Medien : Wo die Nacktmulle zum Sympathieträger wird

Natur, Tiere, Zoo: Das Fernsehen lockt sein Publikum mit einem wahren Supermarkt an paradiesischen Bildern und Kuscheleien

Bernd Gäbler

Nicht nur Pisa-Studien können Schocks auslösen. Gut geeignet, regelmäßig mindestens Entsetzen zu erzeugen, sind auch die Umfragen zur Naturkenntnis unserer Jugend. Verschiedene Baumsorten können sie kaum noch identifizieren, ebenso wenig die bunte Vogelwelt unterscheiden; Kolkrabe, Iltis und Bieber sind ihr nachhaltig fremd.

Dabei ist es nicht nur schön, Meerschwein, Karnickel oder Pony zu streicheln und verantwortungsbewusst zu pflegen, sondern pädagogisch sinnvoll ist für jedes Kind auch eine Phase, in der es sich als Aquarianer, Hobby-Ornithologe, Sternengucker oder Sammler von Gräsern und Farnen eifrig betätigt. Indem er sich neugierig forschend mit der Natur auseinandersetzt, wird der Mensch sich seiner eigenen Existenz als Naturwesen bewusst. Dies ist letztlich das Ziel aller Naturkunde. Erst auf dieser Basis kann dauerhaft Naturschutz gedeihen, also ein Gefühl dafür, dass die Natur nicht hemmungslos ausgebeutet werden kann.

Mehr und mehr verdrängt nun mediale Vermittlung die primäre Erfahrung. Dabei war das Schwelgen in Naturbildern von Anfang an ein Feld der Selbstentfaltung des Fernsehens. Der Mensch ist ein Augentier, und das TV liefert ihm wundersames Futter. Es erschloss neue Welten und ungekannte Räume. Walt Disney bewies: „Die Wüste lebt“; Dr. Grzimek lieferte die Serengeti an die Nierentische, Hans Hass tauchte ab in die Unterwasserwelt.

Das Fernsehen braucht schöne Bilder – und was gibt es Schöneres als eine Natur, die am liebsten als „unberührt“ vorgestellt wird. Zwar ist sie bedroht, aber solange kein Bösewicht oder die „Zivilisation“ eingreift, wächst sie organisch, voll innerer Harmonie. Mit großem Aufwand und entsprechendem Erfolg hat zuletzt die BBC-Serie „Unser blauer Planet“ diesem Paradigma gehuldigt. Ob Flugbilder eines weitverzweigten Flussdeltas, zerklüftete Bergketten, auf einem malerischen Gletscher bis zur Erschöpfung kämpfende Steinböcke oder filigrane Quallen – jedes Bild ein Poster. Die Serie war ein einziger elektronischer Osterspaziergang, eine quasi-religiöse Huldigung. Die so dargestellte Natur hat einen Namen: Sie heißt Paradies. Und daraus sind Adam und Eva, folglich erst recht ihre fernsehenden Nachfahren, bekanntlich vertrieben.

Mit der uns umgebenden Natur hat dies wenig zu tun. Ohne menschliches Gestalten gäbe es weder den deutsche Nadelwald, noch die Wiederkehr der Waschbären, ja selbst das Verhalten der Zugvögel wechselt in historisch kurzen Zyklen mit Klima und menschlichem Wohlstand.

Wer nicht durch Zufall den einst auch im WDR ausgestrahlten BBC-Film über die Hauskatze verfolgt hat, sondern sich dem durchschnittlichen Fernsehkonsum hingab, wird sich über einen eigenartigen Effekt des tatsächlichen „Fernsehens“ nicht wundern. Delphin und Palme, Okapi und Korallenriff sind uns allmählich vertrauter als Mosel und Rhön, Fuchs und Kleiber. Unter der Hand suggeriert das Fernsehen: Die schönste Natur ist fern und menschenleer.

Zu den Wundern der Natur ohne Mensch gesellt sich im Fernsehen aber flugs auch das Gegenteil: die Natur, befriedet, aufbereitet, herausgeputzt für den Menschen. Sie nennt man Zoo. Als episodenhafte Doku-Soap mit Tieren hat der Zoo das TV-Programm am Nachmittag erobert und taucht abends umschichtig in den Dritten wieder auf.

In den Zoo geht man am liebsten mit Kindern. Immer haftet dem Zoobesuch etwas Sentimentales an. Die Zoo-Serien schaffen es, dieses Gefühl zu beleben. Im Zoo schaut der Mensch dem Tier in die Augen, es kann den Blick erwidern. Der Mensch mag eine Ahnung verspüren über die kreatürliche Gemeinsamkeit, aber es bleibt ein Graben des Nicht-Verstehens.

