Medien : Wo bleibt das Feuer?

Auch die guten Reporter von ARD und ZDF kommen gegen die faden Winterspiele nicht an

Matthias Kalle

Samstagmorgen, endlich, nach einer Woche vor dem Fernseher, jeden Tag, ab 9 Uhr bis in die Nacht, bis die Augen zufielen, Samstagmorgen also, als man die Hoffnung schon aufgegeben hatte, als man sich bereits mit der Enttäuschung arrangiert hatte und nur noch aus Trotz weiterschaute, Samstagmorgen gab es dann diesen Moment, an dem man vom Sofa aufspringen konnte, um laut zu schreien: „Das gibt es doch jetzt gar nicht, mannmannmann!“, aber eigentlich war da das Feuer schon aus und Olympia 2006 in Turin gelaufen. Jedenfalls für uns, für uns Aktive vor dem Fernseher.

Am Samstagmorgen zeigte das ZDF die Staffel der Skilanglauffrauen, und am Ende, um Viertel vor elf, sagte der Reporter Peter Leissl, der selten falsch liegt, dass es das verrückteste Rennen war, das er je gesehen hat. Für uns war es entweder noch zu früh oder schon längst zu spät, aber wir sahen nur, dass die deutschen Frauen Silber gewannen, während wir in den Samstagszeitungen lasen, dass kaum eine Ausdauersportart so dopingverseucht sei wie der Skilanglauf. Im Fernsehen hatten wir diese Information nicht bekommen – weder in der ARD noch im ZDF –, und vielleicht war das Taktik: Die Sender wollen diese langweiligen Spiele jetzt nur noch unfallfrei wegsenden, aber die Unfälle begannen bereits am Tag der Eröffnungsfeier, als das Debakel des ZDF begann, weil man sich in einer Hofberichterstattung gegenüber der deutschen Olympiamannschaft und seiner Funktionäre verlor: Im Fall der Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle, die wegen erhöhter Hämoglobinwerte eine Schutzsperre auferlegt bekam, verzichtete der Sender auf Journalismus und stimmte in das Wehklagen der Langläufer ein. Der Tiefpunkt fand statt in der so genannten Highlight-Sendung von Johannes B. Kerner am Mittwochabend. Der Moderator ließ sich am Nachmittag ins Ohr pieksen, um den Hämoglobinwert in seinem Blut zu testen. Warum? Weil er beweisen wollte, dass er diesen Wert durch das Trinken von viel Wasser senken könne. Kerner, der in seiner Freizeit Werbung für ein Mineralwasser macht, sagte in seiner Sendung sehr oft, dass er sehr viel Wasser getrunken hätte, und am Ende war sein Hämoglobinwert gesunken. Zur Erinnerung: Gleichzeitig fanden nicht weit entfernt immer noch Olympische Spiele statt.

Zur Entschuldigung: Es fanden die vielleicht ereignislosesten Spiele aller Zeiten statt, und das kann auch das Fernsehen nicht ändern. In Turin gibt es keine Stars, nicht einmal Sternchen. Es gibt keine echten Skandale und keine wahren Höhepunkte, keine großen Verlierer und keine kleinen Gewinner, und das ganze Elend dieser Olympischen Spiele wird deutlich am Eiskunstläufer Jewgeni Pluschenko. Der Russe gewann mit 30 Punkten Vorsprung Gold, so einen Vorsprung gab es noch nie, und es wird ihn wahrscheinlich auch nie wieder geben, und eigentlich hat diese Geschichte alles, um „bigger than life“ zu sein und damit der Grund, warum Sport im Fernsehen besser funktioniert als vieles andere. Aber am Donnerstag, als er seine Kür lief, stellte der Kommentator Daniel Weiss aus Protest das Kommentieren ein. Weiss ist ein ausgewiesener Experte im Eiskunstlauf, der nie irrt und jeden kennt, der mal Schlittschuhe angehabt hat, und wie gerne hätte man mit Weiss gemeinsam resigniert, aber nach einer Woche Leidenschaftslosigkeit hatte man selbst dazu keine Kraft mehr. Am Ende fragte der Reporter, hörbar sauer: „Wo war das Feuer?“ Es ist die Frage dieser Winterspiele. Pluschenkos Kür wollten, als ob man es ahnen konnte, gerade mal knapp drei Millionen Menschen sehen – mehr als doppelt so viele sahen zur selben Zeit im ZDF die Karnevalssendung „Karnevalissimo“. Nur tagsüber, wenn die anderen Sender ihr Vortagsprogramm wiederholen, kommt Olympia auf Marktanteile von über 20 Prozent.

Wo bleibt das Feuer? Wird es in der zweiten, der letzten Woche dieser Spiele noch einmal brennen können? Sollen wir aktive Fernsehzuschauer darauf hoffen? Ja. Denn es ist Sport, im Sport können jederzeit diese kleinen, großen Fernsehmomente passieren, die einen staunen machen, selbst in Turin. Und wenn solch ein Moment doch noch passieren sollte, dann hat das deutsche Fernsehen immer noch Fachkräfte, die das auch bemerken werden. Im ZDF haben sie Rudi Cerne, der, wenn er Eiskunstlaufen kommentiert, seine Moderation von „Aktenzeichen XY“ vergessen macht. Und sie haben Peter Leissl, der bereits bei der Tour de France beweist, dass er Ausdauersportarten mit der nötigen Dramatik und Ironie begleiten kann. Und die ARD hat den strengen Daniel Weiss, den aufmerksamen Jens-Jörg Rieck und noch ein paar andere Reporter, von denen man dann wieder vier Jahre nichts mehr hört, obwohl sie doch so spannend und klug und informiert über den Sport reden können.

Und außerdem kommt noch dreimal Harald Schmidt, der vergangene Woche dann vielleicht doch einen großen olympischen Fernsehmoment schuf: Als er Bundespräsident Köhler für eine Minute traf, sagte der, wie toll es sein Sohn finden wird, dass er jetzt Schmidt trifft. Die deutsche Olympiamannschaft steht hervorragend im Medaillenspiegel und der Bundespräsident dienert vor einem Fernsehentertainer – trotz dieser leidenschaftslosen Winterspiele scheint sich das Land im Ausnahmezustand zu befinden.

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