Medien : „Wir wollen euch bösewichten sehen“

„Deutschland. Ein Sommermärchen“: ZDF-Fußballreporter Béla Réthy kommentiert den WM-Film

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Herr Réthy, warum sollen wir uns Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ antun?

Es ist schon beeindruckend, das Innenleben der deutschen Nationalelf während der WM quasi live miterleben zu können. Solche Einblicke sind selbst uns Reportern, die wir bei der WM dabei waren, verwehrt. Außerdem wird sehr deutlich, warum Jürgen Klinsmann seinen Job als Bundestrainer nach der WM aufgegeben hat.

Warum denn?

Klinsmann hat immer von einem Projekt gesprochen. Wenn wir im Film sehen, wie viel der Mann dafür gegeben hat, wie er sich verausgabt, dann können wir verstehen, warum er so ausgebrannt war. Ein Weitermachen wäre unmöglich gewesen.

Wenn man sieht, wie in der Kabine geredet wird, könnte man meinen, es gäbe keinen Unterschied zwischen Regionalliga und WM. Da geht es ganz schön grob zu.

Es geht in jeder Spielklasse, auf jedem Niveau ähnlich zu. Hart – und wahrscheinlich nicht immer sehr herzlich. Ich darf das sagen, weil ich nicht nur kommentiere, was ich aus meiner schönen Reporterkabine sehe, sondern weil ich früher selbst gespielt habe.

Ist der Film die große Werbung für den Fußball im Allgemeinen?

Er ist Werbung für die deutsche Nationalmannschaft. Oder noch genauer: Er ist Werbung für ein singuläres Ereignis, das so leider, leider nicht mehr wiederkommen wird. Es ist ein Eventwerbefilm.

Eine Dokumentation ist er also nicht?

Der Film lichtet schon, gut montiert, die Geschehnisse so ab, wie sie sich ereignet haben. Aber ohne dass Wortmann etwas Eigenes hinzugefügt hätte. Also, nein, keine Dokumentation.

Was dann? Ein „Märchen“, wie der Titel verspricht?

Nach dem 1:4 gegen Italien im März, als viele Klinsmann schon zurückschicken wollten ins schöne Kalifornien, kam das Projekt Klinsmann ja erst richtig in Fahrt. Was dann kam, war schon so etwas wie ein Märchen. Aber im Unterschied zu denen, die wir kennen, gab es keinen Bösewicht, nicht einmal einen Buhmann.

Was wäre aus dem Sommermärchen geworden, wäre schon in der Vorrunde Schluss gewesen?

Die Gefahr bestand ja nicht wirklich. Aber wenn es passiert wäre, wäre der Film wohl kaum in die Kinos gekommen. Vielleicht ins Fernsehen. Aber dann sicher nicht in der Vorweihnachtszeit.

Der Film zeigt viel. Aber hat Regisseur Sönke Wortmann auch etwas weggelassen, was Sie gern gesehen hätten?

Am Ende des Films wird gezeigt, wie die Spieler darüber diskutieren, ob man nach Berlin reisen und sich den Fans präsentieren soll oder nicht. Dabei muss es relativ heftig zugegangen sein. Ich hätte das gern gesehen und auch, wer dafür, wer dagegen war. Dann hätte man am Ende vielleicht doch noch ein paar Bösewichte gehabt. Aber vielleicht wollte man das den Zuschauern nicht zumuten, um das schöne Märchen nicht kaputt zu machen.

Hätte man das zeigen sollen?

Um der Authentizität willen: ja. Ich hätte auch gern mehr von der Partystimmung, die im ganzen Land herrschte, gesehen. Das kommt mir ein wenig zu kurz. Aber vielleicht hat das die Mannschaft auch gar nicht so mitbekommen. Vielleicht reden wir ja von zwei Märchen: einem für die Mannschaft und einem für das Land.

Vielleicht war in diesem Märchen einfach kein Platz für Bösewichte oder Verlierer.

Ich kann mich an keinen Verlierer erinnern, wenn wir einmal von Timo Hildebrandt absehen, dem Torhüter des VfB Stuttgart, der als dritter Torhüter nicht einmal auflaufen durfte. Alle anderen kamen zum Einsatz. Und alle waren froh, überhaupt dabei sein zu dürfen.

Aus dem Fußball-Sommermärchen wurde inzwischen ein Winterdrama. Das Thema Gewalt überlagert alles.

Das war nicht anders zu erwarten. Die Bundesliga ist geblieben, wie und was sie war. Die Themen Gewalt und Rassismus sind im Sommer nur gnädig zugedeckt worden, verschwunden waren sie nie.

Wäre es nicht eine gute Idee, „Die Bundesliga. Der Film“ zu drehen?

Das wäre sicher sehr schön, aber ein solches Unternehmen würde schon daran scheitern, dass wir nur sehr begrenzt Zugang haben zu den Vereinen, Stadien und Spielern. So einen Film könnten wir über die Bundesliga nicht machen, selbst wenn wir wollten.

Wie sieht Ihr ganz persönliches Fußballmärchen aus?

Für mich wäre es wie im Märchen, wenn Pele, der größte Fußballer aller Zeiten, zu mir sagen würde: Réthy, du kannst einen Film über mich machen. Ich habe in Brasilien gelebt, ich habe noch mit eigenen Augen, damals war ich zehn Jahre alt, Pele spielen sehen. Über den Mann einen Film zu machen, das wäre ein Traum. Ein wirkliches Märchen, das so anfangen könnte: Es war einmal ein kleiner schwarzer Junge in Brasilien ...

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

.„Deutschland. Ein Sommermärchen“, ARD, 20 Uhr 15

Béla Réthy , 49, ist Live-Reporter Fußball beim ZDF. Bei der WM hat er zwölf Partien kommentiert. Wie vier Millionen andere hat er „Deutschland. Ein Sommermärchen“ bereits im Kino gesehen.

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