Medien : Wissen ist Geld

Schafft „Pisa-TV“ den „Pisa-Schock“ aus der Welt?

Joachim Huber

Es ist bitter, weil es wahr ist. Im deutschen Fernsehen fiel die Frage: „Wo steht der schiefe Turm von Pisa?“ Für die richtige Antwort gab es Geld. Auch das ist bitter, weil es wahr ist: Die deutschen Schüler haben bei der internationalen Pisa-Studie schlecht abgeschnitten. Auch ein Drittes ist wahr: Derselbe Fernsehsender, der rund um den Standort des schiefen Turms von Pisa ein Gewinnspiel veranstaltete, bemüht sich um das Wissens- und Bildungsniveau der Schüler in Deutschland: „Neun Live Pisa“ ist seit einem Monat an jedem Schultag von 15 Uhr 30 bis 16 Uhr auf Sendung.

Neun Live ist Deutschlands erfolgreichster Sender, auch deswegen, weil er lange Zeit Deutschlands dümmster Sender war. Ein schlichtes Quiz nach dem anderen; wer sich um die schmalen Euro-Beträge balgen will, der muss eine 01379-Nummer für 49 Cent anrufen. Millionen rufen an, wenige kommen durch, noch weniger gewinnen – anders Neun Live, das sattschwarze Zahlen schreibt. Das Image des „Mitmachfernsehens“ war verheerend, deshalb kündigte Chefin Christiane zu Salm eine „Bildungsoffensive“ an. Seitdem sind die Quizfragen schwieriger geworden, Mitte April wurden die Formate „Neun Live Klassenzimmer“, „Neun Live Mitmachkolleg“ und eben „Neun Live Pisa“ gestartet.

Die halbe Stunde „Pisa-TV“ will den „Bildungsnotstand hier zu Lande“ lindern. Das Prinzip ist nicht anders als bei anderen Sendungen von „Neun live“. Für richtige Antworten gibt es Geld. Das Niveau der Fragen ist unterschiedlich, sehr unterschiedlich, entweder auf Pisa- Ebene oder darunter. Ein Beispiel für eine Pisa-Frage aus dem Bereich der mathematischen Grundbildung: „Nick möchte die rechteckige Terrasse seines neuen Hauses pflastern. Die Terrasse ist 5,25 Meter lang und 3,00 Meter breit. Er benötigt 81 Pflastersteine pro Quadratmeter. Berechne, wie viele Pflastersteine Nick für die ganze Terrasse braucht.“

Fragen wie diese müsste ein 15-, 16-jähriger Schüler in Deutschland beantworten können. Das meinten die Pisa-Entwickler, das meint auch Wolfgang Storch, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt und als Experte durch „Neun Live Pisa“ führt. Tatsächlich sind die Ergebnisse bei der TV-Sendung so: 30 Prozent der Pisa-Fragen werden beim ersten Anruf gelöst, 20 Prozent nach mehreren Anrufen, 50 Prozent werden gar nicht gelöst. Das klingt erschreckend. „Bei den Anrufern haben wir ein niedrig ausgebildetes Niveau festgestellt“, sagt Storch. Nach den Zahlen von Pressesprecherin Sylke Zeidler kommen pro Sendung 50 000 Anrufer zusammen, deren Wissen und deren Bildung im Schnitt nicht allzu hoch angesetzt werden dürfen. „Neun Live“ ist vieles, aber kein Akademiker-Fernsehen. Dazu kommt, dass die Pisa-Fragen das Wissen 15- und 16-jähriger Schüler prüfen wollen, diese Altersgruppe aber an der Sendung aktiv nicht teilnehmen darf: Minderjährige, also Menschen unter 18 Jahren sind von Gewinnspielen ausgeschlossen.

Zwar sind die Pisa-Fragen das Herzstück der Sendung, sie werden freilich mit bedeutend einfacheren Fragen garniert. „Wie viele Vokale stecken in dem Wort ,Bananenmilch’?“, wollte Storch beispielsweise wissen. Auch hier gab es falsche Antworten, der Experte hat nach vier Wochen Sendung vor allem „das Problem der mangelnden Lesekompetenz“ festgestellt – was also überhaupt die Frage in der Frage ist. Frauen würden häufiger anrufen und wüssten mehr.

Der Hochschullehrer, der sich von seinen Freunden und Bekannten die Bemerkung gefallen lassen muss, warum „er in so einem Sender auftritt“, hat keine Zweifel an Sinn und Zweck von „Pisa-TV“. „Welcher Sender traut sich das denn? Hier wird Wissen belohnt, hier wird die Angst, noch mehr wissen zu sollen, abgebaut.“ Ein Anfang sei dies, sagt der Hochschullehrer, der sich zu seinem „Sendungsbewusstsein“, Wissen und Bildung vermitteln zu wollen, bekennt. Auch das hat Grenzen: Wolfgang Storch würde bei „Pisa-TV“ aussteigen, falls die Sendung weit unter „Pisa-Niveau“ fiele.

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