Medien : Wo ist die Botschaft?

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Talk vor Mitternacht spezial. N 3. So geht das heute in Deutschland, wenn man betrügt oder betrogen wird, wenn man verlässt oder verlassen wird: Man bekommt, zur Belohnung oder zum Trost, eine Fernsehsendung. Prominente Beispiele sind Verona Feldbusch und Naddel Abdel Farrag, die sich erst als Geliebte von Dieter Bohlen und dann als Moderatorinnen der Erotik-Show „Peep!“ abwechselten. Im Fall des ehemaligen Schweizer Botschafterpaars Thomas und Shawne Borer-Fieldung entpuppte sich Thomas Borers Affäre mit einer Parfümverkäuferin als frei erfunden. Die Schweizer Zeitung „Sonntags-Blick“, die die Geschichte verbreitete, entschuldigte sich bereits auf ihrer Titelseite. Die Showkarriere der beiden Borers war da aber schon nicht mehr aufzuhalten.

Während Shawne, wie Boulevard-Zeitungen zu entnehmen war, noch mit dem Berliner Theater des Westens um eine Rolle im Musical „Vom Geist der Weihnacht“ verhandelte, saß Ehemann Thomas schon beim NDR in der Maske. Am Montagabend hatte er seinen Einstand als Moderator der Sendung „Talk vor Mitternacht spezial“. Sein Gast war der BDI-Vizepräsident Hans-Olaf Henkel.

Thomas Borer hatte zwei Helfer, zwei Co-Moderatoren: die MDR-Journalistin Alexandra Gerlach und den früheren „Aktenzeichen XY“-Moderator „Peter Butz, äh, Butz Peters, Verzeihung!“, wie Borer den Dritten im Bunde vorstellte. Er war ganz schön aufgeregt. Das war nicht schlimm, das machte ihn sogar sympathisch. Und trotzdem bewies sein erster Talkshow-Auftritt, dass Popularität nicht alles ist, was ein Moderator braucht.

Bei der Anmoderation starrte Borer mit seinen großen Augen in die Kamera, als wollte er die Zuschauer hypnotisieren. Seine Wortmeldungen glichen dann oft kleinen Referaten, die er gern mit dem Satz „Wie stehen Sie dazu, Herr Henkel?“ abschloss.

Thomas Borer also referierte über die Deutschen, die am liebsten Managern die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik übertragen würden, und über die Amerikaner, die Misstrauen gegenüber Männern aus der Wirschaft hegten. Hans-Olaf Henkel referierte über das „verrottete“ Bildungssystem Nordrhein-Westfalens und über die Sinnlosigkeit des Kampfes gegen die Globalisierung: „Da kann man auch gegen das Wetter kämpfen.“

So ählich, denkt man sich, wurde bestimmt auch auf den Empfängen der Schweizer Botschaft geplaudert. So formell und affirmativ: „Wie Recht Sie doch haben, Herr Doktor.“ Hans-Olaf Henkel jedenfalls, der fast sein ganzes Berufsleben lang in Talkshows die Rolle des Buhmanns spielen musste, wurde am Montagabend bei „Talk vor Mitternacht“ hofiert, als wäre er der Retter der Bundesrepublik. Wir brauchen Leistung, Wettbewerb und Qualität – so ähnlich hat Henkel schon immer geredet. Peters und Gerlach lauschten, als hätten sie’s zum ersten Mal gehört. Borer nickte: Henkel und er sind Männer vom gleichen Schlag.

Thomas Borer soll bei n-tv eine eigene Talkshow-Reihe bekommen. Dafür muss er noch lernen. Vor allem auch mal zu widersprechen. Barbara Nolte

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