Medien : Wo Ulla Schmidt sich drückt

„Frontal 21“ kommt weniger bei der Politik an als beim Publikum

Joachim Huber

Sie machen Information, und sie wollen Unterhaltung: Claus Richter und Theo Koll, die beiden Redaktionsleiter und Moderatoren von „Frontal 21“. Für die Information sorgen sie selbst im „erfolgreichsten wöchentlichen Magzin im deutschen Fernsehen“, wie die ZDF-Werbung dröhnt. Durchschnittlich 3,7 Millionen Zuschauer nach hundert Ausgaben sind eine bemerkenswerte Marke. Damit der Pegel weiter steigt, wollen Koll und Richter ein anderes Vorläuferprogramm – nicht die bisherige Dokumentation, sondern eine saftige Unterhaltung, Serie, Volksmusik, Krimi, egal, Hauptsache, viele der vielen Millionen Zuschauer folgen dem Primat des „Audience flow“ und switchen zu „Frontal 21“.

Dort erwartet sie harter deutscher Magazin-Journalismus. Nicht so kreischig wie in den ARD-Pendants, sondern mit kühlem Blut produziert und serviert. Theo Koll, der Moderator, steht wie festgeschraubt an seinem blauen Pult, seine Stimme geht nicht hoch und nicht runter, vielleicht hebt sich mal eine Augenbraue. Ehe Koll 2001 beim neu gegründeten „Frontal 21“ einstieg, war er acht Jahre lang Korrespondent in London. Den englischen Habitus pflegt der stellvertretende Leiter in der Arbeit und beim Auftritt. Auch „Frontal“-Chef Claus Richter kam von außen in die Berliner Redaktion. Er war Korrespondent in Südostasien und in Moskau, er war Chefreporter des ZDF.

Beide zeigen sich entsetzt vom geringen Tempo, mit dem in Deutschland die allseits angemahnten Reformen angegangen werden. Andererseits saugt das Magazin daraus seinen Honig, innenpolitisch gesehen: „Rente – Mittelstand – Arbeitsplatz“; in diesem Dreieck sammelt sich das größte Zuschauerinteresse, hat Richter festgestellt. Weitere Schwerpunkte seit dem Sendestart im April 2001 bildeten die Berichterstattung über den internationalen Terrorismus und Beiträge zur Zeitgeschichte, die sich mit den unmittelbar vor „Frontal 21“ gesendeten Dokumentationen verbanden. Nicht alle Themen – in der Regel sollen sie wochenaktuell sein – finden auch mit den Betroffenen statt. Mancher Politiker sitzt heute lieber in der Talkshow („dort bin ich authentisch“) als dass er in einem Magazin-Stück vorkommen will („dort werde ich verzerrt“). Koll und Richter drucksen bei Namen herum, einigen sich dann aber auf Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: „Aber das Stück über die Gesundheitsreform kommt auf den Schirm,“ betont Richter. Von politischen Pressionen auf die Redaktion weiß er nichts.

Der „Frontal“-Mann war von Mitte der 70er Jahre bis 1981 freier Mitarbeiter und dann Redakteur bei „Monitor“. Verglichen mit früheren Hysterien nach einzelnen Beiträgen (Der Wurm im deutschen Fisch!) sind die Aufgeregtheiten um Magazine im deutschen Fernsehen stark abgeflacht: „Das einzelne Magazin“, sagt Richter, „hat nicht mehr diese Wucht.“ Zugleich, und da hellt sich die Miene der „Frontal“-Leute beim Pressegespräch im Berliner Studio auf, nehmen alle Magazine an Einschaltquoten und Marktanteilen zu. Koll führt dies auf die „Krisen- und Umbruchsituation in Deutschland“ zurück.

Die Konkurrenz unter den Magazinen ist hart, zumal im eigenen Haus. Koll und Richter betonen, dass die Redaktion am Freitag ihre Themen für die Sendung am Dienstag preisgibt, damit sich die Überschneidungen mit den Recherchen anderer Ressorts in Grenzen halten. Trotzdem gibt es diese Doppelungen, und wenn es hart auf hart kommt, dann sendet „Frontal 21“ immer noch vor den „Reportern“ am Mittwoch, wie Richter erklärt.

Stolz ist die Redaktion auf einige journalistische Scoops in den bald hundert Ausgaben (Jubiläum ist am nächsten Dienstag). So konnte das Magazin bereits Anfang März 2003 nachweisen, dass ein Großteil der präsentierten Beweise zu den Massenvernichtungswaffen des Irak entweder nicht stichhaltig waren oder auf gefälschten Dokumenten beruhten. Diese Recherchen fanden ein breites, öffentliches Interesse, selbst in den USA.

Diese und andere Storys haben den Ruf des Magazins gefestigt, vorurteilsfrei zu berichten, nach allen Seiten auszuteilen, eine harte, aber faire Gangart zu wählen. Das gilt nicht und soll gar nicht für die „Toll“- Satire am Ende einer jeden Sendung gelten. Die besten „Tolls“ gibt’s bald auf DVD zu kaufen. Denn Koll und Richter machen Unterhaltung, und sie wollen Information.

„Frontal 21“: 21 Uhr, ZDF

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