Medien : Wo der Bäuerin das Mieder glüht

Der Familienfilm als Heimatfilm überschwemmt das deutsche Fernsehen

Rainer Tittelbach

Ein guter Film braucht ein gutes Drehbuch. Ein Film, der erfolgreich sein will, nicht unbedingt. Ein eingespielter Sendeplatz, ein Reizwort und eine prominente Besetzung tun es mitunter auch. „Ein Paradies für Tiere“, am Mittwoch im ARD-Programm, funktionierte nach dem beliebten Setzbaukastenprinzip: Kinder, Tiere, Natur und Serien-Matador Francis Fulton-Smith („Familie Dr. Kleist“). Aus einem Reiterhof wird ein Tierasyl, aus einem Frischluft-Workaholic ein Freund aller Vierbeiner, aus einem Fernsehfilm der reinste Streichelzoo. Und über allem strahlt die Sonne.

Selten war Fernsehen so harmlos und vorhersehbar. Selten war Fernsehen so durchschnittlich. Selten war Fernsehen so erfolgreich. Während deutsche Krimis längst internationalen Standard erreicht haben, hat sich ein anderes Genre wieder etabliert und in die Provinzialität der 50er Jahre zurückgebeamt. Der Familienfilm ist mehr denn je Heimatfilm. Heile-Welt-Szenarien im Ambiente malerischer Bergwelten und idyllischer Seelandschaften haben Konjunktur. Über sechs Millionen Zuschauer ließen sich auf den „Bergpfarrer“ ein. 7,4 Millionen sahen Christine Neubauer als stolze „Geierwally“, die lieber dem Ruf des Adlers als dem des herrischen Vaters folgte. Den Vogel aber schoss am Sonntag „Inselsommer“ im ZDF ab. Das vierte von Christiane Sadlo unter dem nordisch anmutenden Pseudonym Inga Lindström geschriebene TV-Movie schalteten 8,4 Millionen Zuschauer ein. Sie sahen die Ex-„GZSZ“-Actrice Anne Brendler in der 999. Variation von die Köchin und der Millionär. Im Februar erliegt dann Bettina Zimmermann in „Entscheidung am Fluss“ der milden Frische des Nordens. Die Filme unter dem Lindström-Label setzen auf das immer gleiche Prinzip: Die Geschichten, die mit der ewigen Sehnsucht nach dem kleinen Glück, nach Ruhe, Romantik und Verlässlichkeit ihr harmoniesüchtiges Spiel treiben, holen die wirklichkeits- und krimimüden Zuschauer im Alltag ab. Der urbanisierte, ja degenerierte Großstädter auf dem Renaturalisierungstrip.

Der moderne Heimatfilm versagt sich nicht gänzlich dem Zeitgeist. Allein erziehende Mütter bevölkern das Genre heute - und selbst die Handys sind unentwegt auf Empfang. Die Sehnsucht nach Heimat ist immer auch verbunden mit Selbstfindungsprozessen. Da röhrt kein Platzhirsch, da leuchtet kein roter Bommelhut mehr. Und am Ende obsiegt stets der wahre Wert über den Warenwert. „Es werden traditionelle Werte hochgehalten, Werte, die Bestand haben, Heimat als Ort des Glücks“, formuliert es Hans-Wolfgang Jurgan, Chef der ARD-Produktionstochter Degeto, die mit für den Boom verantwortlich ist. Das Fernsehen als letzte Bastion gegen den Verfall der Werte. Auch ein Ort des Rückzugs in Zeiten der gesellschaftlichen Krise? „Klingt etwas sehr wohlfeil“, so ZDF-Fernsehfilmchef Hans Janke, „aber wenn man sieht, was bei uns am Sonntag und was mit gewissen Nettigkeiten der ARD für Einschaltquoten erreicht werden, dann kann man schon darauf kommen, dass es da Zusammenhänge gibt.“

Der Heimatfilm ist zum Feld-WaldWiesen-Märchen mutiert, das derbe Melodram zum seichten Urlaubsfilm. Besonderes Kennzeichen: konfliktscheu. Filme, die dahinplätschern wie ein Bergbach, bilden zunehmend den Kontrapunkt zum Krimi-Overkill. Und das wird so bleiben. Denn ARD und ZDF legen nach. Christine Neubauer ließ sich von Autor Felix Huby von der Labor-Medizinerin zur „Landärztin“ (28.4.) machen. „Zwei am großen See“ mit Uschi Glas und Ruth Drexel wurde zur Reihe ausgebaut, auch Hansi Hinterseer wird weiterhin „Da wo die Herzen schlagen“ telegen seine Föhnfrisur tragen. Immer öfters rutschen auch die Wilderer- und Bäuerinnen-Dramen der 50er Jahre wie „Am Brunnen vor dem Tore“ wieder ins Programm.

Heimat im Fernsehen, das muss aber nicht immer nur ein reflexartiges Spiel mit Sehnsucht und Kindheitserinnerungen sein. Gerade sind zwei Fernsehfilme für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert worden, das türkische Migrationsmelodram „Zeit der Wünsche“ und „Heimat 3“ von Edgar Reitz. Beide machen Heimat zwar auch zum subjektiven Sehnsuchtsort, stellen sie aber nicht als ungebrochene Idylle dar. Bei so viel Heimat ließ auch die Verulkung des Genres nicht lange auf sich warten. In „Liebe versetzt Berge – Alpenglühen 2“ sitzt Götz George als ein Hamburger auf der Alm, löffelt eingelegten Fisch, lauscht Freddy, bevor er sich aufmacht in seine geliebte Heimatstadt, wo er sich als „Anreißer“ auf der Reeperbahn wiederfindet. Ob da mehr Ironie als Kitsch im Spiel ist?

„Liebe versetzt Berge – Alpenglühen 2“ : ARD, 20 Uhr 15

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