Medien : Wo ein Bäcker seine Bäckerin umbringt

Melancholische Mörder, diskrete Kommissarinnen – und der Jubiläums-„Tatort“ kommt aus Bremen

Katrin Hillgruber

Auf einem Campingplatz in Lothringen nahe der Grenze zum Saarland: Der Geschäftsführer einer Firma, die Wohnmobile herstellt, hat seine zänkische Frau ermordet, die Leiche in einen blauen Müllsack verpackt, auf den Platz gefahren und unter einem ungenutzten Wagen am Rand des Geländes versteckt. Er und seine französische Geliebte sind ins Visier des chronisch schlecht gelaunten Saarbrücker Kommissars Horst Schäfermann (Manfred Heidmann) geraten. Als der ungenutzte Wagen von Angestellten des Campingplatzes weggefahren wird, weil ein Baum gefällt werden soll, stürzt der Täter ins Freie hinaus, der Kommissar folgt ihm gemessenen Schrittes – und beide schauen auf den blauen Müllsack.

„Tote reisen nicht umsonst“ heißt dieser 116. „Tatort“ vom 21. September 1980, den Rolf von Sydow inszenierte, und er bleibt vor allem wegen seiner spektakulären Schlusseinstellung im Gedächtnis. Der Spannungsaufbau ist mustergültig, da der Zuschauer die Chance erhält, an ihm in Echtzeit teilzuhaben. Ganz ähnlich verhält es sich auch in einem anderen „Tatort“ jener Zeit, in dem jedoch von Anfang an „Alles umsonst“ (Regie: Hartmut Griesmayr) ist: Der Hannoveraner Hauptkommissar Nagel, gespielt von Diether Krebs, setzt darin einen Bäckermeister einem Katz-und-Maus-Spiel aus. Der Verdächtige hatte ebenfalls seine tyrannische Ehefrau wegen der fordernden Geliebten umgebracht und zur Tarnung einen Einbruch simuliert. Der Film von 1979 besteht fast nur aus Innenaufnahmen; je aussichtsloser sich der melancholische Bäcker in seine Aussagen verstrickt, desto mehr verengt sich die Perspektive zwischen Mehlsäcken und Kegelbahn.

Die Fixierung des Umfeldes im Fadenkreuz der Ermittlung, die sorgfältige und nachvollziehbare Demontage des Bürgerlichen, die Demaskierung von Lebensträumen: Das alles lässt sich als Lob der Langsamkeit apostrophieren und gehört nach wie vor zu den großen Vorzügen des Fernseh-Dinosauriers „Tatort“.

Die alten Episoden bestechen durch präzise Ausleuchtung der einzelnen Milieus, durch die überzeugende Psychologie ihrer Protagonisten. Vor allem aber ließen sie der jeweiligen Geschichte Zeit, sich zu entwickeln. Heute, unter dem Diktat der Fernbedienung, muss das Verbrechen in den ersten fünf Minuten geschehen, und ebenso schnell treten die Kommissare auf den Plan, die außerdem oft einen „Leistungskurs Humor“ belegt haben (vor allem in Bayern), wie der Drehbuchautor Günter Schütter treffend bemerkte. Dabei stellt sich schon die Frage, ob es nicht reizvoller ist, dem Mörder beim Aushecken seiner Pläne über die Schulter zu schauen und dadurch komplizenhaft einen Informationsvorsprung zu teilen, bevor die Fahnder auf den Plan treten.

„Jeder Tatort ist ein Versprechen, das eingelöst werden will, seine Geschichte bleibt unverwechselbar“, sagt Gunter Witte, der als Chefdramaturg des WDR die Reihe erfand. Der „Tatort“ wurde in der Kantine des Hessischen Rundfunks in Frankfurt geboren. Dorthin hatte Fernsehspielchef Hans Prescher 1969 Kollegen wie Witte oder Dieter Meichsner vom NDR eingeladen, um nach dem föderalen Prinzip der Bundesliga dem „Kommissar“ und später dem „Alten“ des ZDF erfolgreich Paroli zu bieten.

Während früher ernste Alleinermittler wie der vornamenlose SDR-Kommissar Lutz oder das hierarchische Modell Elder Statesman und blutiger Anfänger, sachlicher Buletten-Esser und naschhafter Komiker (Haferkamp und Kreutzer) vorherrschten, sind heute antiautoritäre Patchwork-Modelle zu besichtigen. Die „Life Balance“ der Kommissare zwischen Arbeit und Privatleben hat sich verändert, nicht erst seit dem Auftreten der vielen Neuen in Konstanz, Kiel, Hannover, Hamburg, Frankfurt und Münster, wo mit dem Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) die Infantilisierung des Genres munter fortschreitet.

Die Ermittlerinnen, deren Doyenne Nicole Heesters als energische und dennoch damenhafte Mainzer Oberkommissarin Marianne Buchmüller verkörpert, verhalten sich dienstbeflissener und privat diskreter, als müssten sie nach wie vor beweisen, als Frau für den Job geeignet zu sein. Sabine Postel sagt über ihre intuitiv hochbegabte Bremer Kommissarin Inga Lürsen: „Ihre Arbeit fordert eine gewisse Unabhängigkeit und Abrufbarkeit, ein ständiges Stand-by. Das alles lässt im Grunde eine ‚normale’ Beziehung nicht zu.“

Radio Bremen gebührt die Ehre, nach der 500. Folge „Endspiel“ vor drei Jahren heute auch den 600. „Tatort“ zu präsentieren: „Scheherazade“, inszeniert von Claudia Prietzel und Peter Henning und mit einer sensationell spielenden Esther Zimmering in der Titelrolle. Zu den runden Jubiläen soll es stets etwas Besonderes sein: Zur hundertsten Folge 1979 fiel beim WDR „Ein Schuss zuviel“. Im 200. „Tatort“ „Blutrausch“ ermittelte Aushilfskommissarin Inge Meysel an der Seite der Hannoveraner Polizeisau Luise. Die 300. Folge bot in himmelschreiendem Plüsch-Naturalismus einen Mord im Volksmusik-Stadl, die 400. ein fatales Familiendrama mit Christian Berkel.

Paprikarot und currygelb wie eine orientalische Gewürzmischung versucht sich „Scheherazade“ mit einem dominanten optischen Konzept an einer Zusammenführung von Orient und Okzident, verhebt sich dabei schmerzlich mit Verschwörungstheorien zum 11. September.

Es ist ein Privileg der Reihe, dank des konstanten Zuschauerinteresses die Balance zwischen ungewohnten bis radikalen Erzählweisen und gesellschaftlich relevanten Stoffen immer wieder neu zu erproben. Der Kölner Fall „Minenspiel“ oder die RBB-Produktion „Todesbrücke“, in der indirekt die seelische Verwüstung durch Dauerarbeitslosigkeit thematisiert wurde, haben das jüngst vorgeführt. In 35 Jahren verwächst sich manches; für den 601. „Tatort“ besteht also Hoffnung.

„Tatort“, 20 Uhr 15, ARD

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