Wolff-Christoph Fuss : "Du bist bewaffnet bis über beide Backen"

TV-Reporter Wolff-Christoph Fuss über gute Fußball–Kommentare, die Lust auf Kerner, Lucio, das geteilte Meer und Jägersteaks.

Gast im Wohnzimmer. Wolff-Christoph Fuss, 34, gehört zu den beliebtesten Kommentatoren in Deutschland. Heute berichtet er vom Champions-League-Halbfinale Schalke 04 gegen Manchester United (Sat1, 20 Uhr 15). Er begann seine Karriere 1997, kam bei Sendern wie DF1, Premiere oder Liga Total! so gut an, dass er sein BWL-Studium hinwarf.
Gast im Wohnzimmer. Wolff-Christoph Fuss, 34, gehört zu den beliebtesten Kommentatoren in Deutschland. Heute berichtet er vom...Foto: Sat1

Glückwunsch, Herr Fuss, zur Wahl des besten TV-Reporters bei der „Sport Bild“. Ihr erster Titel, mit 34?

Danke. Das war eine Zuschauer-Wahl, das ist immer was Besonderes. Ich fühle mich da sehr geehrt.

Auf YouTube im Internet haben Fans Best-of-Videos Ihre Kommentare zusammengeschnitten à la „Wenn Lucio antritt, teilt sich das Meer“.

Ich merke bei Reaktionen im Stadion oder auch auf der Straße, dass meine Art beim Zuschauer wohl irgendwie ankommt. Ernst Huberty hat mal gesagt, wenn du 50 Prozent bei dir hast, dann ist es schon außergewöhnlich. Normalerweise ist der Job eines Fußballkommentators nicht der, wo einem Millionen Herzen zu fliegen. Du bist der Gast im Wohnzimmer der Leute, der, der nicht eingeladen wurde…

…der Leute, die vieles besser wissen.

Sicher auch, ja.

Wie macht man’s denn richtig für die vermutlich zehn Millionen Zuschauer am Dienstag Abend beim Schalke-Spiel?

Der ideale Kommentator? Das ist einer, der jedem Spiel offen gegenübersteht. Der sich von der Partie mitnehmen lässt, mit einer gewissen Emotionalität, das versteht sich von selbst, weil das Spiel halt auch von Leidenschaft lebt. Es geht sicher auch darum, zu 100 Prozent authentisch zu bleiben. Alles andere nimmt einem der Zuschauer nicht ab, wenn es aufgesetzt-euphorisch ist. Und: das Ganze in einer einwandfreien Sprache.

Gibt es einen speziellen Wortschatz für Fußball-Kommentatoren?

Den gibt es in der Tat. Ich versuche mich allerdings von diesen typischen Stehsätzen zu lösen.

Bei vielen Reportern schwingt öfters so ein Grundton mit, eine Tendenz, bei der man schnell erkennt, für welchen Verein das Herz schlägt, oder wohin der Kommentator das Spiel gerne hätte, mithin auch die Unfähigkeit, sich von mitgebrachten Stanzen zu lösen. Sie scheinen da selten in Gefahr zu geraten.

Andererseits, bei Inter gegen Schalke weißt du von vornherein: Inter ist turmhoher Favorit. Gerade in Europa-Cup-Spielen gehe ich bei deutschen Mannschaften mit einem gewissen Grundpatriotismus an die Sache ran. Ab der ersten Minute läuft es natürlich, wie es läuft. Das Spiel muss sich nicht nach mir richten, sondern ich nach dem Spiel.

Wie groß ist Ihr Zettel, der Block mit Wissenswertem in der Reporterkabine, wie groß der Anteil des Improvisierten während der Übertragung?

Ich gehe mit dem Anspruch ins Spiel, alles zu wissen. Du bist als Kommentator bewaffnet bis über beide Backen. Häufig wirst du nur fünf Prozent los. Bei dem Schalke-Hinspiel gegen Inter brauchte ich eigentlich gar nichts, nur die Aufstellung. Wenn’s im Rückspiel dann mal ein bisschen ruhiger läuft, okay, dann erzähle ich ein paar unterhaltsame Geschichten. Wie viel Schulden hat Schalke oder so.

