Wolfgang Fürstner über das Doku-Drama : Ein Albtraum von Olympia

Wie authentisch kann ein Doku-Drama über die Spiele von 1936 sein? Eine Annäherung mit Wolfgang Fürstner, dem Großneffen des Kommandanten des Olympischen Dorfes 1936.

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„Metapher für die Mechanismen dieser Diktatur“. Die Nationalsozialisten ließen Wolfgang Fürstner (in Uniform) fallen, als seine jüdischen Wurzeln bekannt wurden.
„Metapher für die Mechanismen dieser Diktatur“. Die Nationalsozialisten ließen Wolfgang Fürstner (in Uniform) fallen, als seine...Foto: WDR/Creativ Werbeagentur

Auf den kleinen Waldsee im Olympischen Dorf in Elstal war Hauptmann Wolfgang Fürstner, der die Anlage im Westen von Berlin im Auftrag von Wehrmacht und Führer baute, besonders stolz. Dass er sich dort nur kurz nach Ende der Spiele von 1936 erschießen würde, hat er sich im Jahr 1934, als er mit dieser Aufgabe betraut wurde, sicher nicht vorstellen können.

Genau mit dieser Szene, in der die Leiche von Wolfgang Fürstner im Waldsee treibt, beginnt das ARD-Dokudrama „Der Traum von Olympia“. „Nicht ganz authentisch, aber das muss es für einen solchen Film auch nicht sein“, sagt 80 Jahre später ein anderer Wolfgang Fürstner, der diesen Film – mit dem die ARD an „Die Nazi-Spiele von 1936“ erinnert – vor der Ausstrahlung angesehen hat.

Dieser Wolfgang Fürstner ist der Großneffe des damaligen Dorfkommandanten, der zuerst von den Nationalsozialisten mit diesem Prestigeprojekt betraut wurde, um ihn dann zu degradieren und in den Selbstmord zu treiben, weil sein Großvater Jude war. Der heute 72-jährige Wolfgang Fürstner ist kein Unbekannter: 14 Jahre stand er als Hauptgeschäftsführer dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger vor. Bei seiner Pensionierung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Als er erfuhr, dass das Schicksal seines Großonkels, des Dorfkommandanten Fürstner, verfilmt wird, befürchtete er, dass ein falsches Bild von seinem namensgleichen Verwandten gezeichnet werden könnte.

Florian Huber hat sich anfangs mit diesem ARD-Auftrag schwergetan, einen Film über die Olympischen Spiele von 1936 zu drehen. Von Huber stammt das Drehbuch zu „Ein Traum von Olympia“. Zusammen mit Mira Thiel hat er zudem Regie geführt. Er war für den dokumentarischen Teil, sie für den fiktionalen zuständig.

Anfangs hatte Huber unter Sportlern, dem Jugendehrendienst und Fernsehreportern von 1936 nach Personen gesucht, die eine emblematische Geschichte über die Ereignisse von vor 80 Jahren erzählen könnten. Irgendwann stieß er dabei auf Wolfgang Fürstner, zu dem es überdies eine Biografie von Roland Kopp gab. „Ich habe sehr schnell festgestellt, dass er eine sehr große Metapher für diese widersprüchlichen Spiele ist und für die Mechanismen dieser Diktatur“, sagte Huber dem Tagesspiegel.

"Ich halte es für völlig abwegig, dass Wolfgang Fürstner sich öffentlich kritisch über Juden geäußert hat"

Historikern war der Name Fürstner zwar bekannt, eine große Rolle spielte er jedoch nicht. In Bryan Mark Riggs Abhandlung „Hitlers jüdische Soldaten“ wird er kurz in einem Absatz genannt. Auch in der Familie war der Wehrmachts-Hauptmann später kein großes Thema. Dass sich der heute lebende Wolfgang Fürstner dennoch stark für ihn interessiert hat, hing vor allem mit der Namensgleichheit zusammen.

Immerhin schien der Fürstner von damals genau der richtige Mann für den Posten. Er war Systemträger, Sportfachmann und Offizier. Sein Olympisches Dorf wurde sogar von Jesse Owens gelobt. Wegen seines jüdischen Großvaters wendet sich das System jedoch gegen ihn. Trotzdem hält er bis zum Ende der Spiele durch, in soldatischer Haltung, und wartet mit seinem Selbstmord bis nach den Spielen, hebt Drehbuchautor Huber hervor.

