Medien : Wo waren Sie am 11.9.?

Es wird immer mehr hin- und hergebloggt. Nun entdeckt das Netz die Geschichtsschreibung von Jedermann

Markus Ehrenberg

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo eine Seite online geht, in der die sogenannte Blogosphäre, die Welt der Internet-Tagebücher und sozialen Netzwerke, beschworen wird. Web 2.0, die Möglichkeit für Millionen Menschen, unzählige Bilder und Texte ins Netz zu stellen. Das Zauberwort: User Generated Content, wie es im Computerslang heißt. Keine Zensur, Mitteilungsrecht für alle – wunderbar!, schwärmen die einen. Diese Informationsinflation, die bis ins privateste Detail geht, sorgt für Kommunikationskollaps, schimpfen die anderen. You Tube, MySpace, Flickr, Facebook, Twitter und wie die Seiten alle heißen, schön und gut, nur: Wer soll das alles schreiben und vor allem – lesen, sehen?

Von daher sind die Vorschusslorbeeren, die das Portal miomi.com, online ab kommender Woche, erhielt, mit Vorsicht zu genießen. Miomi will Geschichte im Internet machen, Geschichtsschreibung von Jedermann. Das Internet entdecke den Faktor Zeit, da komme ein europäisches YouTube auf uns zu, welches das Netz und seine Inhalte revolutioniere – so geisterte es durch einschlägige Medien, noch bevor das Portal überhaupt online ist. Der Dot-com-Hype lässt grüßen. Die Seite soll nach dem Gewinn des renommierten Idea Idol Awards der Universität Oxford mehrere Millionen Dollar Start-up-Finanzierung bekommen, auch wenn es keine 100 Millionen sind, wie Thomas Whitfield, einer der drei Miomi-Macher, im Gespräch mit dem Tagesspiegel versichert.

Was ist so viel Geld wert? Geschichtsthemen gehören im World Wide Web nicht zu den Favoriten der Massen. Draußen, in der nicht-virtuellen Welt, boomt Geschichte, wie man gerade an der Nazi-Debatte sieht. Bei miomi.com sind Menschen dazu aufgerufen, auf einem Zeitstrahl persönliche Momente zu markieren: den ersten Kuss, die Einschulung des Kindes, den Geburtstag der Großmutter. Das alles direkt neben Ereignissen, die die große Welt bewegten, wie der deutsche Herbst 1977, der elfte September 2001, Woodstock oder das iranische Atomprogramm. User Generated History heißt der Trend, den auch Spiegel Online mit seinem Ableger „einestages.de“ bedient. Die Idee: Im Internet soll Geschichte nicht mehr allein von den Großen und Mächtigen geschrieben werden. Mit Fotos, Videos und Blogs ordnen sich Nutzer in den allgemeinen Zeitstrahl ein, ergänzt durch allgemeinhistorischen Input von Encarta, Wikipedia oder Brockhaus. Ein systematischer Ansatz, wie er im Netz noch nicht verfolgt wurde. Möglichst ohne Nazi-Propaganda übrigens, dafür sollen, so Whitfield, „strenge Filterautomatismen“ sorgen.

Bestenfalls ergibt das ein kollektives Gedächtnis der Welt, wie es keine Enzyklopädie online oder offline zusammentragen kann, schlimmstenfalls eine weitere Möglichkeit, seine Zeit vorm Computer mit Fragen zu vertun à la: wie viele Menschen haben sich an einem bestimmten Tag geküsst? Oder: Wer saß vorm verhüllten Reichstag? Wobei die Frage, wo man sich zum Zeitpunkt der Anschläge am 11. 9.2001 genau befand, wirklich eine der meistgestellten in diesem Jahrhundert sein dürfte. Auf den Zeit-Portalen gibt es viele Antworten.

Zu viele? Stimmt, nicht jeder habe etwas zu sagen, meint Internet-Experte Ossi Urchs. Spannend finde er an den „historisierenden“ Portalen einen anderen Aspekt: die Rückkehr der „oralen Tradition“ – hier soll erlebte Geschichte weitererzählt werden. Das sieht Medienforscher Jo Groebel ähnlich. „User Generated Content mag als Aktivität an und für sich zurückgehen, inhaltlich spannende oder biographisch motivierte Möglichkeiten sind davon aber nicht betroffen.“

Stichwort Biografien. Eine Studie hat herausgefunden, wer da im Web 2.0 Tag für Tag liest und schreibt. 41 Prozent der Blogbesitzer sind unter 20 Jahre. Blogleser sind deutlich älter, 35 Prozent über 40 Jahre alt und nur 20 Prozent unter 20. Ein Drittel der Beiträge bei Wikipedia stammt von Schreibern, die noch keine 20 Jahre alt sind. Warum sollte es bei einem Netzwerk zur Geschichte anders sein? Damit sich für kostenlose Portale wie miomi irgendwann Sponsoren interessieren, müssen selbst internetaffine Menschen noch überzeugt werden. Einer schrieb in einem Forum: „Was will ich mit dem Lebenslauf eines x-beliebigen Menschen? Da wird wieder das Netz mit unnötigem Mist vollgemüllt.“

www.miomi.com

http://einestages.spiegel.de

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