Sie sind Jahrgang 1976. Hatten oder haben Sie Vorbilder, als Sportreporter?

Meine eigentlichen Vorbilder sind eher die guten Rhetoriker. Ehrlich, häufig wird schlechtes Deutsch verwendet. Auch wenn ich manchmal vielleicht etwas flapsig herüberkomme, das alles passiert idealerweise in hundertprozent korrektem Deutsch. Ansonsten Gerd Rubenbauer, Heribert Faßbender vielleicht.

Aber ein „’n Abend allerseits!“ wie Faßbender bringen Sie nicht.

Nein, aber ich höre immer gleich auf, sage: „Bleiben Sie sportlich.“

Werden Sie lieber als Reporter oder als Kommentator tituliert?

Letzteres. Die Übergänge sind da fließend.

Worauf ich hinaus will, als Fußball-Kommentator bilden Sie das Spiel weitestgehend ab, ein Moderator geht darüber hinaus, macht Entertainment. Würden Sie gerne mal Kerners Job übernehmen?

Das Wichtigste am Spiel sind immer die 90 Minuten. Und wenn die mal langweilig sind, muss ich auch unterhalten. Das, was davor und danach passiert, ist letztlich Hinführung und Weiterführung. Mein Kerngeschäft sind die 90 Minuten.

Nun dürfen sie via Sat1 noch ein-, zweimal mit Schalke gegen Manu groß ran, dann noch ein Jahr. Wie haben Sie es aufgenommen, dass die Champions-League-Rechte ab 2012/2013 zum ZDF wechseln?

Sportlich. So ist die Branche. Alle drei Jahre gehen die Fernsehrechte woanders hin. Immerhin wissen wir es diesmal über ein Jahr vorher, anders als bei der Kirch-Krise 2002. Das ist vergleichsweise komfortabel.

Das ZDF kann sicher gute Verstärkung gebrauchen. Haben Sie schon einen Anruf aus Mainz bekommen?

Bisher nicht. Schaun’ wir mal.

Sie könnten ja auch länger bei Sat1 bleiben. Der Sender hätte jetzt Geld frei, um sich andere schöne Fußball-Rechte zu kaufen, die Bundesliga zum Beispiel.

Man muss sehen, in welchem Rahmen die Angebote von der Deutschen Fußball Liga verteilt werden. Das ist im Moment noch hochspekulative Ware.

Mit Auswirkungen auf die Sportreporter-Zunft. Die gilt ja als große Karawane. Fußball-Rechte wechseln und mit ihnen die Reporter: „Sportschau“, „Anpfiff“, „ran“, wieder „Sportschau“, TM3 Champions League, RTL Champions League, Sat1 Champions League, Arena, Premiere, Sky, LigaTotal undundund. Mal läuft Spitzen-Fußball da, dann dort, dann wieder da, oft mit den gleichen Gesichtern.

Modernes Nomadentum. Du bleibst dabei natürlich immer in Bewegung. Im aktuellen Fall würde ich es bedauern, weil wir bei „ran“ eine so gute Truppe sind.

Zum Schluss, es gibt ja immer auch dieses Image des, sagen wir, robusten Sportreporters. Der US-Schriftsteller Richard Ford hat mal einen Roman geschrieben „Der Sportreporter“. Der Protagonist ist ein Mann, der die einfachen Dingen liebt: ein Jägersteak, ein Salatbuffet und eine Fernsehübertragung.

Da fühle ich mich überhaupt nicht angesprochen. Ich hoffe, dass mein Kommentar auch dadurch lebt, dass es eben nicht nur von der Wand bis zur Tapete gedacht ist, sondern ein Stück weit darüber hinaus (lacht). Jägersteak esse ich aber trotzdem gerne.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg

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