Medien : Wo Parteiabzeichen lächeln

„Uwe Johnson sieht fern“: Dokumentation über den Kritiker des Ostprogramms

Caroline Fetscher

„Schämt ihr euch überhaupt nicht?“, ruft ein DDR-Arbeiter seinen Kumpels zu. In unwürdiger Gier hatten die sich auf von Westbesuchern verschenkte Westzigaretten gestürzt. In der fürs Ostfernsehen 1964 gedrehten Szene scheinen wie in einem reichen Speicher alle Elemente enthalten, die zum Sendebewusstsein des Ostsenders gehörten: Didaktik, Exempel, Moral, Ideologie, Manipulation, das Suggerieren freier Wahl, die Illusion von Partizipation, sozialistischer Realismus, paranoide Abgrenzung von den „Imperialisten“ auf der anderen Seite des „antifaschistischen Schutzwalls“. Im Westen war das von Adlershof bei Treptow ausgestrahlte Ostprogramm zu empfangen, doch den Abdruck der Vorschau boykottierten westliche Medien, allen voran die Berliner Springerpresse.

Als dann der Schriftsteller Uwe Johnson, geboren 1934, aus der DDR umgesiedelt nach West-Berlin 1959, mit dem Tagesspiegel einen Vertrag als Ost-Fernsehkritiker schloss, wurde dieser zur ersten Zeitung, die Programmvorschauen des Ost-Fernsehens druckte. Johnson nahm für die Zeitungsleser unter die literarische Lupe, was im Ostfernsehen geboten wurde, und – vielleicht lag das auch an Johnsons Auswahl – das grenzt aus heutiger Sicht oft ans Groteske, Surreale. 99 Kritiken verfasste er 1964 für den Tagesspiegel, sie erschienen dreiundzwanzig Jahre später in der edition suhrkamp unter dem Titel „Der fünfte Kanal“. Aus dieser Sammlung hat die Regisseurin Saskia Walker einen exzellenten Film gemacht, der die im Archiv aufgestöberten Sendungen sowie die Artikel und deren Autor auf mitunter fast unheimliche Weise ins Leben ruft. Walker lässt die Schriftsteller und das Medium wiederum medial aufeinandertreffen, in einer Reflexion der Reflexion, die selten vorkommt.

Uwe Johnson schrieb manchmal mit ethnografischer Distanz, beschreibend und dabei offenlegend, griff manchmal auch nur Sekunden aus einer Sendung heraus, etwa einen minimalen, mimischen Moment. „Innig amüsiert“ lächelt ein Nachrichtensprecher „ganz allein in sein Parteiabzeichen hinein“, als er vom Neuschnee auf dem Ätna berichtet – den ja kein DDR-Bürger sehen darf –, es „entsteht“, notiert Johnson, „eine peinliche Vertraulichkeit, ohne Grundlage und echte Beziehungen“. Wackere Rotarmisten packen als Erntehelfer auf staatlichen Kartoffeläckern mit an, sozialistische Konsumentinnen testen einen neuen Artikel aus volkseigener Produktion, einen „Büstenhalter mit Spitzen“, und zeigen sich zufrieden. Mit schwerem Ernst debattiert eine Expertenrunde die Rolle des Niederschlags für die Landwirtschaft, und unter Jazzklängen und Panzerbegleitung wird die Mauer gebaut. Szenen aus den Auschwitzprozessen in Frankfurt am Main lässt die DDR-Regie nachspielen, anstatt direkt zu dokumentieren, und Johnson kommt es vor, als hätten die um ihre Stimme, ihre Geschichte betrogenen Zeugen „überlebt zu dem Zweck, die Bundesrepublik zu diffamieren“. „Abzuraten“ lautete die Überschrift seiner Kritik.

Regisseurin Saskia Walker verwendet ausführliche Ausschnitte, kontrastiert mit Erinnerungen von Jugendfreunden und anderen, und mit Passagen aus Johnsons Texten. Hinter seinen trocken wirkenden Beobachtungen, getroffen aus der Distanz des Fern-Sehenden, steckt tiefgehende Analyse, gelegentlich auch sarkastischer Humor. Das geht bis zur fabrizierten Zeitungsente, das Ostfernsehen hätte einen Beatles-Film gezeigt, das „Neue Deutschland“ die Lautstärke der Songs gerügt. Reines Experiment: Johnson wollte ausprobieren, ob Redakteure und Publikum drauf reinfallen. Sie fielen. Und er saß in seiner Friedenauer Dachwohnung, Niedstraße 14, mit dem Fernsehapparat, den ihm der Tagesspiegel ausgeliehen hatte, und amüsierte sich über Ost wie West – drei Jahre übrigens, ehe diese Wohnung, als Johnson in New York war, von der „Kommune 1“ besetzt wurde, bis der Niedstraßen-Nachbar Günter Grass die Wohnung auf Johnsons Wunsch von der Polizei räumen ließ. Bleibt am Ende nur zu bedauern, dass das heutige Fernsehen dieses Dokumentarfilm-Juwel ins Spätprogramm geschoben hat.

„Uwe Johnson sieht fern“, Dienstag, NDR, 23 Uhr 05; „Jahrestage“, vierteilige TV-Verfilmung nach Uwe Johnsons Roman, 1. und 2. Teil, NDR, Montag ab 0 Uhr 45, 3. und 4. Teil, NDR, Dienstag ab 0 Uhr 15

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