Worte der Woche : Die Schule brennt

Benedikt XVI. in den Medien: Vor dem Deutschland-Besuch bringt 3sat einen Thementag "Heilige Väter".

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Kaum ein Sender ohne Dokus und Filme zu Benedikt und seiner Biografie. Foto: 3sat
Kaum ein Sender ohne Dokus und Filme zu Benedikt und seiner Biografie. Foto: 3sat

„In der Welt sind Wahrheit und Irrtum, Wahrheit und Lüge immer wieder fast untrennbar vermischt“, schreibt Benedikt XVI. in seiner Jesus-Biografie. Gott sei der Maßstab des Seins und, da zitiert er Thomas von Aquin, „die höchste und erste Wahrheit selbst“. Die Unerlöstheit der Welt bestehe in der „Unerkennbarkeit der Wahrheit, die dann zur Herrschaft des Pragmatischen zwingt“. Aussichtslos erscheint da der Gedanke, im Fernsehen, wo die Pragmatiker herrschen, göttliche Wahrheit zu suchen. Immerhin gibt es „Das Wort zum Sonntag“. Das hat am Samstag kein Geringerer als der Papst gesprochen, fünf Tage vor seinem ersten „Staatsbesuch“ in Deutschland.

Am Sonntag steigt 3sat mit einem Rund-um-die-Uhr-Programm in den päpstlichen TV-Trubel ein. Beim Thementag „Heilige Väter“ werden ab 6 Uhr zahlreiche Dokus hervorgekramt, etwa der ZDF-Zweiteiler „Index – Die schwarze Liste des Vatikan“ (8 Uhr 30) mit Wolf von Lojewski. Unter den Spielfilmen ist „Papst Johannes Paul II.“ (22 Uhr 30) mit Jon Voight der frischeste. Als einzige „Erstausstrahlung“ verkauft der Sender die aktualisierte SWR-Doku „Der deutsche Papst“ (21 Uhr 45). Das durchaus freundliche Porträt von Joseph Ratzinger aus 2006 erzählt von der Wandlung des Theologen vom Konzilreformer zum konservativen Hardliner. Kirchenkritiker Hans Küng erinnert sich an gemeinsame Zeiten, und Theologieprofessorin Elisabeth Gössmann liest aus Briefen ihres Studienkollegen Ratzinger vor. Umstrittene Themen wie die Stellung der Frauen in der Kirche werden nicht allzu vertiefend angeschnitten.

Ergänzt wurde der Film durch die publik gewordenen Missbrauchsfälle. Ratzinger-Biograf John Allen bescheinigt dem damaligen Kardinal, dass er bereits 2001, als erste Fälle in den USA bekannt wurden, der einzige in der Kirchenleitung gewesen sei, der das Problem ernst genommen habe. „Alles wäre viel schlimmer, wenn Joseph Ratzinger nicht seinen Einfluss geltend gemacht hätte – vor und nach seiner Wahl zum Papst.“ Was Ratzinger beziehungsweise Benedikt XVI. genau unternommen hat, und wieso es Jahre dauerte, ehe Konsequenzen gezogen wurden, dazu findet die Autorin keine Erklärung. Am Abend wird sich noch Guido Knopp in einer „History“-Ausgabe (ZDF, 23 Uhr 40) mit der Jugend Ratzingers im Dritten Reich beschäftigen. Und bevor der Papst am Donnerstagvormittag in Berlin landet, blickt Margarethe Steinhausen in ihrer 45-minütigen Doku „Der Papst in Deutschland: Zwischen Sturm und Grabesruhe“ (Montag, ARD, 22 Uhr 45) auf das katholische Deutschland.

Was bleibt von all dem hängen? Biograf Allen zieht bei 3sat ein drastisches Fazit. Benedikt XVI. sei ein großer Lehrer unter den Päpsten. „Leider ist sein Klassenzimmer leer, weil die Schule gerade abbrennt.“ Aber das muss ja nicht die Wahrheit sein. Thomas Gehringer

Thementag „Heilige Väter“,

3sat, ab 6 Uhr

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