Fragen „Was macht das Fernsehen mit uns?“, „Macht es uns dumm und dröge?“ hatte die grüne Bundestagsfraktion in einer Pressemitteilung den Fernsehmarathon angekündigt. Die Versuchsanordnung – ein Flachbildschirm, zwei beige Sofas, vier grüne Kissen und ein paar käsige Brötchen fürs leibliche Wohl – wurde nicht im grünen Fraktionsbüro aufgebaut, sondern in einer Galerie in Berlin Mitte. Denn die Beobachtung hatte eine zweite Beobachtungsebene. Und diese Ebene war wohl der wahre Sinn des Ganzen. Das Fernsehen sollte den Politikern dabei zuschauen, wie sie dem Fernsehen zuschauen. Eine Mischung aus Sit-in und „Big Brother“, um in Zeiten von großer Koalition und grüner Unsichtbarkeit wenigstens mal wieder ein bisschen Aufmerksamkeit zu erregen.

Und das Kalkül ging auf. Gleich zu Beginn des Experiments, am Dienstag um halb sieben, baute das „ARD-Morgenmagazin“ seine Kamera vor dem Sofa auf, auf dem sich außer dem Fraktionschef Kuhn die medienpolitische Sprecherin der Partei, Grietje Bettin, und die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wieland und Anna Lührmann installiert hatten. Um neun Uhr reckten bereits vier Radio-Journalisten mit ausgestreckten Armen ihre Mikrofone in Richtung der tapferen vier, um ihre Kommentare abzufangen. „Der Spot ist gut!“, sagte Fritz Kuhn, als die Veltins-Werbung lief, in der Schalkes ehemaliger Manager Rudi Aussauer ein Glas Bier seiner sich auf dem Bett räkelnden Freundin Simone Thomalla vorzieht. „Der ist chauvimäßig!“, antwortete Wieland. Beide lachen. Gemeinsames Fernsehen eignet sich gut, sich als launig und leutselig zu präsentieren. Doch es kam zu einem kleinen Kollateralschaden. Je weiter der Tag voranschritt, desto klarer wurde: Die Politiker kennen fast keine Sendung. Sie haben keinen blassen Schimmer vom deutschen Fernsehen. „Ich schaue lieber DVDs“, sagt Grietje Bettin, die das Ende des spannenden Richard-Gere-Spielfilms opfert, um sich kurz interviewen zu lassen. „Die viele Werbung im Fernsehen stört mich. Ich möchte mich nicht dieser Manipulation aussetzen.“ Von den „Daily Talks“ und Telenovelas spricht sie wie von frühgriechischen Gedichten, die sie heute erstmals die Möglichkeit hat einzusehen. Nun ist Bettin die medienpolitische Spezialistin der Partei – wie will sie mit Senderchefs oder Medienwissenschaftlern reden, wenn sie so wenig von ihrem Spezialgebiet weiß? Eine seltsame Ahnung schleicht sich ein: Ist das auf anderen Politikfeldern etwa auch so?

Am Fernsehen interessiert Politiker vor allem, wie sie selbst reinkommen – das ist die zweite Erkenntnis des Fernsehtages. So schauten um elf Uhr abends noch die Berliner Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig und Renate Künast vorbei. Sicher nicht nur, um die Parteifreunde zu besuchen. Schon vor der Galerie wurde Künast von einem Fernsehteam abgefangen. Eichstädt-Bohlig ließ sich mit einem Proviantkorb fotografieren, den sie zur Stärkung mitgebracht hatte. Das laufende Fernsehprogramm verfolgte sie desinteressiert und verschwand bald nach Hause. Aufgeputscht mit grünem Tee, ging es für den harten Kern in die letzte und fieseste Runde: das Nachtprogramm. Doch morgens kurz nach halb sechs kam die Belohnung. Das „Morgenmagazin“ brachte einen Beitrag über die vier beim Fernsehen. „Das Programm“, sagt Fritz Kuhn zufrieden, „ist doch besser, als man denkt.“

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