Die Zoo-Serie ist kein Tierfilm. Tierfilme werden technisch immer aufwendiger. Man fliegt mit im Schwarm der Zugvögel, der Adler trägt eine Helmkamera, die Eule fliegt in Super-Slow–Motion, dem jagenden Gepard ist eine Chip-Kamera auf den Rücken montiert.

Die Zoo-Serie ist technisch einfach, bleibt unserem Auge nahe. Entscheidend aber ist die Perspektive der Pfleger. Sie überbrücken den Graben zwischen Mensch und Tier – durch Erfahrung und Analogien. So wird am Ende das Tier stets humanisiert – gelegentlich sogar mit einer seine Gedanken lesenden Off-Stimme.

Auch die Rollenverteilung folgt dieser Idee. Die Aufrechten wie Erdmännchen und Pinguine sind Sympathieträger; Krokodil, Löwe und Bär sind zwar beherrschbar, doch hier lauert stets noch das ursprünglich Wilde – und es gibt wirklich hässliche Viecher wie Nacktmulle oder Erdferkel. Dem vernarrten Pfleger wachsen diese aber erst recht ans Herz. Er wird zum Beschützer. Wie der Zoo insgesamt, der längst nicht mehr als Ausstellung kolonialer Trophäen daherkommt, sondern als letztes Residuum der eigentlichen Natur. Wenn die Nachbarn in Ruanda das nicht schaffen, müssen wir halt den Berggorilla retten; wenn die Asiaten Schindluder treiben mit den Orang Utangs, müssen sie halt genetisch vielfältig in den Zoos von Sydney bis San Francisco arterhalten werden. Alle Kunst dient nur dazu, die Natur zu retten oder wiederherzustellen. Damit er beweglich bleibt, werden die Rosinen für den Affen versteckt; wird das Flusspferd nach der Pille auf Diät gesetzt; müssen die Bären regelmäßig auf die Waage. Damit der Zoo ein ständiger Natur-Zyklus von Befruchten, Gebären, Erkranken und Sterben sein kann, wechseln sich ebenso regelmäßig Füttern und Spielen, Betäuben und Impfen, Verladen und Transportieren ab. Unerreicht bleibt zwar die paradiesische Harmonie des Schöpfers. Wenn sie nur flott auf Trab bleiben, geben Tierärzte und Pfleger gemeinsam jedoch einen ordentlichen Reparaturbetrieb ab. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur aber wird jeweils einseitig reduziert – im Zoo wie im Paradies.

Im Ersten ist nun für den Montagabend eine „non-fiktionale Programmschiene“ angekündigt. Bis zum April 2007 soll sie zunächst im Versuchsbetrieb laufen. Annonciert sind „Naturdokumentationen mit spektakulären Bildern“. Die ersten Themen deuten auf einen Genre-Unterschied zu den großen BBC-Filmen hin. Mit Iguazu, den Wasserfällen im Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay, soll es losgehen, dann folgt ein Zweiteiler zum kanadischen Yukon. Dieser Landstrich war in der ARD schon als Verfilmung des Kanada-Buches von Jo Bentfeld unter dem Titel „Als Robinson in den Rocky Mountains“ zu bewundern. Reisetipps und eine Folge von „Schätze der Welt“ gab es auch schon zu Iguazu. Dorthin zieht es Jahr für Jahr eine Million Touristen. Offenbar plant die ARD weniger, Unberührtes staunend zu erschließen, als eine Schnittmenge von Naturkunde und Neckermann zu treffen. Man darf gespannt sein, ob das gut geht.

Hinreichend mit süßen Tieren versorgt ist längst der abendliche 20-Uhr-15-Süßstoff. Mit festem Blick auf die Kreatur ver- und entwirrt „Tierärztin Dr. Mertens“ dienstags in der ARD allzu menschliche Verstrickungen; während das ZDF mit „Unser Charly“ wochenends unverdrossen am Schimpansentum der 50er Jahre festhält. Gibt es im Mainzer Fernsehrat eigentlich keine Tierschützer?

Pflegerisch tätig ist auch der Koch-, Wohn- und Reisesender Vox. Während Haustierärzte und Hundetrainer dort wie auch in manchem Dritten zufriedenstellend laufen, haftete dem Casting-Wettbewerb „Top Dogs“ zu viel Künstlichkeit an, um den Tierfreund im Zuschauer wirklich anzusprechen.

Da bleiben wir doch lieber bei dem Frankfurter Erdferkel „Elvis“, das – so versichert uns treuherzig die Pflegerin – eigentlich wie ein Hund sei, oder schauen noch einmal „Unser Blauer Planet“ auf DVD an – aber diesmal in Einzelbildschaltung.

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