Medien : Wo die Wort-Ungetüme wohnen

„Europa streikt“ und andere gute Nachrichten im Sommer: Ein Versuch, die aktuellen Magazine der deutschen Gewerkschaften zu lesen

Sabine Rosenbladt

Von Sabine Rosenbladt

Wer sich in diesen Tagen aufmacht, einen Blick in die deutsche Gewerkschaftspresse zu tun, kann sich die Urlaubsreise getrost sparen: Welten tun sich da auf, Parallelwelten, von deren Existenz der gemeine Zeitungsleser vermutlich keine Ahnung hat. Europa schwitzt? Aber nein: „Europa streikt“ verkündet das aktuelle Monatsmagazin „metall“ der IG-Metall auf seinem Titel. Und in der dazugehörigen Geschichte erfährt der überraschte Leser, dass Europa in diesem Sommer ein einziger Hexenkessel des Aufruhrs sei: „Überall wehren sich Beschäftigte und Arbeitslose gegen Entlassungen, Lohnkürzungen und Sozialabbau.“ Das Tableau gipfelt in der mutigen Analyse: „Gewerkschaften zeigen ihre neue Kraft.“

Nun mag sich der leicht surreale Eindruck dieser Berichterstattung aus der Tatsache ergeben, dass es sich um eine Doppelnummer handelt, Juli/August; daher war bei Redaktionsschluss das Scheitern des IG-Metall-Streiks für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland noch nicht bekannt. Doch dass seit Beginn des Jahres rund 50 000 IG-Metall-Mitglieder ausgetreten sind, dass in der Gesellschaft seit Monaten eine heftige Debatte über die Rolle der Gewerkschaften in diesem reformbedürftigen Land tobt, dass das Ansehen der einst mächtigsten Gewerkschaft der Welt nach den dort öffentlich ausgetragenen Hahnenkämpfen rapide geschwunden ist – davon kein Wort. Stattdessen ein Satz des über die Maßen aussitzfähigen künftigen IG-Metall-Chefs Jürgen Peters, dessen Impertinenz einen noch im Nachhinein sprachlos macht: „Es war nicht die IG Metall, die blühende Landschaften im Osten versprochen hat.“

Nein, es waren auch nicht die Gewerkschaften, die die Rezession, die Überlastung des Sozialstaates, die Probleme der Krankenversicherung und die negativen Auswirkungen der Globalisierung verursacht haben. Aber dass sie sich derzeit so komplett unfähig zeigen, auf die schwierige Lage anders als mit Parolen aus der Mottenkiste zu reagieren – das spiegeln ihre Mitteilungsorgane doch recht getreulich wieder. Schon in Aufmachung und Layout wirken die meisten dieser Blättchen wie Original-Reproduktionen aus den 50er Jahren. Die Zeitschrift „Kunst und Kultur“ der Gewerkschaft ver.di hat diese Erscheinungsform immerhin ironisiert, indem sie sich gleich als Jerry-Cotton-Heftchen („Peng! Peng! Peng! Sommer wechselhaft + Sozialstaat verhagelt“) verkleidet hat; leider wird die so möglicherweise gewonnene Gunst des Lesers schon im ersten Satz wieder verspielt, der lautet: „Erste Beobachtung auf der Bundesfachbereichskonferenz des Fachbereichs 8: Die Lage wird immer komplizierter, und je komplizierter die Lage wird, desto länger werden die Begriffe, die die Lage beschreiben – zum Beispiel ,Beschäftigungssicherungstarifvertrag’."

So isses, und leider gilt: Je länger die Wörter, je leerer die Hirne. Die Vorliebe für Wort-Ungetüme und grausame Sprach-Verhunzungen durchzieht diese Magazine wie ein roter Faden. Selbst das Fachblatt für Medienmitarbeiter, die ver.di-Zeitschrift „M – Menschen machen Medien“ kommt mit derart sauertöpfischen Überschriften und erzlangweiligen Texten daher, dass es schwer fällt, aus diesem faden Grau in Grau auf die derzeit wirklich dramatische Arbeitsmarktsituation für Journalisten zu schließen. Es wird gejammert, ja; über Auswege, Aufbrüche, neue Konzepte nachgedacht wird nicht. Jobs zu schaffen, dafür sind ganz offensichtlich andere zuständig. Nur wer bloß? Warum etwa überlebt die selbstverwaltete „taz“ die große Medienkrise, während reihum die großen Verlage ihre Redaktionen zusammenschrumpfen? Warum interessieren sich deutsche Verleger immer weniger für „Qualitätsjournalismus“? Keine Ahnung. Kein Thema.

Besitzstandswahrung, Traditionspflege, Nostalgie: Wer ihre Zeitschriften liest, erfährt, was deutsche Gewerkschafter heute bewegt – und was eben nicht. Schwächephase? Mitgliederschwund? Ansehensverlust? Machtkämpfe? Programmdefizite? I wo. Selbst die „Gewerkschaftlichen Monatshefte“, die vielleicht noch am ehesten ein Debattenforum über Zukunft, Zweck und Ziel dieser Institutionen sein könnten, beschäftigen sich in diesem heißen Sommer vorwiegend mit Nabelschau: Zwei längliche Nachrufe auf bereits verstorbene Gewerkschafter (Jahrgang 1902 und 1903) – und nur im Vorwort die Erkenntnis: „Die Gewerkschaften stecken in der kritischsten Phase seit Menschengedenken“. Immerhin verspricht der Chefredakteur, dass ab September „Aspekte der akuten Krise“ analysiert und erörtert werden sollen. Das lässt natürlich hoffen.

Die Autorin ist Chefredakteurin der Zeitschrift „Internationale Politik“.

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