Medien : Witze mit Bart

Die US-Fernsehsender zeigen Wiederholungen, weil die Schreiber streiken

Christine Mattauch[New York]

Es ist ein Ritual – seit mehr als zehn Jahren. An Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest Ende November, lässt sich David Letterman in seiner „Late Show“ live mit seinem Elternhaus verbinden. Sobald seine über 80-jährige Mutter auf dem Bildschirm erscheint, versetzt sich der Talkmaster in Trance und versucht zu ergründen, was für Kuchen Mama für den Feiertag gebacken hat: Blaubeer? Nuss? Schokolade? Zitrone?

In diesem Jahr kannten Fans der Sendung die Antwort allerdings schon: Kürbis und Apfel. Dafür hatte sich Mutter Letterman im Jahr 2006 entschieden.

Wenn Hollywoods Drehbuchautoren streiken, fehlen selbst CBS-Star Letterman die Worte. Seit Anfang November werden Konserven ausgestrahlt – Sendungen, die bereits vor Wochen, Monaten oder vor einem Jahr über die Mattscheibe flimmerten. Neun von zehn Shows im US-Fernsehen sind derzeit Wiederholungen. Dabei kommt es immer wieder zu unfreiwillig komischen Szenen, etwa wenn Talkstar Jay Leno mitten im November der Schauspielerin und Sängerin Jennifer Lopez zum Geburtstag gratuliert, obwohl diese im Juli geboren ist.

Der Streik der Autoren dauert nun schon 25 Tage. Es ist bei Weitem nicht ihr längster Ausstand: 1988 dauerte es fünf Monate, bis die Beteiligten einen ähnlichen Konflikt beigelegt hatten. Immerhin haben sich die Autorengewerkschaft Writers Guild of America (WGA) und die Produzentenvereinigung Alliance of Motion Picture and Television Producers (AMPTP) nach wochenlangem Schweigen diese Woche zu Gesprächen getroffen. Eine Einigung steht noch aus. Die WGA fordert für ihre rund 12 000 Mitglieder höhere Tantiemen für Sendungen, die per DVD vertrieben werden: Sie sollen sich pro Verkaufsexemplar von vier auf acht Cent verdoppeln. Schon das ist aus Sicht der Produzenten zu viel. Die Autoren wollen aber außerdem an den boomenden Erlösen aus dem Onlinevertrieb beteiligt werden. Davon sehen sie bislang keinen Cent. Und sie verlangen Geld für Videos, die Internetnutzer umsonst auf den Webseiten der Sender abrufen können.

Die wirtschaftliche Situation wird unterschiedlich eingeschätzt. WGA-Präsident Patric Verrone argumentiert, dass die Einnahmen der Unterhaltungsbranche seit 2000 um 51 Prozent auf 95 Milliarden Dollar gestiegen seien, während sich die Einkommen der Drehbuchschreiber nur um 20 Prozent auf insgesamt 1,3 Milliarden Dollar erhöht hätten. Die Arbeitgeber rechnen anders: Sechs von zehn Kinofilmen spielen nicht einmal ihre Kosten ein; die erste Staffel einer einstündigen TV-Show macht im Schnitt einen Verlust von 26 bis 33 Millionen Dollar. AMPTP-Präsident Nicholas Counter wirft den Autoren Gier vor, schließlich verdienten sie jeweils 200 000 Dollar im Jahr. Die WGA beziffert den Durchschnittsverdienst auf 60 000 Dollar.

Wer bei dem Verhandlungspoker die besseren Karten hat, ist schwer abschätzbar. Die Zuschauerquoten von Shows wie der von David Letterman und Jay Leno sind bislang kaum zurückgegangen. Bei Sendungen, die nicht so beliebt sind, schalten inzwischen bis zu 30 Prozent weniger Zuschauer ein. Wie sich das auf die Werbeeinnahmen auswirkt, behalten die Sender für sich. Allerdings gehören die meisten Sender und Studios Konzernen mit dicken Finanzpolstern. NBC beispielsweise ist Teil von General Electric, der Umsatz der TV-Tochter macht gerade einmal ein Zehntel des Gesamtumsatzes aus.

Doch je länger der Streik dauert, desto größer werden die Risiken. Die Produzenten müssen ums Weihnachtsgeschäft fürchten, zumal sie keinen guten Ruf genießen. Die meisten Amerikaner halten sie für Raffzähne. In Leserbriefspalten und in Webblogs findet sich viel Verständnis für die Forderungen der Schreiber. Dazu haben auch Solidaritätsbekundungen von Stars wie Robin Williams, Alicia Keys und Oliver Stone beigetragen. Selbst Showmaster, die von der Zwangspause betroffen sind wie Letterman und Leno, bekunden Verständnis für die Streikenden. Der Sender CBS sagte eine für den 10. Dezember in Los Angeles geplante Debatte zwischen den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern ab, nachdem sich mehrere Kandidaten – darunter Hillary Clinton und Barack Obama – geweigert hatten, die angekündigte Streikpostenkette vor dem Studio zu durchbrechen.

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