Medien : Wo der Opa „Bompa“ heißt

„Dallas“ auf Flämisch: „Die Pfaffs“ fesseln die Fernsehzuschauer in Flandern

Klaus Bachmann[Brüssel]

Die Musik klingt wie bei „Dallas“, die Villa mit Garten und Swimmingpool wird abgefilmt, als würde gleich ein Helikopter auf dem Rasen landen, die Gebäude sehen aus, als seien sie aus Legobausteinen gebaut. Es erinnert an Beverly Hills, doch es spielt in Flandern. Und vermutlich deshalb wird am Ende des Vorspanns eine Art Familienwappen eingeblendet, das – allen Luxuskarossen im Garten und allem Flair zum Trotz – Tradition, Heimatverbundenheit und Nostalgie signalisieren soll. Jeden Freitag zur besten Sendezeit zeigt der flämische Privatsender VTM eine kuriose Mischung aus Familienserie, Soap und Pseudo-Doku, die Quintessenz aus einer Woche Dreharbeiten. Die Hauptdarsteller sind keine Schauspieler, sondern die Mitglieder der Familie von Jean-Marie Pfaff, seines Zeichens belgischer Nationalspieler a.D. und früher einmal Torhüter des FC Brügge und des FC Bayern München.

Von den Münchner Zeiten träumt seine Frau Carmen noch immer, wie sie einer flämischen Tageszeitung verriet, „obwohl damals oft tagelang 25 Reporter vor dem Haus auf uns lauerten". Das scheint ihr nicht viel ausgemacht zu haben. Als sich VTM mit dem Vorschlag an sie wandte, ihr Privatleben sieben Stunden am Tag abzufilmen, fand sie das in Ordnung. „Wir haben ja nichts zu verbergen." Statt die Reporter durchs Fenster oder Schlüsselloch gucken zu lassen, vermarkten die Pfaffs ihr Privatleben selbst. Dadurch ist es natürlich kein Privatleben mehr. Eine richtige Reality-Show allerdings auch nicht, denn fest installierte Kameras hat Frau Carmen von sich gewiesen.

Das Ergebnis ist weder „Big Brother“ noch Familienserie, für nichtflämische Zuschauer ist es banal, langweilig und schwer einzuordnen – doch es ist ein gigantischer Erfolg. Von sechs Millionen Flamen folgen der Serie jeden Freitag eine Million. Den Werbespots nach sind das absolut durchschnittliche Zuschauer: Geworben wird für ein regionales Einkaufszentrum, erschwingliche Kosmetika, Fertiggerichte und Anlageberatung.

Der Erfolg der Serie „Die Pfaffs“ beruht auch keineswegs nur darauf, dass Ausschnitte aus dem Privatleben eines Fußballidols zu sehen sind. Jean-Marie Pfaff selbst spielt oft nur eine Nebenrolle, eine Zeitlang war er wegen eines Unfalls sogar ganz außer Gefecht, ohne dass das den Einschaltquoten geschadet hätte. Der Erfolg der Serie besteht aus einer geschickten Mischung aus Nostalgie, scheinbarer Intimität und einem Schuss von Glamour, der die Pfaffs nicht als ferne, fremde Idole, sondern als Menschen wie du und ich erscheinen lässt. Als Menschen, wie viele Flamen gerne welche wären, und in einem Flandern, dem sie insgeheim nachtrauern. Denn in der Villa leben zehn Menschen und vier Generationen unter einem Dach. Eine Großfamilie, wie es sie im ökonomisch und sozial höchst mobilen Flandern eigentlich schon lange nicht mehr gibt.

Der soziale Wandel müsste sie längst zerrissen haben, zerstreut in alle Winde, irgendwo zwischen Brüssel, Amsterdam und Amerika. Doch hier ist alles, wie es früher war: Der ständig Bier trinkende Opa mit dem unmöglichen Namen „Bompa“ lebt unter einem Dach mit seinen Urenkeln. Alle halten zusammen, lösen ihre Konflikte friedlich, eingebettet in ein dichtes soziales Netz aus Freunden und Verwandten, die alle fest zusammenhalten.

Wie an diesem Tag, an dem Kelly Probleme hat, ihr Fitnesszentrum termingerecht einzuweihen, und alle mit anpacken. Und am Ende des Films bricht Kelly dann vor der Kamera erleichtert in Tränen aus. Kelly ist nicht nur der Pfaffs älteste Tochter, sie ist auch Fotomodell und Ehefrau eines flämischen Popstars. Da ist sie dann wieder, die Prise „Dallas“ in der flämischen Provinz.

Winnie Enghien, selbst Produzent flämischer Familienserien, sagt: „Die Pfaffs sind ein klares Beispiel dafür, dass die Wirklichkeit stärker wirkt als die Fiktion. Mach diese Geschichte mit richtigen Schauspielern, und jeder wischt sie beiseite als total unglaubwürdig.“ Doch die Zuschauer stört es nicht, dass die Darsteller ab und zu etwas schauspielern. Und es stört sie nicht, dass die Geschichten, die jeden Freitag erzählt werden, eigentlich viel zu banal sind: „Dallas“ ohne Intrigen, „Big Brother“ ohne Schlüssellochgucken, eine Pseudo-TV-Dokumentation, die keinerlei Einblicke vermittelt.

„Die Pfaffs“ seien auch kein bisschen voyeuristisch, findet Enghien: „Das wär’s nur, wenn die Pfaffs nicht wüssten, dass sie gefilmt werden.“ Doch die Serie ist so aufgebaut, dass alle zehn Villenbewohner die Kamera behandeln, als wäre sie ein gern gesehener Gast. Enghien: „Der Zuschauer bekommt den Eindruck, an der Intimität der Familie teilzuhaben. Dazu kommt, dass die Familie ja ungewöhnlich ist. Wo hat man schon einen Fußballstar, ein Fotomodell und einen Schlagersänger unter einem Dach?“

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