Medien : Wo ist Boris?

NAME

Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren geht es der Werbebranche mächtig ans Ego. Die Agenturen, selbst ernannter Motor der deutschen Wirtschaft, haben gut fünf Prozent weniger Umsatz in den Designer-Täschchen – sagen die Oberen der Reklame-Verbände. Tatsächlich sind die Einbrüche massiver. Was sich unter anderem an den Geldern nachprüfen lässt, die für TV-Werbung ausgegeben werden: Bis zu 20 Prozent minus.

Ihnen als Zuschauer kann es nur recht sein. Viele Spots, die beim Anschauen zu Parodontose und wunden Mandeln führten, liegen auf Eis. Wo ist Dr. Best mit der legendären Gummi-Tomate geblieben? Wann haben Sie, äh, zum letzten Mal, äh, Boris Becker, äh, gesehen – außer in „Bunte“, „BamS“, ach ja, und auch in der „SZ“? Was ist mit Verona Feldbusch und ihrer Kettensägen-Stimme? Früher zerlegte sie vier Produkte gleichzeitig. Zur Zeit ist es eins, an das ich mich aber leider nicht erinnere. Wo versteckt sich Franzl Beckenbauer, der Oberklugschwätzer aus Obergiesing? Im Gemeindehaus eines Starnberger Golfclubs? Selbst Günther Jauch, Liebling aller Seniorenheime, macht Urlaub von der Werbung. (Vermutlich auf den Urwaldflecken in Zentralafrika, für die er das Krombacher-Bier verkauft hat.)

Trotzdem könnte die Krise in der TV-Werbung ruhig brutaler sein. Dann würde es auch Manfred Krug und seinen Spezi erwischen und die Käufer von Telekom-Aktien müssten nicht mehr den postsenilen Singsang für irgendein seltsames T-Angebot anhören. Außerdem wäre uns der Günter Netzer mit den vielen Genitiven erspart geblieben. Zur Zeit lobpreist er mit seiner links- rheinischen Zubettgehstimme irgendeine neue Form der Geldanlage. So gesehen, war der Franzl mit dem Gelben Strom fast eine Offenbarung. Reinhard Siemes

0 Kommentare

Neuester Kommentar