„Fürstner sah anders aus als in dem Film, er hatte schärfer geschnittene Züge“, bemerkt der heute lebende Wolfgang Fürstner zu einer Filmszene, als ein Originalfoto des Dorfkommandanten zu sehen ist. Der Film ist voll von Material, das so zuvor noch nicht gezeigt wurde. Florian Huber hat es aus Archiven in Dänemark, Italien, Amerika, England zusammengetragen, zudem gab es reichlich deutsches Amateurmaterial, das mit den kleinen Bolex-Kameras gemacht wurde. Huber wollte möglichst gar nichts von Leni Riefenstahl und wenig aus der Wochenschau verwenden.

Der große Anteil von Originalmaterial sowie die Erzählweise des Dokudramas aus Sicht von Wolfgang Fürstner und der Hochspringerin Gretel Bergmann erwecken den Anschein von Authentizität, der jedoch nicht in jedem Fall eingelöst wird. „Die Zitate sind nicht historisch. Ich halte es für völlig abwegig, dass Wolfgang Fürstner sich öffentlich kritisch über Juden geäußert hat“, sagt der Großneffe. Im Film wird der Hauptmann mit dem Satz „Keine Juden im deutschen Sport“ zitiert.

„Er lebte in einer Gesellschaftsschicht (Fürstner stammte aus einer Gutsbesitzerfamilie und gehörte der Offizierskaste an), in der dies keine Rolle spielte und nicht thematisiert wurde“, so der ehemalige VDZ-Chef. Das Zitat ist tatsächlich nicht belegt. „Er hat diese Haltung aber so vertreten. Er war der Chef des Leichtathletik-Verbandes Berlin-Brandenburg, und dieser hat wie alle Verbände die jüdischen Mitglieder entlassen. Das war im Frühjahr 1933“, hält Drehbuchautor Florian Huber entgegen.

Waren das überzeugte Nazis oder nicht?

Bei so exponierten Personen wie Wolfgang Fürstner stellt sich immer die Frage: Waren das überzeugte Nazis oder nicht? Der Film gibt darauf keine Antwort. Huber verweist darauf, dass Fürstner bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten war. „Als Parteimitglied war er somit Nationalsozialist. In den Archivbildern und Filmausschnitten ist mir jedoch aufgefallen, dass er nie den ,deutschen Gruß‘ macht, sondern immer den militärischen. Er tritt immer als Vertreter der Wehrmacht und als Sportfunktionär auf. Ich empfinde ihn nicht als glühenden Nazi“, sagt Huber.

Anders als Wolf-Heinrich von Helldorf, der zwar 1944 wegen seiner Nähe zum Widerstand ermordet wird, aber als Polizeipräsident von Berlin während der Olympischen Spiele eine harte Linie vertritt und Sinti und Roma in Marzahn einsperrt. „Graf von Helldorf war ein Scharfmacher, ein Antisemit vor dem Herren, der sich an allen Krawallen beteiligt hat“, sagt Huber.

Trotz aller dokumentarischen Elemente ist „Der Traum von Olympia“ immer auch ein fiktionaler Film, dem es nicht allein um historische Wahrheit geht. Dass der Großvater des Dorfkommandanten Fürstner 1847 als Jude zum evangelischen Glauben konvertierte, wird im Film nicht thematisiert. Für Hubers Film war wichtig, dass er wegen des Rassegutachtens Gegenwind bekommen hat. „Das hat mit dem Grundgesetz der Diktatur zu tun: ,Wenn du zu uns gehörst, kannst du alles werden. Bist du auf der falschen Seite, dann ist das langfristig dein Todesurteil‘“. Bei Fürstner hat sich das bewahrheitet.

Für die Befürchtungen des Großneffen gilt das nicht. „Der Film ist beeindruckend, weil er zeigt, wie unvoreingenommen Wolfgang Fürstner seine Aufgabe als Kommandant des Olympischen Dorfes angenommen hat und wie er schleichend desillusioniert wurde. Abgesehen von kleinen Fehlern geht der Film für mich in Ordnung.“

„Der Traum von Olympia – Die Nazi-Spiele von 1936“, ARD, Montag, 21 Uhr 45

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